Im Gespräch: Senckenberg-Forscher Brendon Boudinot

Markus Appelmann spricht mit dem führenden Ameisenforscher über die starke Ausbreitung der Drüsenameise, die ursprünglich aus dem Mittelmeerraum stammt.

Markus Appelmann, Moderator:
Zugeschaltet ist mir jetzt Dr. Brendon Boudinot vom Senckenberg Institut in Frankfurt, Guten Tag.
Dr. Brendon Boudinot, Insektenforscher:
Guten Tag.
Appelmann:
Herr Boudinot, Sie sind einer der führenden Ameisenexperten. Die große Drüsenameise kommt ja ursprünglich aus dem Mittelmeerraum. Richtig stark verbreitet hat sie sich bei uns  in den vergangenen Jahren. Warum ist das so?
Boudinot:
Danke, das ist eine gute Frage. Da müssen wir mehrere Faktoren betrachten. Ein biologischer Faktor, der uns aktuell unbekannt ist, wie schnell die Kolonien wachsen. Diese Kolonien können sehr groß werden und es kann sein, dass das eine Weile dauert. Also möglicherweise wurden die ersten nicht direkt erkannt. Ein anderer Faktor könnte das Klima sein. Wegen der milderen Winter erwarten wir, dass das Verbreitungsgebiet oder die geeignete Klimazone sich in den Norden ausbreiten könnte. Und ebenfalls ein wichtiger Faktor, unabhängig vom Klima, ist, dass Städte warm sind und gepflastert. Und diese Ameisen mögen das. Vorhersage-Modelle zur Verbreitung dieser Ameisen zeigen oder berechnen eine gewisse Wahrscheinlichkeit, dass sich die Ameisen über ihr natürliches Verbreitungsgebiet hinaus ausbreiten könnten, bedingt durch den städtischen Wärmeinsel-Effekt.
Appelmann:
Wie groß ist das Problem tatsächlich? Und warum ist es so schwer, sie wieder loszuwerden?
Boudinot:
Diese Ameisen bilden sehr, sehr große Kolonien mit mehreren Nestern und vielen, vielen Königinnen. Wenn also ein Teil einer solchen Kolonie zerstört wird, hat das für den Rest der Kolonie kaum Auswirkungen, da sie diesen Teil möglicherweise noch im selben Jahr durch neue Königinnen ersetzen kann. Das bedeutet auch: Wenn man beispielsweise eine Pflanze von einem Ort an einen anderen bringt – etwa aus einem Gartencenter in den eigenen Garten –, kann man versehentlich einen kleinen Teil der Kolonie mit einschleppen. Und wenn sich darunter eine Königin befindet, können sie sich dort etablieren. Aufgrund dieser „Superkolonie-Biologie“ bergen diese Ameisen also ein – wie wir es nennen würden – enormes Invasionspotenzial.
Appelmann:
Gibt es eine Möglichkeit, sich vor Befall zu schützen? Zum Beispiel durch bauliche Maßnahmen oder ist das ein Thema für die Stadtplanung?
Boudinot:
Ja. Ich denke, es gibt eine Reihe von Maßnahmen, die sehr sinnvoll wären. Besonders hilfreich wäre es meiner Meinung nach, Gartencenter und deren Umgebung zu untersuchen. Wichtig ist auch, dass wir das Monitoring insgesamt fördern. Die Leute sollten unbedingt das HLNUG-Meldeportal nutzen, denn ich werde mich der Bestimmungen annehmen, sobald die Meldungen bei mir eingehen. Es ist nämlich ein entscheidender Schritt, zu wissen, dass es sich tatsächlich um diese Ameisen handelt und nicht um eine harmlose heimische Art. Und abschließend möchte ich noch sagen: Holen Sie sich unbedingt Hilfe von professionellen Schädlingsbekämpfern. Das ist enorm wichtig.
Appelmann:
Danke, Dr. Brendon Boudinot.