Daniel Neumann, Vorsitzender der jüdischen Gemeinden Hessen im Studiogespräch

Markus Appelmann spricht mit ihm den Alltag jüdischer Menschen und Anfeindungen im täglichen Leben.

Markus Appelmann, Moderator:
Das wollen wir auch nicht. Und deswegen sprechen wir jetzt mit dem Landesvorsitzenden der Jüdischen Gemeinden in Hessen, mit Daniel Neumann. Guten Abend.
Daniel Neumann, Landesvorsitzender der Jüdischen Gemeinden in Hessen:
Hallo. Guten Abend.
Appelmann:
Herr Neumann, Sie sind auch Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Darmstadt. Was berichten Ihnen die jüdischen Menschen? Wie hat sich das Leben für Sie verändert?
Neumann:
Also gerade seit dem 7. Oktober 2023, dem Überfall der Hamas auf Israel, ist die Situation für Juden dramatisch schlechter geworden. Das heißt, nicht nur das Sicherheitsgefühl hat sich massiv verändert, sondern die Anfeindungen, die Übergriffe, die Angriffe sind spürbarer, sind gewalttätiger, sind offener geworden. Wir haben allein im letzten Jahr mehrere Angriffe auf Synagogen, auf jüdische Gemeindezentren gehabt. Wir hatten einen Brandanschlag auf eine jüdische Gemeinde und wir erleben immer wieder Situationen, in denen beispielsweise Menschen der Abschluss eines Versicherungsvertrages verweigert wird, weil sie Juden sind. Oder der Transport in unser Landesverbandsbürogebäude durch einen Uber-Fahrer mit dem Argument, in das Judenhaus fährt er nicht. Und wir erleben es in Schulen. Unsere Kinder erleben es, wir erleben es an Universitäten, im Kultur- und Kunstbetrieb. Und das ist eine Situation, die unerträglich ist.
Appelmann:
Wir haben es ja gerade von Nir Rosenfeld, im Beitrag gehört. Er wünscht sich mehr Unterstützung von der Gesellschaft. Die Mehrheit sei zu leise. Sehen Sie das auch so?
Neumann:
Absolut. Also bei der Verantwortung, die Deutschland trägt, die Deutschland seit der Shoah behauptet, zu tragen, und bei den rituellen Wiederholungen in Sonntagsreden von “Nie wieder Judenhass” und “Wir stehen an der Seite der jüdischen Gemeinschaft”, wundern wir uns doch sehr, wie leise die Menschen sind, wie feindselig sie oftmals sogar sind. Zumindest wie ignorant und gleichgültig sie sind.
Appelmann:
Jetzt findet in Darmstadt gerade die jüdische Kulturwoche statt. Ein Brückenschlag in die Gesellschaft. Was wollen Sie damit zum Ausdruck bringen?
Neumann:
Wir wollen zeigen, dass wir da sind, dass wir Teil der Gesellschaft sind. Wir wollen sichtbar sein, wir wollen bunt sein, wir wollen laut sein. Wir wollen zum Ausdruck bringen, dass wir uns nicht in die eigenen vier Wände zurückziehen, sondern dass wir selbstverständlicher Teil der deutschen Gesellschaft sind und dass wir etwas beitragen, indem wir Kultur für alle erlebbar machen.
Appelmann:
Jetzt haben wir Sie gerade eben gesehen mit dem hessischen Ministerpräsidenten, mit Boris Rhein. Hessen gibt Ihnen mehr Geld, den jüdischen Gemeinden, und verstärkt die Sicherheitsmaßnahmen. Wenn aber jüdisches Leben in Deutschland so abgesichert werden kann, wie viel Normalität ist für Sie überhaupt noch möglich?
Neumann:
Normalität ist nicht möglich. Die jüdische Normalität findet zumindest in jüdischen Gemeindezentren und Schulen hinter permanentem Polizeischutz statt. Mit hochgesicherten Sicherheitskräften, hinter schusssicheren Glas und kameraüberwacht. Insofern sind wir hoch geschützt, quasi militärisches Sperrgebiet. Aber gleichzeitig ist das nicht der Wunsch, den wir haben. Wir wollen uns nicht einigeln, wollen uns nicht zurückziehen, sondern sind Opfer der Umstände und versuchen deshalb mit aller Kraft eben auch in jüdischen Kulturwochen nach außen zu gehen, auf Menschen zuzugehen, Brücken zu bilden und eben Begegnung zu schaffen.
Appelmann:
Was wünschen Sie sich ganz konkret von der Politik, dass Ihr Leben besser wird.?
Neumann:
Die Politik tut schon eine ganze Menge. Sie unterstützt uns finanziell bei Sicherheitsfragen, sie unterstützt uns finanziell, um unsere inhaltliche Arbeit besser zu machen, lauter zu machen, bunter zu machen. Was wir uns konkret wünschen würden, wäre eine deutlichere Sprache in juristischen Fragestellungen. Wenn also antisemitische Straftaten begangen werden, wenn Demonstrationen stattfinden, auf den Hass und Hetze verbreitet wird, dann erwarte ich von Staatsanwaltschaft und von Gerichten, dass sie konsequenter durchgreifen. Und ich wünsche mir von der Regierung, dass sie das Strafrecht an bestimmten Punkten auch verschärft, um deutliche Kante zu zeigen und zu zeigen, dass die Demokratie, an der uns allen so gelegen ist, eben auch dazu beiträgt, Juden zu schützen und das Leben für uns so gut wie möglich zu machen.
Appelmann:
Danke schön für den Besuch heute im Studio. Daniel Neumann, der Landesvorsitzende der Jüdischen Gemeinden in Hessen.
Neumann:
Danke Ihnen.