Unternehmen wollen Kriegsflüchtlinge integrieren

Spenden, Hilfstransporte, private Unterkünfte – die Unterstützung für Geflüchtete aus der Ukraine ist groß. Was vielen jedoch fehlt, ist eine Perspektive. Hier will die rheinland-pfälzische Wirtschaft nun ganz gezielt ansetzen und vor allem Arbeitsplätze zur Verfügung stellen. So wie ein mittelständisches Familienunternehmen aus dem Landkreis Bad Dürkheim.

Hier ist noch echte Handarbeit gefragt. Auch nach über 80 Jahren Firmengeschichte. In der Wellpappenfabrik in Grünstadt-Sausenheim produzieren 190 Mitarbeiter im Zwei-Schicht-Betrieb Wellpappe und Verpackungen. Helfende Hände werden immer gebraucht. Und so könnten nach kurzer Einarbeitung ab sofort fünf Arbeitssuchende aus der Ukraine mit anpacken.
Detlev Wessel, Geschäftsleitung Wellpappenfabrik Grünstadt-Sausenheim
„Wir gehen mal davon aus, dass es sich nicht um Geflüchtete handelt, die hier Papierverarbeitungsmaschinen bedienen können. Aber sie können als Helfer eingesetzt werden, bei Handarbeiten, bei Einlagen oder hinten auch bei Abnahmen. Oder bei Verschlussarbeiten.“
Fehlende Deutschkenntnisse seien kein Problem. Die neuen Mitarbeiter wären nicht die ersten aus der Ukraine. Nach Ansicht von Detlev Wessel sollten in der gegenwärtigen Situation nicht unternehmerische Interessen im Vordergrund stehen. Tatsächlich könne die Fabrik, die in dritter Generation vom Inhaber geführt wird, jederzeit auch auf deutsche Leiharbeiter zurückgreifen.
Detlev Wessel, Geschäftsleitung Wellpappenfabrik Grünstadt-Sausenheim
„Bei all dem Schrecklichen, was da drüben passiert bei uns vor der Haustür, haben wir uns letzten Endes gesagt, dass es sehr sinnvoll und hilfreich sein kann, den Menschen, die hierherkommen, zumindest mal in einer Übergangszeit, bis sie möglicherweise in ihr Land zurückkönnen, eine Tätigkeit zu verschaffen. Damit sie hier eben auch, wo wir sagen, beschäftigt sind, Geld dazuverdienen können.“
So wie Detlev Wessel dürften derzeit viele Unternehmer in Rheinland-Pfalz denken. Die Industrie- und Handelskammern und das Wirtschaftsministerium haben daher bestehende Initiativen sowie Informations- und Hilfsangebote gebündelt. Auf dem neuen Online-Portal „Wirtschaft hilft“.
Jan Glockauer, Hauptgeschäftsführer IHK Trier
„Es ist eben bislang so, dass wir eine hohe Welle der Hilfsbereitschaft spüren. Und dass wir genauso auch von den Ukrainerinnen und Ukrainern merken, dass sie gerne arbeiten möchten. Insofern ist es jetzt der richtige Zeitpunkt, hierfür auch die Informationen, die dafür benötigt werden, zur Verfügung zu stellen. Sowohl für die betriebliche Seite, aber auch für Ukrainerinnen und Ukrainer, damit das eben auch gelingen kann.“
Neben Stellenbörsen, Webinaren und Coworking-Spaces sind auch Erstinformationen in ukrainischer Sprache zu finden. Darüber hinaus beraten die vier seit 2015 bestehenden Welcome Center des Landes etwa in Rechtsfragen und vernetzen Arbeitgeber mit Arbeitnehmern aus der Ukraine.
Daniela Schmitt, FDP, Wirtschaftsministerin RLP
„Wir haben viele Frauen, auch zum Teil mit Kleinstkindern, kleinen Kindern, wo natürlich auch die Betreuung auch sichergestellt werden muss. Und von daher ist es wichtig, noch mal zu schauen: Was ist die Qualifikation? Was ist die Sprachkenntnis? Und was ist die ganz persönliche Lebenssituation? Und dann eben ein passgenaues Matching auch vorzunehmen.“
Da arbeitssuchende Ukrainer aber eine offizielle Aufenthaltserlaubnis benötigen, drängt die Wirtschaft auf eine schnelle Bearbeitung von Anträgen. Acht Ukrainern bietet die Grünstädter Wellpappenfabrik seit dem Wochenende eine Unterkunft. Und manchen vielleicht schon bald auch eine Arbeit.