Im Interview: Wolf Matthias Mang, der Präsident der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände

Die Zeit zwischen den Jahren ist immer eine Besondere. Eigentlich wie gemacht dafür, auf das Jahr zurückzublicken. Ein zweites Jahr, das durch Corona ganz anders verlaufen ist als gedacht. Stabilität in unsicheren Zeiten sucht die Wirtschaft. Und neben Corona muss sich die Wirtschaft noch auf eine ganz neue Bundesregierung einstellen. Energiepreise – die Ihnen Zuhause das Leben schwer machen – wir werfen einen Blick die aktuelle Lage.

Die deutsche Wirtschaft steht vor einem gewaltigen Strukturwandel. In vielen Unternehmen verändert die Digitalisierung die Produktion. Gleichzeitig soll Deutschland bis 2045 klimaneutral werden. Doch bei dieser doppelten Transformation fallen Aufgaben und Arbeitsplätze weg. Es sind neue Qualifikationen gefragt. Bundesarbeitsminister Hubertus Heil beschrieb vor Kurzem auf Twitter in einem Satz, wie er dieses Problem angehen will:
Zitat Hubertus Heil: „Wir machen Deutschland zur Weiterbildungsrepublik.“
Doch die Unternehmen müssen nicht nur Fachkräfte weiterbilden. Sie müssen derzeit auch mit steigenden Preisen zurechtkommen, die zum Teil politisch gewollt sind. Denn die Energie aus fossilen Energieträgern soll durch steigende Abgaben teurer werden. Eine zusätzliche Belastung ist die Corona-Pandemie, durch unter anderem internationale Lieferketten gerissen sind.
Wie geht’s der deutschen Wirtschaft nach zwei Jahren Pandemie? Das fragen wir Wolf Matthias Mang. Der 64-jährige Familienvater ist Geschäftsführer einer Firma für High-Tech-Schutzabdeckungen im  Maschinenbau in Obertshausen – und seit 2014 auch Präsident der Vereinigung der hessischen Unternehmer-verbände. Der Verband vertritt die Interessen von 85 Arbeitgeber- und Wirtschaftsverbänden mit 100.000 Mitgliedsunternehmen und 1,5 Millionen Beschäftigten in Hessen. Im Juli überreichte Ministerpräsident Volker Bouffier Mang das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse.
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Markus Appelmann: Und jetzt ist er bei uns im Studio, herzlich willkommen, Herr Wolf Matthias Mang.
Wolf Matthias Mang, Präsident VHU: Ja, vielen Dank. Ich freue mich sehr, hier zu sein.
Markus Appelmann: Wir haben gerade eben diese wichtige Frage gehört auf einer Skala von 1 bis 10, 1 ist schlecht, 10 ist gut: Wie geht es denn der deutschen Wirtschaft im zweiten Corona-Winter?
Wolf Matthias Mang: Ich glaube, wir sind zwischen sechs und sieben. Also erstens  hätte, glaube ich, niemand gedacht, dass sich die deutsche Wirtschaft tatsächlich so schnell wieder erholen kann. Wir sind in Hessen, wenn man sich das anschaut, ein Bruttoinlandsprodukt, also die Messgröße, woran man die Wirtschaftskraft misst, sind wir deutlich über dem Durchschnitt der Bundesrepublik Deutschland. Wir, muss ich sagen, wir haben wirklich viele, viele Dinge geschafft und geleistet mit innovativen Unternehmen, innovativen Belegschaften, die für mich vor eineinhalb Jahren gar nicht denkbar waren.
Markus Appelmann: Also, wir könnten es zusammenbringen: Die Wirtschaft hat gelernt, mit Corona zu leben. Was unsere Zuschauer immer mehr bemerken, ist, dass Produkte nicht rechtzeitig kommen, dass Autos längere Lieferzeiten haben, und, und, und… Das liegt oft an den stockenden weltweiten Lieferketten. Jetzt mal ganz selbstkritisch: Hat die deutsche Wirtschaft zu oft auf günstige Bauteile zum Beispiel gesetzt? Und rächt sich das jetzt?
