Sommerinterview mit Robert Lambrou (AfD)

Der hessische Fraktionsvorsitzende stellt sich auf unserer Dachterrasse den Fragen von Eva Dieterle.

Eva Dieterle, Moderatorin:
Herzlich willkommen zu 17:30 Sat.1 live. Ich begrüße Sie heute wieder von unserer Dachterrasse. Das heißt, es ist wieder Zeit für unsere Sommerinterviews. Zeit für Politik. Heute geht es bei uns um die Politik der AfD, die gerade für viele Schlagzeilen sorgt. Und da gefallen sicherlich nicht alle unserem heutigen Gast. Es ist der Fraktionsvorsitzende der AfD im Hessischen Landtag. Wir sprechen gleich mit ihm darüber. Aber da wir kurz vor der Europawahl stehen, geht es heute natürlich auch um das Europawahlprogramm der AfD. Jetzt im Gespräch mit Robert Lambrou. Herzlich willkommen hier auf dem Mainzer Lerchenberg.
Robert Lambrou (AfD), Fraktionsvorsitzender Landtag Hessen:
Hallo, Frau Dieterle. Vielen Dank für die Einladung.
Dieterle:
Herr Lambrou, bevor wir gleich politisch loslegen, wollen wir ja immer gerne noch mal einen persönlicheren Eindruck gewinnen. Und deshalb sind wir mit Ihnen zu Ihrem Lieblingsort gereist und es hat uns nicht überrascht, dass der uns ans Wasser geführt hat.
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Das Rheinufer im Wiesbadener Stadtteil Schierstein – der Lieblingsort von Robert Lambrou. Hier geht der Politiker oft spazieren, lässt seine Gedanken schweifen und sucht nach Erholung – gerade dann, wenn es in den Diskussionen im Landtag mal wieder hitzig zuging.
Robert Lambrou (AfD), Lieblingsort: Rheinufer Schierstein
„Jede Nähe zum Wasser beruhigt mich. Ob ich in der Badewanne sitze, ob ich schwimme oder ob ich hier spazieren gehe. Und das ist ein Stück des Rheins, wo sie kaum Spaziergänger haben. Hier können sie wirklich eintauchen in die Natur und komplett zur Ruhe finden.“
Gerne schaut Lambrou dabei dem regen Treiben auf dem Rhein zu oder genießt bei einem Tee den Ausblick auf den Schiersteiner Hafen. Hier tankt er Kraft und lädt die Batterien wieder auf. Wiesbaden ist seit über zehn Jahren die Heimat von Robert Lambrou – als Kind lebt er in Niedersachsen an einem See. Schon damals ist Wasser sein Element.
Robert Lambrou (AfD), Fraktionsvorsitzender Landtag Hessen:
„Deswegen wollte ich unbedingt auch segeln lernen. Meine Mutter hat mir dann eine Optimistenjolle gekauft. Ich bin auf dem Dümmer See dann rumgeschippert. Und zu der Zeit wollte ich auch Kapitän werden und auf große Fahrt gehen.“
Doch dann kam alles ganz anders. Nun ist Robert Lambrou Fraktions- und Landesvorsitzender der hessischen AfD und kein Schiffahrtskapitän. Doch auch in dieser Funktion muss Lambrou das Steuer fest in der Hand haben – ob in ruhigem Fahrwasser oder in stürmischen Zeiten.
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Dieterle:
Herr Lambrou, die Optimistenjolle das ist ein kleines Segelboot für Kinder, für Jugendliche. Mit der sind sie damals durch die Gegend geschippert. Ist das Segeln mit der Politik vergleichbar? Setzt man auch mal die Segel falsch, muss man erst üben, bis man es beherrscht?
Lambrou:
Ja, ich denke, es hat große Gemeinsamkeiten. Wenn man in einem kleinen Segelboot sitzt, dann kann auch mal eine Böe von der Seite kommen, da hat man keinen Einfluss drauf und dann hat man damit klarzukommen. Und in der Politik haben Sie sicherlich auch Pläne, politische Ziele und dann kommt etwas Unvorhergesehenes, und dann ist es auch Ihre Aufgabe, damit klarzukommen. Und ich denke, dass wir das in Hessen als AfD sehr gut machen, auch unter meiner Führung.
