Zu Gast im Studio: Schriftsteller Christian Baron

Eva Dieterle spricht mit ihm über seine Heimatstadt Kaiserslautern und seine Liebe zum FCK.

Eva Dieterle, Moderatorin:
“So laafd die Geschicht” – .und über genau die sprechen wir jetzt. Ich begrüße bei mir im Studio Christian Baron. Schön, dass Sie hier sind. Guten Abend.
Christian Baron, Autor:
Hallo ich freue mich.
Dieterle:
Wir haben es gerade im Beitrag schon gehört. Sie sind zurück nach Kaiserslautern gezogen. vor einem Monat nach vielen Jahren in Berlin. Wie kam es zu dieser Entscheidung?
Baron:
Ich bin vor etwas mehr als drei Jahren Vater geworden und merke schon, wie sich die Prioritäten und Bedürfnisse eines auch Erwachsenen verschieben können. Wir haben uns dann Gedanken gemacht, meine Frau und ich – meine Frau, die aus dem Rheinland kommt: Wo könnte dieses Kind aufwachsen? Und die Natur des Pfälzerwaldes, für mich der Dialekt des Pfälzischen, der mir immer sehr wichtig geblieben ist, aber auch meine Familie und alten Freunde – da sind wir doch irgendwann dann übereingekommen, dass das der richtige Weg ist. Und auch meine Frau hat zugestimmt. Da bin ich sehr froh.
Dieterle:
Ihr Roman über den FCK trägt den Untertitel “Eine Liebeserklärung”. Was unterscheidet Ihr Buch denn von anderen Büchern, die es über den Verein schon gibt?
Baron:
Es gibt ganz viele, ganz tolle Bücher schon über den FCK. Nur hat mir in den Büchern, die ich so kenne, diese gesellschaftspolitische Ebene gefehlt, also die Verbindung zwischen Kaiserslautern und der Region Westpfalz zu dem FC K und dem Verein, welche Bedeutung er wirklich auch in dieser Hinsicht hat. Und das habe ich dann selber aufgeschrieben, auch immer blickend auf meine eigene Herkunft, meine eigene Kindheit, die ja dann nicht die leichteste war.
Dieterle:
Genau darüber sprechen wir jetzt. Denn dass der FCK es Ihnen wert ist, ihm ein ganzes Buch zu widmen, liegt natürlich auch daran, dass Ihre Lebensgeschichte unzertrennbar mit der Vereinsgeschichte verwoben ist. Ihr Vater war FCK-Fan. Nehmen Sie uns noch mal mit in die Vergangenheit. Wie war das an Wochenenden, wenn der FC K gewonnen hat? Aber auch, wenn er verloren hat, denn das haben Sie ja immer unmittelbar auch zu spüren bekommen.
Baron:
Es wird immer wieder mal scherzhaft so von Leuten erzählt, die den FC K nahestehen: “Ja, wenn die verlieren, sind wir eine Woche lang schlecht gelaunt. Und wenn sie gewinnen, dann trägt uns das durch die ganze Woche.” Bei mir hatte das handfeste Folgen. Also wenn mein Vater in der Kneipe war, der FC hat verloren und er war dann auch noch betrunken, kam nach Hause.Dann hat er seinen Frust immer wieder auch an unserer Mutter und an uns Kindern ausgelassen. Umgekehrt war es aber auch so, dass es in diesen schönen Momenten, wenn wir gegen Bayern München 4:0 gewonnen haben, was selten genug vorkam, auf einmal eine Woche lang wirklich Party pur gewesen ist und diese beiden Seiten, diese Ambivalenz da, diese Extreme, dafür steht dieser Verein und dafür steht dann auch sozusagen die Gefühlslage einer ganzen Region.
Dieterle:
War das Buch auch ein Stück weit Verarbeitung für Sie?