Wolf Matthias Mang: Na ja, wir sind ja, sagen wir mal, wir selber profitieren ja in den vergangenen Jahren, wir werden auch in Zukunft davon profitieren, dass wir eine starke Exportnation sind. Aber natürlich ziehen wir das in der weltweiten Arbeitsteilung. Wir benötigen Teile aus Asien, die wir hier mit unseren Maschinen, Motoren, Anlagen kombinieren, um sie dann wieder weltweit exportieren zu können. Also wir können, glaube ich, nicht darauf setzen, dass wir versuchen, alles in Deutschland zu produzieren und dann aus Deutschland heraus in die Welt zu exportieren. Das wird nicht funktionieren. Wir brauchen die weltweite Arbeitsteilung, die ist auch sinnvoll und ist klug. Also ja, wir haben sicherlich das eine oder andere, was wir überdenken müssen, wo wir sagen, das sind kritische Teile, die wir bisher gar nicht als bezugskritisch vielleicht so gesehen haben, die werden wir neu definieren müssen und da wird es sicherlich vielleicht auch durch sinnvolle Lagerhaltung und vor allem Bevorratung uns gelingen, in der nächsten Krisensituation hier besser zu sein als wir das heute waren. Das haben wir vielleicht als zu selbstverständlich gesehen, wir bestellen heute etwas in Vietnam, in Malaysia oder in China…
Markus Appelmann: … dann kommt es auch noch schnell.
Wolf Matthias Mang: … und morgen ist es da.
Markus Appelmann:  Wir sind in diesem weltweiten Wettbewerb, das muss man ganz ehrlich sagen und Made in Germany war immer das Verkaufsargument. Ist es das immer noch oder wo stehen wir in Deutschland derzeit?“
Wolf Matthias Mang: Ich habe ja gerade schon gesagt, wir haben starke Unternehmen, wir haben eine hohe Innovationskraft. In Hessen gibt es den Hessischen Unternehmertag, der zeigt, ich glaube, seit 20 Jahren zeichnen wir die innovativsten Unternehmen Hessens aus. Und unglaublich, wir hatten auch in dem Jahr mehr Bewerber denn je. Es gibt tolle Unternehmen, die mit ihrer Wettbewerbsfähigkeit auch heute noch den Namen „Made in Germany“ weltweit gut begründen. Auf der anderen Seite muss man auch zugeben, erleben wir immer mehr, dass natürlich auch andere Nationen in bestimmten Geschäftsbereichen sehr, sehr stark sind. Die deutsche Automobilindustrie ist ja sicher weltweit sehr wertgeschätzt, aber dennoch wird immer wieder Tesla als Maßstab aller Dinge gesehen. Was es für mich nicht ist, sondern, aber da sehen wir, dass plötzlich andere Nationen, andere Länder, andere Unternehmen auch zeigen, welche Innovationskraft dort steckt. Und da müssen wir, da müssen wir unsere Hausaufgaben machen. Da müssen wir dranbleiben, da müssen wir sicherlich innovativ bleiben.
Markus Appelmann: Rahmenbedingungen ist gleich ein Stichwort, das wir vertiefen wollen. Wir haben eine neue Bundesregierung seit Anfang des Monats, eine Ampel im Bund – also SPD, Grüne und FDP. Klar ist, der Mindestlohn wird auf 12 € angehoben werden. Klar ist, die Energiepreise werden noch teurer. Viele Preise werden sich natürlich nach oben verteuern. Haben Sie den Koalitionsvertrag schon gelesen? Und wenn ja, mit welchen Gefühlen denkt da ein Firmenlenker drüber?