Dieterle:
Ihre Partei erlebt gerade stürmische Zeiten. Wie behalten Sie da einen klaren Kopf?
Lambrou:
Es ist wichtig, wenn Sie einen Stressjob haben, und den haben ja auch viele Zuschauer, dass Sie sich einen Ausgleich schaffen. Und bei mir ist dieser Ausgleich halt Wasser. Ob ich schwimmen gehe, am Fluss spazieren oder auch ganz platt in der Badewanne sitze, das beruhigt mich, das holt mich runter. Da komme ich auf andere Gedanken und ich kann Kraft schöpfen, die ich dann wieder brauche für die Arbeit.
Dieterle:
Es ist gerade viel los in Ihrer Partei. Ich habe eingangs schon gesagt, vieles davon wird Ihnen vielleicht auch nicht gefallen. Wir sprechen gleich darüber. Zuerst schauen wir aber jetzt gemeinsam mal auf die Lage der AfD.
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Aktuell stürzt die AfD in der Wählergunst regelrecht ab – die Umfragewerte liegen auf dem niedrigsten Stand seit einem Jahr. Und dies kurz vor der Europawahl. Die Gründe für ein sich abzeichnendes Debakel hat die Partei ausnahmslos selbst zu verantworten:
Da wird ihr Frontmann Björn Höcke zu einer saftigen Geldbuße verurteilt, da er wissentlich die verbotene SA-Parole „Alles für Deutschland“ im Wahlkampf verwendet habe.
Und: Das Oberverwaltungsgericht Münster urteilt, dass die AfD zu Recht als extremistischer Verdachtsfall geführt wird.
Doch es kommt noch dicker: Da haben wir Petr Bystron auf Listenplatz 2 für die Europawahl: Gegen ihn wird wegen Bestechlichkeit und Geldwäsche ermittelt. Er soll Zahlungen des prorussischen Nachrichtenportals Voice of Europe angenommen haben. Bystrons Immunität als Bundestagsabgeordneter wurde aufgehoben.
Und da ist Maximilian Krah, die Nummer 1 für die Europawahl: Ein enger Mitarbeiter von ihm wurde wegen Spionageverdacht für die Volksrepublik China verhaftet. Er soll China mit Informationen aus dem EU-Parlament beliefert haben.   Die Partei, die so gerne einen deutschen Patriotismus bemüht, hat nun selbst ein ausgewachsenes Problem bei diesem Thema.
Doch Maximilian Krah hatte wohl noch nicht genug Schaden angerichtet: Er ließ in einem Interview mit einer italienischen Zeitung wissen, dass nicht alle Vertreter der SS kriminell gewesen sein.
Dies alles lässt viele, die den anderen Parteien gerne einmal einen Denkzettel verpassen würden, nachdenklich werden. Sie sind zunehmend entsetzt von dem politischen Spitzenpersonal der Partei, das offenbar komplett nach der Pfeife des rechtsextremen Björn Höcke tanzt. Weidel, Chupalla und Co wirken angesichts der großen Themen und Krisen unserer Zeit überfordert. Viele Protestwähler, die die AfD groß machten, werden sich überlegen, ob sie diese AfD salonfähig machen wollen – oder ob sie die Rechtsaußen-Partei genau jetzt einmal links liegen lassen.
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Dieterle:
Herr Lambrou, noch vor ein paar Wochen konnten Sie sich eigentlich entspannt zurücklehnen, den Streit in der Bundesampel beobachten, der Sie ja auch in den Umfragen beflügelt hat, und dann ging der Europawahlkampf los und der hat eigentlich nur ein Wort verdient und zwar “verkorkst”. Oder sehen Sie das anders?
