Jüdische Flüchtlinge in Frankfurt

Russlands Präsident Putin rechtfertigt den Angriffskrieg unter anderem damit, dass er die Ukraine „entnazifizieren“ wolle. Eine Behauptung, die man nur als zynisch und verlogen bezeichnen kann. Der ukrainische Präsident selbst ist nämlich Jude. Und viele ukrainische Juden gehören zu den Opfern des Krieges. Tausende konnten immerhin fliehen – auch zu uns nach Frankfurt, wo sie von den jüdischen Gemeinden mit offenen Armen empfangen werden.

Deutschkurs für Anfänger in der jüdisch-orthodoxen Chabad-Gemeinde in Frankfurt: Noch vor wenigen Wochen hätte es sich hier wohl niemand träumen lassen, eines Tages ausgerechnet nach Deutschland zu kommen – ins Land der Täter. Doch das spielt jetzt keine Rolle mehr. Marina Gruber aus der Stadt Sumy unweit der russischen Grenze ist froh, erst mal hier und in Sicherheit zu sein.
Marina Gruber, Geflüchtete aus Sumy
„Meine Stadt wurde bombardiert und dann von russischen Truppen eingenommen. Ich habe es gerade noch rechtzeitig geschafft, zu fliehen. Ich weiß nicht, ob ich jemals zurück kann, ob mein Haus überhaupt noch steht.“
So wie die anderen Teilnehmer des Deutschkurses fühlt sich Marina Gruber in Frankfurt wohl und vor allem auch willkommen. Sie müsse nun erst mal wieder zu sich kommen, sagt die Mathematiklehrerin – ein bisschen Alltagsroutine sei da genau das Richtige. Auch Irina Klimanova aus Odessa ist froh, mit ihren beiden Kindern heil in Frankfurt angekommen zu sein. Auch Sie freut sich, ein wenig Deutsch zu lernen – trotz ungewisser Zukunft.
Irina Klimanova, Geflüchtete aus Odessa
„Ich kann einfach noch nicht sagen, wie es weitergeht. Ob ich hier in Deutschland bleibe. Mein Mann darf die Ukraine nicht verlassen. Die Familie ist zerrissen. Eigentlich möchte ich so schnell wie möglich wieder nach Hause.“
Die Chabad-Gemeinde unterstützt die Ukraine-Flüchtlinge nicht nur mit kostenlosen Deutschkursen: Es gibt auch eine Kinderbetreuung. Außerdem versorgt die Gemeinde die Menschen mit koscheren Mahlzeiten, Medikamenten und Kleidung – und sie bietet Hilfe bei Arztbesuchen und Behördengängen. Nicht zuletzt sorgt der Besuch der Synagoge für ein bisschen Normalität. Rund 150 jüdische Flüchtlinge nehmen dieses Angebot bislang an, sagt der Geschäftsführer der Chabab-Gemeinde, Zalman Gurevitch.
Zalman Gurevitch, Geschäftsführer Chabad Gemeinde Frankfurt
„Der Talmud sagt: Mehr, als der Reiche für den Armen macht, macht der Arme für den Reichen. Wenn der Reiche dem Armen hilft – der Arme hilft ihm mehr zurück. Das ist ein schwer zu verstehender Satz. Aber dank dieser Leute habe ich verstanden. Die sind gekommen – die haben nichts. Die jammern nicht, obwohl sie keine Ahnung haben, was passiert – immer in einer guten Stimmung, immer hilfsbereit, immer dankbar.“
Für die Geflüchteten habe sich das Leben vom einen auf den anderen Tag komplett verändert: So habe einer von ihnen in der Ukraine eine erfolgreiche Firma mit 34 Angestellten geleitet – in Deutschland sei er nun auf Hilfe angewiesen.
Die gibt es in der Chabad-Gemeinde auch im Hinblick auf das anstehende Pessach-Fest: Im Hof verteilen Ober-Rabbiner Yossef Havlin und ehrenamtliche Helfer Geschenkkörbe mit den wichtigsten Speisen und Getränken für die Feiertage.
Yossef Havlin, Ober-Rabbiner Chabad-Gemeinde Frankfurt
„Zum Ersten und zum Wichtigsten: Das ist Mazen. Ungesäuerter Teig. Und da – Traubensaft oder Wein. Salzgurken. Gefilte Fisch – das ist spezielles Essen.“
Die Flüchtlinge freuen sich über das Geschenk. Noch mehr aber würden sie sich freuen, wenn sie schon das nächste Pessach-Fest im kommenden Jahr wieder in ihrer Heimat Ukraine feiern dürften.