Wie geht es weiter mit der Psychotherapie-Ausbildung?

Seit Jahren geben die gesetzlichen Krankenkassen mehr aus, als sie einnehmen. Um das Defizit auszugleichen, will die Bundesregierung sparen – auch bei der Psychotherapie. Mit Auswirkungen auf Therapeuten und Patienten. Gestern haben wir auf die niedergelassenen Psychotherapeuten geblickt, heute schauen wir auf die, die diese Praxen einmal übernehmen sollen.

 

Gulia Santangelo hat neun Monate auf einen Therapieplatz gewartet. Die 23-Jährige hat ADHS und immer wieder depressive Phasen.
Giulia Santangelo 
„Sobald mich irgendwas noch zusätzlich emotional belastet hat, habe ich gar nichts mehr hinbekommen, sodass ich eigentlich ein ganzes Semester ausgefallen bin, weil ich nicht mehr aus dem Bett gekommen bin.“  
Fünf Monate muss man in Deutschland im Schnitt auf einen Therapieplatz warten. Und in Zukunft könnte es noch länger dauern. Denn die Reform der gesetzlichen Krankenkassen bedeutet auch Einsparungen bei der Psychotherapie.
Heike Winter bildet an der Uni Frankfurt angehende Psychotherapeuten aus. Sie befürchtet langfristige Folgen der Reform.
Heike Winter – Psychotherapeutin Universität in Frankfurt
„Die Sorge, die wir als Berufsstand haben ist, dass wir junge Kolleginnen und Kollegen verlieren, weil die sich umentscheiden, nicht mehr in die Niederlassung gehen wollen. Und das uns sowas blüht, wie im Hausarztbereich, dass es einfach niemanden gibt, der das noch macht.“
Die Ausbildung kostet viel Geld. 20.000 Euro hat Alina Herrmann bislang bezahlt. Die 28-Jährige ist im letzten Jahr der vierjährigen Ausbildung. Sie sorgt sich, nach dem Abschluss keinen Job zu finden.
Alina Herrmann – Angehende Psychotherapeutin  
„Die niedergelassenen Therapeuten, wo man vielleicht auch arbeiten könnte, die haben Existenzängste und fürchten um ihre Grundlage, da ist natürlich die Frage, ob die Anstellungen bei denen nicht einfach wegfallen.“
Weniger Stellen für Nachwuchs-Therapeuten, mehr Praxen vor dem Aus und als Folge noch längere Wartezeiten für Patienten – so die Sorge der Psychotherapeuten.
Grafik – Koalitionsvertrag
Dabei verspricht die Bundesregierung im Koalitionsvertrag eine Verbesserung der Versorgung – vor allem für Kinder und Jugendliche. Auf unsere Anfrage heißt es:
TexttafelBundesministerium für Gesundheit
„Es sind keine Einschränkungen im Zugang zur Psychotherapie oder veränderte Wartezeiten zu erwarten. Mit der im Koalitionsvertrag vereinbarten gesonderten psychotherapeutischen Bedarfsplanung für Kinder und Jugendliche können zusätzliche Behandlungskapazitäten geschaffen und somit Wartezeiten auf einen Behandlungsplatz reduziert werden.“
Wann diese Reform kommen soll, wird nicht beantwortet. Ab Januar gilt die Kürzung – und damit auch die Sorge vor einer schlechteren Versorgung.
Giulia Santangelo musste zwar lange warten, hat aber einen Therapieplatz gefunden.    
Giulia Santangelo 
„Es hat auf jeden Fall viel geholfen, mit dieser Scham, von ich komme nicht mehr im Alltag klar, umzugehen. Und das erstmal aufzuarbeiten und zu merken: Okay, ich kann aber klarkommen und es gibt auch ein paar Hilfestellungen wie.“
Dass es in Zukunft noch schwerer sein könnte, einen Therapieplatz zu bekommen, bereitet ihr Sorgen. Ihr Leben wäre ohne Therapie heute ein anderes.