Lambrou:
Ich sehe das anders, denn die AfD steht für sehr wichtige Themen. Wenn Bürgern die Begrenzung oder ein Ende der Masseneinwanderung wichtig ist und sie eine Partei suchen, die dafür wirklich glaubwürdig steht, auch nach der Wahl, dann ist es die AfD, die auf EU-Ebene dafür sorgen möchte, dass dieses Bürokratiemonster EU-Taxonomie, EU-Lieferkettengesetz nicht immer weiter voranschreitet, Verbot des Verbrenners bei Autos, dann kommt man eigentlich nicht drum herum die AfD zu wählen.
Dieterle:
Wir haben gleich noch einen großen Europablock zu den Themen. Ich möchte erst noch mal bei der Lage bleiben. In den Umfragen hatten Sie noch vor knapp einem halben Jahr 23 %, jetzt 15,5 %. Das zeigt doch deutlich, dass die AfD durch diese Verstrickungen und Skandale – wir haben gerade eine Zusammenfassung gesehen – Vertrauen verspielt.
Lambrou:
Wir sind im Laufe des letzten Jahres in der Wählergunst sehr stark gestiegen, weil wir halt auch bestimmte Themen besetzen, die die anderen Parteien anders sehen. Ich habe das eben ausgeführt und es ist ja kein Zufall, dass dann, als wir deutlich über 20 % standen, eine riesige Kampagne – aus unserer Sicht – eingesetzt hat von anderen Parteien, auch Teilen der Medien, die sehr wirksam ist, die Leute verunsichert, die eigentlich politisch bei uns zu Hause sind. Sicherlich gab es auch individuelles Fehlverhalten einzelner Parteifunktionäre und darüber muss parteiintern nach der Wahl auch geredet werden.
Dieterle:
Bleiben wir beim Thema “Vertrauen und Glaubwürdigkeit”. Ihre Partei, die AfD, stellt sich ja gerne immer als die letzte Bastion des Patriotismus dar. Und ausgerechnet Ihre Partei macht jetzt Schlagzeilen mit Korruptions- und Spionagevorwürfen. Wie passt das zusammen?
Lambrou:
Tino Chrupalla, unser Parteivorsitzender, hat ganz klar gesagt: “Wer Geld annimmt von anderen Staaten, ist draußen”. Man muss aber auch klar festhalten: Es sind Vorwürfe gegen zwei AfD-Funktionäre, die gerichtlich nicht bewiesen sind. In dubio pro reo. Beide Kollegen haben sich aus dem Wahlkampf rausgenommen. Wir sind de facto mit unserer Nummer drei, René Aust, unterwegs, den viele übrigens auch schon in Magdeburg gerne als Spitzenkandidaten gewählt hätten. Er macht das wunderbar.
Dieterle:
Trotzdem stehen natürlich diese Schlagzeilen, diese Vorwürfe jetzt im Raum. Spionage, Korruption – das ist schon ein verheerendes Bild. Eigentlich das Letzte, was die AfD braucht, oder?
Lambrou:
Wir haben sicherlich bei der Auswahl der Spitzenplätze dieses Mal kein so gutes Händchen gehabt. Aber wissen Sie, diese Partei besteht aus über 40.000 Mitgliedern. Wir haben sehr viele fähige Politiker. Wenn Sie sich die EU-Kandidatenliste angucken, da sind viele Personen darunter – ob das jetzt ein René Aust ist oder Dr. Alexander Sell, ein Volker Schnurrbusch -, die ins EU-Parlament gehören und die dort auch sehr konstruktiv für deutsche Interessen sich einsetzen werden.
Dieterle:
Auf Platz eins steht aber nun mal Maximilian Krah. Er ist Ihr Europa-Spitzenkandidat. Die Partei hat zunächst versucht, ihn zu verstecken, doch das hat nicht so ganz funktioniert, wie wir hier auf diesem Foto sehen. Er ist mit Cabrio und Dirndl-Frauen losgezogen und hat munter weiter Wahlkampf gemacht. Das war doch dann auch der Punkt, wo es offensichtlich auch Ihnen gereicht hat,
Dieterle:
denn unter anderem Sie sollen ja daraufhin ein Gespräch mit der Bundesspitze gefordert haben. Warum? Was hat Sie gestört?