Wolf Matthias Mang: Also das muss ich zugeben, dass ich tatsächlich nicht alle 177 Seiten, weil manche dachte ich, das kann ich ein bisschen schleifen lassen, aber ich habe schon viele, viele Passagen sehr intensiv gelesen. Weil ich habe auch in diesem Koalitionsvertrag gesucht, ob da der Gedanke der Eigenverantwortung drinsteckt. Und den habe ich nicht gefunden. Und das finde ich eigentlich auch sehr, sehr schade, dass wir inzwischen in einem Land leben, wo vielleicht der Staat glaubt, dass er alles regeln kann für jeden Bürger, in jeden Belangen. Das ist aber nicht so, wir brauchen die Eigenverantwortung des Menschen und darauf setzen wir zu wenig in dem Koalitionsvertrag. Das das ist so generell, was mich da etwas irritiert hat, dass ich das nicht gefunden habe. Aber lassen Sie mich, na ja klar, denken Sie natürlich, als Wirtschaftsvertreter fange ich an mit Steuern. Klar, ich hätte mir mehr Mut gewünscht, die Unternehmenssteuern zu senken. Aber das Geld wäre gut angelegt in Investitionen und Innovationen. Das haben wir nicht.
Markus Appelmann: Das ist ein Thema. Das andere Thema, das Sie sicherlich interessieren wird, ist Klimaschutz. Wir haben einen neuen Klimaschutz- und Wirtschaftsminister, Vizekanzler von den Grünen, Robert Habeck und er sagt: „Es geht mir darum, in der größten Industrienation Europas und viertgrößten Volkswirtschaft der Welt Klimaneutralität und Wohlstand zusammenzubringen.“ Wie passt das Ihrer Meinung nach zusammen? Und Herr Habeck hat ja schon klar gesagt, das wird Zumutungen geben in alle Richtungen.
Wolf Matthias Mang: Also zunächst muss ich sagen, ich finde es auch gut, den Zuschnitt dieses neuen Ministeriums. Ich glaube auch, Ökonomie und Ökologie gehören zusammen und da bedarf es auch einer grundlegenden Aussöhnung. Das sind keine konträren Gedanken oder konträren Ziele, die Ökonomie und die Ökologie. Wir kommen da sicherlich gleich noch ein bisschen vertiefend darauf: Ich fand auch den Aspekt, den unser Wirtschaftsminister Habeck gesagt hat, dass es Zumutungen für alle bedeutet, fand ich ausgesprochen ehrlich und fand ich gut. Das müssen wir auch sagen. Wir müssen den Menschen sagen, wir werden diesen Klimawandel nicht bekommen ohne Zumutung für den Einzelnen. Zumutungen in höheren Energiekosten, in höheren Benzinpreisen. Das wird auf uns zukommen und aber natürlich auch Zumutungen für Unternehmen, ganz klar, aber eben auch für jeden Einzelnen. Deswegen fand ich das jetzt sehr, sehr gut.
Markus Appelmann: Aber was da natürlich auch drinsteckt, ist, dass Deutschland Klassenbester in Sachen Klimaschutz werden möchte. Beunruhigt Sie das nicht? Dieser Gedanke, dass Deutschland da vielleicht voran rennt und keiner so richtig nachfolgt?
Wolf Matthias Mang: Naja, wir sind einer der größten und bedeutendsten Industrienationen der Welt. Und jetzt wollen wir ja, den Umbau unseres Landes noch fünf Jahre schneller machen als andere Länder. Sehr, sehr, ja möchte ich mal, ehrgeiziges Ziel, auf alle Fälle. Ich meine in Deutschland, ich glaube, wir haben ein bisschen weniger als 2 Prozent des weltweiten CO2-Ausstoßes, in Hessen ganz konkret zu sagen 0,7. Das ist gut und wichtig und richtig, dass wir den CO2-Ausstoß in Hessen und in Deutschland reduzieren. Ja, das müssen wir tun. Aber wir müssen das auch als beispielgebend machen. Wenn es uns nicht gelingt, den CO2-Ausstoß zu reduzieren und den Wohlstand zu erhalten, dann wird es uns nicht gelingen, andere Länder davon zu überzeugen, uns nachzuahmen und den gleichen Weg zu gehen wie wir. Und da ist uns nicht geholfen.