Baron:
Es war der Schlusspunkt einer Verarbeitung. Ich habe ja mit “Ein Mann seiner Klasse” damit angefangen und jetzt sozusagen der vermeintlich leichteste Schritt über Fußball zu sprechen. Das hat aber in mir noch mal ganz tiefe Emotionen ausgelöst. Und dieses Gefühl, jetzt ist es aber auch wirklich mal gut.
Dieterle:
Sie schreiben ja nicht nur über Fußball, sondern auch über Themen wie Armut und über die Schattenseiten des Lebens. Gerade ist schon angeklungen, dass die Deindustrialisierung die Arbeiterklasse in eine Krise gestürzt hat, die bis heute spürbar ist. Und da schauen wir jetzt noch mal genauer hin.
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Der „Underdog aus der strukturschwachen Region“. So wird der FCK oft beschrieben. Das Stadion, es thront über DER Stadt, die zu den höchstverschuldeten Städten Deutschlands zählt. Mit einer Arbeitslosenquote weit über dem Bundesdurchschnitt. Meldungen über Personalabbau gibt es in Kaiserslautern immer wieder. Viele Arbeitsplätze hier sind in den vergangenen Jahren weggefallen. Auch beim Autohersteller Opel und vor allem beim Nähmaschinenhersteller Pfaff. Auf dem riesigen Firmengelände arbeiteten zeitweise mehr als 6.000 Menschen, jetzt entsteht hier ein neuer Stadtteil. Produziert wird hier nichts mehr.
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Dieterle:
Herr Baron, aus Ihrer Sicht sieht man an Kaiserslautern beispielhaft, was auch noch in vielen anderen deutschen Städten passieren kann?
Baron:
Ich glaube, dass man es da besonders deutlich sieht. Aber es steht repräsentativ, da stimme ich Ihnen zu. Es ist so, dass diese Industriegeschichte ja auch mit einem großen Stolz verbunden ist. Leute wie mein Vater oder mein Onkel, der bei VW gearbeitet hat, die waren stolz, Arbeiter zu sein. Dieses positive Identifikationsmerkmal ist komplett verlorengegangen. Im Zuge dieses Niedergangs und da ist eben meine Kritik, die ich bis heute immer wieder äußere, wo es auch darum geht, dass die Politik da nicht genau genug hingeschaut hat, um das zu kompensieren. Denn die großen Probleme, die sozialen Probleme, die sind doch zu einem gewissen Teil auch hausgemacht und lassen sich dann auch wieder politisch lösen, wenn man es denn will.
Dieterle:
Jetzt ist Kaiserslautern neben Gelsenkirchen einer von zwei Wahlkreisen in Westdeutschland, bei denen bei der Bundestagswahl die AfD die meiste Anzahl an Zweitstimmen geholt hat. Was glauben Sie, haben die anderen Parteien denn falsch gemacht oder verpasst?
Baron:
Ja, da müssen wir jetzt natürlich lange drüber sprechen. Ein ganz wichtiger Punkt, den ich auch immer im Rückblick auf meinen Vater projizieren würde, der das auch schon gemerkt hat, war und ist bis heute, dass man das den Menschen das Gefühl gegeben hat, sie seien weniger wert. Also wenn Menschen sich gekränkt fühlen, dann setzt vielleicht auch der Verstand aus. Und das hat die Politik zu wenig auf dem Schirm gehabt. Dieses dass es zu wenig kompensiert wurde, dass auf Sozialabbau mehr gesetzt wurde als darauf, dass man einen Mindestlohn hat, der armutsfest ist, dass im Moment jedes fünfte Kind in Kaiserslautern Region in Armut lebt. Das macht was mit Menschen und es macht sie vor allem zornig und wütend. Und die Politik ist gefordert, da mit Ratio, also mit Vernunft, darauf zu reagieren und den Menschen zu helfen, damit sie wieder ihre Würde zurückbekommen.
Dieterle:
Und genau gegen diese soziale Ungleichheit kämpfen sie. Sie erheben ihre Stimme auch in Buchform. Vielen Dank, dass Sie heute mit Ihrer bewegenden Geschichte bei uns waren.
Baron:
Sehr gerne.