Lambrou:
Hier sind Dinge aus internen Gremiensitzungen an die Öffentlichkeit durchgestochen worden, die ich auch öffentlich nicht kommentieren kann. Denn eine Partei ist darauf angewiesen, dass, wenn die erste und zweite Führungsebene vertraulich miteinander reden, diese Vertraulichkeit auch erhalten bleibt.
Dieterle:
Aber irgendjemand hat es ja durchgestochen.
Lambrou:
Ich kann das nicht weiter kommentieren, da bitte ich um Verständnis.
Dieterle:
Das war es ja noch nicht. Maximilian Krah sorgte kurz darauf öffentlich für einen finalen Eklat, indem er gesagt hat, dass nicht alle Mitglieder der SS Verbrecher gewesen seien. Verurteilen Sie diese Aussage?
Lambrou:
Wenn man über die SS spricht, ist es sehr wichtig, sofort klarzumachen, dass das eine verbrecherische Organisation war. Und das hat Max Krah im Gespräch mit der italienischen Tageszeitung leider versäumt. Und die Partei hat deutliche Konsequenzen gezogen.
Dieterle:
Hat die Partei die Konsequenzen gezogen, um Schaden von sich abzuwenden? Weil eine richtige Distanzierung von dieser Aussage hat es nicht gegeben.
Lambrou:
In der Partei sind viele ungehalten über diese sehr missverständliche Antwort, um es diplomatisch auszudrücken. Und dass eine Partei ihren Spitzenkandidaten im Grunde genommen darum bittet, im Wahlkampf nicht mehr präsent zu sein, das ist ja nun wirklich eine sehr konsequente Entwicklung.
Dieterle:
Das Stilmittel der Provokation, ohne das kann die AfD offenbar nicht. Das zeigt sich ja nicht zuletzt an dem Fall Maximilian Krah. Nicht nur er ist übers Ziel hinausgeschossen. Wir werfen einen Blick nach Hessen.
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Matthias Helferich. Fraktionsloser Bundestagsabgeordneter. AfD-Mitglied. Ein Mitglied, das auch in der eigenen Partei schon lange umstritten ist. Der Vorstand seines Landesverbandes Nordrhein-Westfalen hat jetzt Helferichs Parteiausschluss beantragt – wegen menschenverachtender Äußerungen über Migranten.
Immer wieder wirbt Helferich auch für eine sogenannte „Remigration“. Auch beim Aschermittwoch der AfD Offenbach in Rödermark. Dort war er als Hauptredner eingeladen und hat folgendes gesagt:
„Wer es gut mit Deutschland meint, der fordert eben Remigration. Millionenfache Remigration.“
Gegen ihn und die beiden hessischen Landtagsabgeordneten Jochen Roos und Maximilian Müger, die die Veranstaltung organisiert, beziehungsweise moderiert haben, hat die Darmstädter Staatsanwaltschaft Ermittlungen eingeleitet. Wegen des Verdachts der Volksverhetzung.
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Dieterle:
Ja, das wurde gestern Nachmittag öffentlich: Gegen zwei Mitglieder ihrer Fraktion wird ermittelt. Wir haben heute den Fraktionsvorsitzenden hier. Was sagen Sie dazu?
Lambrou:
Es gilt, die Ermittlungen abzuwarten. Wir reden über eine Politische Aschermittwochsveranstaltung eines AfD-Ortsverbandes. Dort gab es verschiedenste Redner und Max Müger und Jochen Roos haben – dieser Vorwurf ist nicht neu – sehr klar gemacht, wo sie politisch stehen und dass die Vorwürfe gegen sie zurückgewiesen werden und haltlos sind.
Dieterle:
Wir sprechen darüber heute, weil der eingeladene AfD-Bundestagsabgeordnete nun mal dort aufgetreten ist. Er wurde als “Filetstück des Abends” angekündigt, als “Enfant terrible”. Ja, und dann hat er am Rednerpult “millionenfache Remigration” gefordert. Herr Lambrou, warum lassen Sie das – und auch Ihr Co-Vorsitzender, der an dem Abend anwesend war – so was zu.
