KI-Firmen kaufen Antiquariate leer

Seit Wochen gehen bei immer mehr Antiquariaten in Hessen und Rheinland-Pfalz Massenbestellungen ein. Hunderte Sachbücher, die meisten uralt und längst vergriffen. Und hinter den mysteriösen Buchkäufen soll Künstliche Intelligenz stecken. Die Buchbranche ist alarmiert, denn was die Händler zunächst freut, hat langfristige Konsequenzen.

Verwundert schaut Buchhändler Wolfgang Rüger eines Morgens in sein Mail-Postfach. Dutzende Bestellungen sind eingetrudelt, fast im Minutentakt kommen neue. Drei Tage lang geht das so. Für das kleine Antiquariat in Frankfurt-Sachsenhausen sehr ungewöhnlich. Plötzlich steigen die Verkaufszahlen um ein Drittel:
Wolfgang Rüger, Buchhändler in Frankfurt-Sachsenhausen: „Also ich habe Reiseführer verkauft, Trekking Führer für Bergführer, Wörterbücher, Dorfchroniken, Medizinbücher, Psychologiebücher, Jahrbücher der Bekleidungsindustrie. Also alles querbeet.“
Was auffällt; der Käufer hinter den Großbestellungen ist immer eine in Kanada registrierte Firma namens Zoom Books. Der Verdacht: Zoombooks verschifft die Bücher in die USA und verkauft sie an KI-Konzerne. Firmen wie Anthropic nutzen sie dann um ihre KIs mit Wissen zu füttern, beispielsweise den Chatbot Claude. Dafür spricht laut Wolfgang Rüger auch, welche Bücher bei ihm geordert wurden.
Wolfgang Rüger, Antiquar: „Jedes Buch, das ich an Zoom Books verkauft habe, war mir klar; Wenn das stimmt, dass damit die KI gefüttert wird, warum die dieses Buch braucht. Weil da einfach Allgemeinwissen drinsteckt mit dem man sozusagen die absurdesten Fragen beantworten kann.“
Recherchen zeigen, dass KI-Unternehmen in den USA die Seiten aus den Büchern heraustrennen und scannen. Anschließend landet das Exemplar im Schredder. „Destructive Scanning“ nennt sich dieses Vorgehen. In den USA ist das legal.
Doch weder Verlage, noch Autoren werden für Ihre Arbeit an den Büchern bezahlt. In Deutschland eine klare Urheberrechtsverletzung, sagt die Interessensvertretung des Deutschen Buchhandels mit Sitz in Frankfurt.
Thomas Koch, Sprecher Börsenverein Deutscher Buchhandel: „Wir brauchen Lizensierungsmöglichkeiten für KI und nicht nur Möglichkeiten, sondern die Pflicht. Also die Politik muss die großen Konzerne in die Pflicht nehmen, muss sagen wenn ihr Bücher für KI nutzen möchtet, dann müsst ihr eine Genehmigung einholen und dann müsst ihr auch die Autoren angemessen vergüten. Und das muss eben auch weltweit gelten.“
Denn der Hunger der KI auf Bücher ist riesig.
Für Antiquar Wolfgang Rüger ein zweischneidiges Schwert. Bei über 45.000 Büchern freut er sich natürlich ein paar Ladenhüter loszuwerden – allerdings:
Wolfgang Rüger, Buchhändler in Frankfurt-Sachsenhausen: „Ich säge am eigenen Ast, das ist mir vollkommen klar. Die KI wird, die hat jetzt schon ganze Branchen ausradiert und die wird auch wahrscheinlich meine Branche ausradieren. Zumindest jetzt mal kurzfristig. Langfristig gesehen – da ist aber die Frage ob wir das durchhalten? Langfristig gesehen werden wir die Letzten sein, die die Wahrheit parat halten, weil das Buch wird die Wahrheit sein.“
Für die Antiquare heißt es deshalb durchhalten, damit die KI Bücher nicht vollständig ausradiert.