Zu Gast im Studio: Islamwissenschaftlerin Prof. Susanne Schröter

Markus Appelmann spricht mit der Frankfurter Islamwissenschaftlerin.

Markus Appelmann, Moderator: Und darüber sprechen wir jetzt. Im Studium ist der Frankfurter Islamwissenschaftlerin Professorin Susanne Schröter. Ich grüße Sie.
Prof. Renate Schröter, Islamwissenschaftlerin: Hallo! Ich freue mich, dass ich hier bin.
Appelmann: Sie sagen immer, Der Staat muss konsequenter gegen islamistische Strukturen vorgehen. Wo sind denn ganz aktuell Ihrer Meinung nach blinde Flecken?
Schröter: Blinde Flecken liegen im sogenannten legalistischen Islamismus, das heißt, dem politischen Islam, der eigentlich überhaupt nicht im Bewusstsein der Politik ist, auch vieler Fachkräfte aus Ausbildung und Sicherheitsbehörden nicht ist. Man fokussiert sich immer auf den gewaltbereiten Islamismus, auf den Terrorismus im Namen des Islam. Aber wir haben natürlich auch Strukturen, die sozusagen ein bisschen im Untergrund sind. Das sind Strukturen der Muslimbruderschaft, das sind Strukturen von schiitischen Netzwerken, die einen ähnlichen Islam wie im Iran auch bei uns etablieren wollen. Das sind Strukturen, die am türkischen Präsidenten hängen oder von ihm stark gefördert und unterstützt werden. Und das ist für unsere Gesellschaft, weil es antidemokratische Kräfte sind, freiheitsfeindliche Kräfte sind, ist das auch eine Gefahr.
Appelmann: Das haben wir ganz aktuell gerade Wahlbilder aus Berlin gesehen. Gibt es denn politische Schnittmengen zwischen Teilen der Linken und zwischen islamistischen Milieus?
Schröter: Ja, das gibt es schon sehr lange, auch relativ unbekannt. In Frankreich kennen wir das schon unter dem Begriff Islamofaschismus, aber eben auch in Deutschland. Und in Berlin hat man es ja sehr deutlich gesehen, in welcher Weise islamistische Milieus, antisemitische Milieus bis hin sogar in die organisierte Kriminalität verflochten sind. In der Partei der Linken. Damit will ich nicht sagen, dass die ganze Partei Die Linke jetzt antisemitisch ist oder islamistisch ist. Aber man hat eine große, große Toleranz in solche Milieus hinein.
Appelmann: Wenn auf der einen Seite die Linke migrantische Milieus mobilisiert und auf der anderen Seite die AfD von Problemen im Bereich Migration profitiert. Erleben wir da gerade dauerhaft eine politische Neuordnung?
Schröter: Ja, das sieht fast so aus. Ich habe die These aufgestellt, auch in meinem letzten Buch, dass der Aufstieg der AfD resultiert aus der Repräsentationslücke, die die Parteien der Mitte gelassen haben. Was heißt das? Repräsentationslücke? Wo? Wo schaut man in der Politik nicht genug hin? Also wo fehlt es auch an beherztem Handeln? Und das ist immer noch die Migrationspolitik, obwohl sich da einiges geändert hat. Aber sie ist es immer noch, weil da noch sehr viel zu tun ist. Und es ist natürlich der Islamismus. Das sind die beiden wichtigsten Themen immer noch für die AfD. Studien zeigen das sehr klar. Die Wähler der AfD sehen, dass der Handlungsbedarf ist. Und jetzt haben wir sozusagen spiegelbildlich auf der einen Seite die AfD, die sagt, wir müssen Migrationspolitik ändern, wir müssen mehr für die eingeborenen Deutschen tun. Und dann haben wir die Linke, die sagt, wir wollen jetzt proaktiv Leute aus den palästinensischen Gebieten, aus Syrien, Afghanistan holen, schnell einbürgern. Warum? Weil sie Wähler sind.