Lambrou:
Also was er unter “millionenfacher Remigration” gemeint hat, das sollten Sie ihn selber fragen. Fakt ist, dass wir in Deutschland über 250.000 abgelehnte Asylbewerber als ausreisepflichtig haben und viele Menschen sehr ungehalten sind zu Recht darüber, dass die Bundesregierung daran scheitert, dass diese Menschen dann auch das Land verlassen.
Dieterle:
Er hat eine eigene Homepage dazu, wo er millionenfache Remigration fordert. Hätten Sie nicht im Vorfeld ihn mal fragen müssen, was er damit meint?
Lambrou:
In letzter Konsequenz – wir sind eine basisdemokratische Partei – lädt hier jeder Kreisverband und jeder Ortsverband aus dem AfD-Kosmos ein, wen er möchte. Ich möchte in dem Zusammenhang einfach nur klar machen, dass der NRW-Landesvorstand um Dr. Martin Vincentz als Landesvorsitzender erst vor wenigen Tagen ein Parteiausschlussverfahren gegen Herrn Helferich eingeleitet hat.
Dieterle:
Trotzdem ist er aufgetreten. Wir kommen jetzt zur Europawahl und zum Wahlprogramm der AfD. Auch da spielt Migration eine große Rolle. Aber die AfD, die hat mehr vor mit Europa.
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Die AfD will eine „Festung Europa“ schaffen, um die Masseneinwanderung zu beenden. Durch die „Errichtung physischer Barrieren, technische Überwachung und den Einsatz von Grenzschutzkräften“ sollen die europäischen Außengrenzen geschützt werden.
Gleichzeitig will die AfD die Europäische Union in der derzeitigen Form abschaffen. Denn die EU sei ein „reformunfähiges Konstrukt“ und als „Projekt gescheitert“. Außerdem lehnt die Partei den Euro als Gemeinschaftswährung ab. Jedes Land solle zu einer eigenen nationalen Währung zurückkehren.
Kritik für diese Pläne kommt aus der Wirtschaft. Laut einer Studie des Instituts der deutschen Wirtschaft befürchten viele Unternehmen, dass die AfD dem Standort Deutschland schade. Sei es durch die Verrohung politischer Debatten, die Spaltung der Gesellschaft oder durch die Absicht, den Euro abzuschaffen.
„Vor allem die Sorge um den Bestand der EU und des Euros treibt die Unternehmen um, rund 77 Prozent sehen hier ein Risiko durch die AfD.“
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Dieterle:
Ja, darüber sprechen wir jetzt. Schauen wir auf die Kritik der Unternehmen. Viele fürchten, dass die AfD dem Standort Deutschland schaden könnte. Was entgegnen Sie denen?
Lambrou:
Also dem Standort Deutschland Schaden mit die höchsten Steuern und Abgaben in Europa, die höchsten Energiepreise und Sie sehen das ja auch an den Fachkräften. Wir kriegen nur wenige qualifizierte Fachkräfte aus dem Ausland. Es gibt seit 2005 einen Saldo von gut ausgebildeten jungen Deutschen, die das Land verlassen. Das sind die Ursachen. Wenn man sich über die in Deutschland schwächelnde Wirtschaft unterhält und nicht die AfD. Die AfD spricht viele dieser Versäumnisse der Bundesregierung Merkel und Scholz an.
Dieterle:
Es kommt aber bei den Unternehmern ja offensichtlich nicht an.
Lambrou:
Ich denke, dass bei diesen Umfragen auch immer ein Stückweit Politik im Spiel ist. Ich erfahre in Gesprächen mit Wirtschaftsvertretern, dass durchaus viele Wirtschaftsvertreter die EU in ihrer jetzigen Form kritisch sehen. Wir haben ein Bürokratiemonster, was auch in der Wirtschaft hohe Kosten verursacht. EU-Taxonomie, EU-Lieferkettengesetz. Also hier wäre etwas differenzierter darüber zu reden, auf welchen europäischen Kurs wir bei Wirtschaftspolitik einschwenken sollten.