Markus Appelmann: Sie haben gerade ein Beispiel genannt, wo Sie auch gesagt haben, wie viel Energie wir brauchen. Jetzt ist der erneuerbare Strom stark schwankend: Sonne, Wind und wir brauchen mehr Energie. Haben Sie da nicht irgendwie Angst, dass irgendwann der große Blackout kommen kann? Oder konnte irgendein Politiker Ihnen diese Angst bislang nehmen?
Wolf Matthias Mang: Nein, ich glaube das muss, also bei allem Respekt vor der Politik, glaube ich, ist das eine Frage der Wissenschaft. Und da müssen wir auch, glaube ich, den Wissenschaftlern mal ein bisschen mehr Vertrauen entgegenbringen, die uns einfach sagen: Das wird so nicht so einfach sein. Das ist eben, zwischen Wunsch und Wirklichkeit, ist da auch noch eine Umsetzung gefragt. Und exakt das ist natürlich eine Frage. Wir haben ja schon sogenannte Mikro-Blackouts, also wofür ein Bruchteil einer Sekunde plötzlich die Stromversorgung in gewissen Regionen nicht funktioniert.
Markus Appelmann: … Was für die Wirtschaft sehr schwierig ist.
Wolf Matthias Mang: … Was für die Wirtschaft sehr schwierig ist. Also wir haben das selber im eigenen Unternehmen, wir haben CNC gesteuerte Maschinen. Als das begann mit diesen Blackouts, also Mini-Blackouts, blieben natürlich alle unsere Maschinen stehen und dann können Sie eine Maschine nicht gleich wieder starten, weil die Maschine eventuell nicht genau weiß, wo sie genau positioniert ist. Also das heißt, sie verschiebt sich so ein Stück durch dieses Stehen und sie können alles wegwerfen, was sie bis dahin darauf produziert haben.
Markus Appelmann: Zum Ende dieses Gesprächs möchte ich eine persönliche Frage stellen. Man sagt so in diesen Corona-Zeiten immer: Wir müssen auf Sicht fahren. Das bedeutet für die Unternehmenslenker, sie müssen viele Sachen immer neu bewerten. Das kostet Körner, könnte man sagen, so im sportlichen Bilde. Wie ist Ihre persönliche Verfasstheit am Ende dieses ungewöhnlichen Jahres?“
Wolf Matthias Mang: Also so manchmal beneide ich ja auch die Politik. Also die Politik macht jetzt so in 60 Tagen, übrigens fand ich das sehr, sehr gut, die Koalitionsvertragsverhandlungen, ich habe jetzt diese Selfies auf dem Balkon nicht vermisst wie vor vier Jahren, ja. Also das fand ich, haben die gut gemacht, ja. Aber sagen wir mal, in 60 Tagen Koalitionsvertrag zu machen, den man dann vier Jahre abarbeitet, das hat ein Unternehmen ja nicht. Also im Unternehmen habe ich dann heute zwar eine Idee, ich habe einen Plan, ich habe ein Ziel. Aber morgen wird das schon wieder in Frage gestellt, weil es irgendeine Regelung, Änderungen oder Lieferkettenproblematik gibt, Materialpreiserhöhung. Also wir werden ja auch…
Markus Appelmann: … da müssen Sie reagieren.
Wolf Matthias Mang: … jeden Tag damit konfrontiert und müssen jeden Tag neue, kluge und zukunftsweisende Ideen haben. Ja, also das unterscheidet uns vielleicht auch zur Politik. Meine persönliche Befindenslage ist eigentlich sehr, sehr positiv. Und ich bin auch was den Ausblick angeht, auch für die Wirtschaft, auch die Lieferkettenproblematik wird im zweiten Halbjahr, wird sie abnehmen. Und ich glaube Ende 2022 die Prognose heute wagen zu können, dass wir wieder vor Krisenniveau sind und dann werden wir wieder prosperieren und wir werden auch wieder wachsen.
Markus Appelmann: Ein optimistischer Präsident der Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände. Wolf Matthias Mang steht für 1,5 Millionen Beschäftigte in Hessen. Danke, dass Sie heute da waren.
Wolf Matthias Mang: „Ja ich danke Ihnen! Vielen, vielen Dank.