Appelmann:
Jetzt haben sie ein neues Institut gegründet, INDEMIS, Institut für Demokratie und Islam. Werden Sie da die kritische Islamforschung weiter betreiben?
Schröter:
Das werden wir machen. Und wir werden vor allem auch eins machen: Wir werden die liberalen und die demokratischen Muslime als demokratische Ressource begreifen und das haben wir auch vorher schon gemacht. Wir haben vorher auch den liberalen Muslimen immer eine Stimme gegeben. Zum Teil waren wir die die ersten, die sie überhaupt an der Universität eingeladen haben. Das werden wir auf jeden Fall verstärken. Noch. Wir werden mit den Muslimen zusammenarbeiten, die ein Gewinn sind für unsere Gesellschaft. Und wir werden aufklären über alle Spielarten des politischen Islam, ob er jetzt gewalttätig ist oder ob er erst mal als Schläfer agiert.
Appelmann: Frau Schröter, wir wollen gleich noch weiter mit Ihnen sprechen. Denn am Wochenende hat der hessische Ministerpräsident Boris Rhein die Stadtbilddebatte neu entfacht.
Boris Rhein sagt am Wochenende: Die Stadtbilddebatte, die Bundeskanzler Friedrich Merz angestoßen hatte, sei vorschnell beendet worden. Rhein betont, Probleme müssten offen angesprochen werden. Wir haben selbstverständlich ein Problem, beispielsweise auch mit der Einwanderung in die Sozialsysteme. Das muss man so aussprechen und dann einer Lösung zuführen. Wir haben auch ein Thema mit Kriminalität von zugewanderten Menschen. Das macht doch gar keinen Sinn, diese Themen hinter einer Brandmauer zu verstecken oder sie nie mehr zu besprechen. Sie verschwinden ja dadurch nicht.
Appelmann: Frau Professor Schröter, sehen Sie das auch, diese Diagnose von Herrn Rhein, dass die politische Mitte diese Themen tabuisiert hat?
Schröter: Ja, das sehe ich ganz deutlich. Friedrich Merz hatte das ja schon angesprochen. Dann ist das wieder mal unter den Teppich gekehrt worden. Boris Rhein greift das jetzt wieder auf. Richtigerweise, meiner Meinung nach. Wir brauchen bloß in die polizeiliche Kriminalstatistik zu schauen und sehen, dass in einem bestimmten Teil der Gewaltkriminalität ein wahnsinniger Anstieg zu verzeichnen ist. Also Gewalt gegen Frauen, Vergewaltigung. Wir haben statistisch gesehen jeden Tag 39 Vergewaltigungen und die Täter sind überproportional Menschen, die eigentlich bei uns als Schutzsuchender angekommen sind. Das ist ein großes Problem und das müssen wir dringend angehen.
Appelmann: Wo verläuft die Grenze zwischen einerseits einer politischen Debatte über Migrationspolitik, die wichtig ist, und andererseits einer pauschalen Kritik Richtung Migranten, Richtung Muslime.
Schröter: Das ist doch sehr klar. Sehr viele Muslime und sehr viele Migranten äußern sich doch sehr deutlich dazu, dass diese Missstände endlich angegangen werden müssen. Also Freunde wie Ahmad Mansour oder Seyran Ates, die sind da völlig klar und vermissen auch eigentlich das konsequente Vorgehen der Politik. Das heißt unterm Strich, dass wir die Migranten und die Muslime, die zu unserem Staat stehen, das ist ja nun nicht die absolute Mehrheit, dass sie die ja im Stich lassen. Wenn wir das nicht machen. Wir überlassen ja den den Rändern. In der Migrationsgesellschaft überlassen wir dann sozusagen das Feld und darunter leiden alle am allermeisten. Übrigens leiden die liberalen Muslime, die fast alle unter Polizeischutz stehen.
Appelmann: … sagt Professorin Susanne Schröter, heute zu Gast bei uns im Studio. Danke für den Besuch.
Schröter:
Sehr gerne.