Dieterle:
Okay, das machen wir jetzt. Wir haben bei den Unternehmerverbänden nachgefragt, was sie von der Forderung der AfD halten, dass jedes Land zu einer eigenen nationalen Währung zurückkehren soll. Und da hören wir jetzt mal rein.
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Karsten Tacke, Landesvereinigung Unternehmerverbände RLP
“Eigentlich ist das der Beweis, dass die AfD Wirtschaft nicht verstanden hat. Unsere Wirtschaft lebt vom Export und darauf gründet sich unser Wohlstand. Und dieser Export lebt davon, dass wir ohne Wechselkurse, ohne Wechselkursschwankungen, ohne Wechselkursspekulation, ohne Zollschranken in einen großen Wirtschaftsraum exportieren können.”
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Dieterle:
Die Unternehmen sagen ganz klar;” Der Euro hat Vorteile für uns.” Warum dann abschaffen?
Lambrou:
Ich habe Betriebswirtschaft studiert an der Uni Münster. Ich bin Diplom-Kaufmann. Ich verstehe auch einiges von Wirtschaft. Man hat uns bei der gemeinsamen Währung Euro vorher versprochen, dass es keine Vergemeinschaftung von Schulden gibt. Genau das passiert aber seit einigen Jahren. Das heißt, wir als Staat haften zunehmend für Schulden anderer Länder. Das betrifft jetzt nicht in erster Linie die Wirtschaftsunternehmen, deswegen sehen sie das vielleicht nicht kritisch. Aber ich als Politiker muss das auch ins Kalkül ziehen. Wir haben in unserem Parteiprogramm übrigens nicht drinstehen, dass wir den Euro abschaffen wollen und nur zu nationalen Währungen zurückkehren. Wir haben da auch ganz klar drin stehen, dass wirtschaftlich gleichartige Staaten, die da auch zusammenpassen, eine gemeinsame Währung machen können. Das Problem entsteht dadurch, dass wir 20 verschiedene Volkswirtschaften haben, die sehr unterschiedlich funktionieren. In Griechenland braucht man vielleicht gerade eine Zinssenkung, in Deutschland müsste sie für die Wirtschaft hohe Zinsen erfordern.
Dieterle:
Aber so eine Parallelwährung, das ist schon kompliziert auch.
Lambrou:
Na ja, wissen Sie, der Herr hat ja gesprochen über den gemeinsamen Binnenmarkt, den wollen wir ja auch erhalten. Aber wir hatten jahrzehntelang die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft mit unterschiedlichen Währungen und Deutschland war in diesen Jahrzehnten auch Exportweltmeister. Das wird mir hier zu einseitig dargestellt.
Dieterle:
Lassen Sie uns noch zu einem weiteren Punkt in Ihrem Wahlprogramm kommen. Sie fordern, die Wirtschaftsbeziehungen zu China auszubauen. Aber haben nicht gerade die Krisen der vergangenen Jahre uns gezeigt, dass wir eher weniger abhängig von China sein sollten?
Lambrou:
Die Weltwirtschaft ist immer ein fragiles Gebilde. Schauen Sie sich die Strategie von BASF an, einem deutschen Konzern. Die bauen im großen Stil hier in Ludwigshafen am Standort Deutschland Arbeitsplätze ab, auch die ganzen Industrieanlagen und investieren im großen Stil in China, weil sie sagen: “Wenn wir Gewinne erzielen wollen, dann geht das nur auf diesem Weg.” Wenn man das nicht möchte, dann müssen wir über bezahlbare Energie reden und nicht über eine ideologiegetriebene Energiepolitik, wie die deutsche Bundesregierung sie betreibt.
Dieterle:
Aber mehr Abhängigkeit ist ja gleichzeitig auch ein sehr hohes politisches Risiko, das Sie dann eingehen würden.
Lambrou:
Es gibt in der Weltwirtschaft immer Risiken, die können sie nicht minimieren. Aber ich sehe, dass mehr als 1/4 der deutschen Unternehmen über konkrete Abwanderung nachdenkt. Dass Investitionen, die ja für einen Zeitraum von zehn bis 20 Jahren getätigt werden, in der Regel nicht mehr in Deutschland getätigt werden. Daran ist nicht die AfD schuld, sondern die industriefeindliche Politik der Ampel-Bundesregierung. Die AfD warnt ja gerade vor dieser Entwicklung, dass wir in den nächsten Jahren zunehmend Arbeitsplätze verlieren.
