Patienten und Therapeuten in Sorge wegen Kürzungen bei Psychotherapien

Psychische Erkrankungen nehmen in Deutschland deutlich zu – besonders bei jungen Menschen. Doch wer Hilfe sucht, muss oft monatelang warten. Und diese Wartezeit könnte noch länger werden: Die Bundesregierung plant Einsparungen bei der Psychotherapie, um das Defizit der Krankenkassen auszugleichen. Patienten und Therapeuten warnen vor den Folgen.

 

Giulia Santangelo hat ADHS. Ihren Alltag zu organisieren, fällt ihr schwer. In der Uni kommt sie immer schlechter mit. Aus Scham bleibt sie zuhause – ein halbes Jahr lang verlässt sie kaum ihr Bett. Die heute 23-Jährige sucht professionelle Hilfe und trägt sich auf Wartelisten ein. Doch bis sie in Mainz einen Therapieplatz findet, dauert es neun Monate.
Giulia Santangelo
„Ich habe mich ein bisschen so gefühlt, als würde es mir nicht schon schlecht genug gehen, dass ich Hilfe in Anspruch nehmen kann. Ich habe oft darüber fantasiert, wie ich Hilfe bekomme, dass ich wirklich gedacht habe: Ich tue mir jetzt etwas an und dann muss jemand schauen.“
Wie Giulia geht es vielen Menschen in Deutschland. Fünf Monate muss man hier im Schnitt auf einen Therapieplatz warten. Und in Zukunft könnte es noch länger dauern, befürchten Psychotherapeuten.
Grafik – GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz & Budgetierung psychotherapeutischer Leistungen
Denn die Reform der gesetzlichen Krankenkassen bedeutet auch Einsparungen bei der Psychotherapie.
Jeder Psychotherapeut, der gesetzlich Versicherte behandeln will, braucht einen sogenannten Kassensitz. Der legt fest, wie viele Therapiestunden er bei den Krankenkassen abrechnen darf. Weil der Bedarf so hoch ist, durften Psychotherapeuten bislang zusätzliche Therapiestunden anbieten und abrechnen. Das soll sich ab 2027 ändern.
Meike Eisele führt eine Praxis in Wiesbaden. Schon jetzt nimmt sie kaum noch neue Patienten auf.
Meike Eisele – Psychotherapeutin aus Wiesbaden
„Die Situation ist jetzt schon wahnsinnig angespannt. Wir haben Wartelisten, die bei weiten Teilen der Kollegen geschlossen sind. Die Budgetierung wird dazu führen, dass die Wartelisten weiter länger werden, dass Kollegen weniger Therapieplätze anbieten können und dass Menschen faktisch länger auf therapeutische Unterstützung warten.“
Sie befürchtet, dass viele Praxen schließen müssen, und fordert die Reform nochmal zu überarbeiten.
Das wäre ein Fehler, warnt Gesundheitsökonom Thomas Kolb.
Thomas Kolb – Gesundheitsökonom Hochschule RheinMain 
„Wir hätten nämlich schon längst sparen müssen. Wir geben heute schon mehr aus, als wir einnehmen, und die Gefahr, die besteht, ist, dass wir in Zukunft überbordende Beiträge in der gesetzlichen Krankenversicherung haben werden, dass die Generation nach uns vielleicht fünfzig Prozent Abzug von ihrem Verdienst hat und das ist nicht mehr hinnehmbar.“
Die Reform soll verhindern, dass die Kassenbeiträge weiter steigen – auf Kosten der Patienten, befürchtet Giulia Santangelo. Sie weiß, was Warten bedeuten kann.
Giulia Santangelo 
„Ich glaube nicht, dass die Therapie an sich mir hätte die Depression nehmen können, aber es hätte auf jeden Fall geholfen, wenn ich wenigstens die Uni hinbekommen hätte.“
Die Therapie hat ihr geholfen, ihre Scham aufzuarbeiten und ihren Alltag zu organisieren. Nächstes Jahr will sie ihre Bachelorarbeit schreiben. Ein Schritt, der ohne Therapie so nicht möglich gewesen wäre.