Dieterle:
Herr Lambrou, das sind Ihre Punkte für Europa. Ein Teil davon zumindest. Wir sind damit fast am Ende von unserem Sommerinterview angekommen. Jetzt zum Schluss wird es noch mal etwas persönlicher. Eine schnelle Runde gibt es, ein “Entweder oder”. Ich möchte, dass Sie jetzt entscheidungsfreudig sind.
Lambrou:
Das bin ich.
Dieterle:
Gedankenlesen oder Röntgenblick? Was hätten Sie lieber?
Lambrou:
Gedankenlesen.
Dieterle:
Bei wem würden Sie dann gerne mal Gedanken lesen.
Lambrou:
Das weiß ich erst, wenn ich die Gedanken verschiedener Leute gelesen habe.
Dieterle:
Zahnarzt oder Steuererklärung?
Lambrou:
Die Steuererklärung, weil die ist bewältigbar. Wenn ich beim Zahnarzt bin, dann bohrt er am Ende. Nein, die Steuererklärung ist mir dann doch lieber. Da kriegt man vielleicht sogar Geld zurück.
Dieterle:
Langschläfer oder Frühaufsteher?
Lambrou:
Von Natur ein Langschläfer, berufsbedingt Frühaufsteher.
Dieterle:
Und was gibt es dann morgens? Espresso oder Latte Macchiato?
Lambrou:
Anrufe. Ab 7 Uhr morgens rufen Parteikollegen an, weil sie wissen, ab dann bin ich erreichbar.
Dieterle:
Und wenn Sie eine Kaffeevariante wählen müssten?
Lambrou:
Dann nehme ich einen ganz normalen Kaffee.
Dieterle:
Okay, und ein ganz normaler Kaffee, wit wem würden Sie den lieber trinken? Mit Sahra Wagenknecht oder mit Annalena Baerbock?
Lambrou:
Mit Annalena Baerbock. Weil ich verstehe diese Frau nicht, die selbst, nachdem wir diesen schrecklichen Messerangriff in Mannheim hatten, darauf besteht, dass wir weiter im großen Stile Menschen aus Afghanistan holen, ohne zu prüfen, wer da kommt.
Dieterle:
Okay, das war jetzt schon wieder politisch, aber wir sind ja im “Entweder oder”. Deswegen lasse ich das so stehen. Kunstausstellungen oder Kino?
Lambrou:
Ich bin ein Kino-Mensch. Ich bin ein leidenschaftlicher Spielfilmfan.
Dieterle:
Actionfilm oder Komödie?
Lambrou:
Das kommt drauf an, aber tendenziell eher die Komödie.
Dieterle:
Und dann gibt es dazu Chips oder Popcorn?
Lambrou:
Ich habe in den letzten sechs Monaten zehn Kilogramm abgenommen.
Dieterle:
Also gibt’s gar nichts. Und wenn Sie dürften?
Lambrou:
Beides.
Dieterle:
Beides. Okay. Also keine Entscheidung. Und als Letztes haben wir dann noch: Grieche oder Italiener. Ist wahrscheinlich auch leicht, oder?
Lambrou:
Ich bin Deutscher, aber mit griechischen Wurzeln und insofern Grieche.
Dieterle:
Haben Sie ein griechisches Lieblingsessen für uns noch zum Schluss?
Lambrou:
Mir schmeckt die gesamte griechische Küche, aber ich liebe auch die deutsche Küche. Mein Lieblingsgericht ist ja Eisbein mit Sauerkraut.
Dieterle:
Okay, gut, dann gibt es das vielleicht heute Abend nach diesem Sommerinterview. Das ist nämlich hiermit beendet. Herr Lambrou, danke, dass Sie sich heute den Fragen hier gestellt haben.
Lambrou:
Vielen Dank für die Einladung. Hat mir viel Spaß gemacht.