Unterwegs mit der Notfallseelsorge

Ein Unfall – ein plötzlicher Todesfall – ein Schicksalsschlag. Es gibt Momente, die Menschen einfach nicht alleine verkraften können. Dann kommen Notfallseelsorger wie Gesa Ardelmann zum Einsatz.

Wenn Gesa Ardelmanns Melder piept, muss sie sofort los. Ein Verkehrsunfall, ein Toter, eine Mutter mit zwei Kindern im Schock. Viele Menschen, die sofort psychische Hilfe brauchen. Ein Fall wie dieser kann die Notfallseelsorger im Westerwald jederzeit erwarten. Gesa Ardelmann leistet seit 10 Jahren erste Hilfe für die Seele.
Gesa Ardelmann, Notfallseelsorgerin Westerwaldkreis
„Man weiß nie, wo man hinkommt, was einen erwartet. Da ist auch schon manchmal so eine gewisse Aufregung da. Dann kommt eben hinzu, dass man den Menschen in diesen extremen Situationen im Rahmen seiner Möglichkeiten was Gutes zukommen lässt. Und wenn’s nur ist, dass man anwesend ist und das gemeinsam aushält.“
Ganz wesentlich für die Notfallseelsorger selbst: miteinander darüber zu reden, was man erlebt hat. Gerade nach größeren Einsätzen gibt es ausführliche Besprechungen, wie in diesem fiktiven Fall.
Oft benötigen auch die Einsatzkräfte seelischen Beistand. Die Notfallseelsorger merken dann häufig erst am Einsatz, dass sie Verstärkung brauchen.
Bea Vogt, Leiterin Notfallseelsorge Westerwald
„Größere Sachen sind auch meistens größeres Chaos. Das heißt, viele Menschen sind involviert, viele Notfallseelsorger sind involviert und wir wollen schauen, dass wir bestmöglich für uns sorgen und aber auch für die Betroffenen da sein können. Das heißt auch wenn kritische Situationen da waren, kann man die in diesen kollegialen Fallbesprechungen aufarbeiten, man kann gucken, was hätte man besser machen können, um einfach auch zu lernen für uns, dass wir uns weiterentwickeln können und aber auch sicherzustellen, dass alle Notfallseelsorger gut aus dem Einsatz wieder zurückkommen.“
Gesa Ardelmann hat eine eigene Methode entwickelt, wie sie die Fälle gedanklich nicht mit nach Hause nimmt. Die Einsatzjacke bleibt immer im Auto. Wenn sie ihre Jacke auszieht, dann legt sie auch den letzten Einsatz ab. Ein Ritual, das ihr hilft, ihr eigenes Leben zu leben – trotz der vielen Schicksale.
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Eva Dieterle; Moderatorin:
Was für eine anspruchsvolle Arbeit! Über die wollen wir jetzt sprechen. Deshalb begrüße ich bei mir im Studio Notfallseelsorgerin Gesa Adrelmann. Guten Abend. Schön, dass Sie hier sind.
Gesa Ardelmann, Notfallseelsorgerin:
Hallo. Danke, dass ich da sein darf.
Dieterle:
Frau Ardelmann, wir haben gerade im Beitrag gesehen, Sie kommen zu Menschen, deren Welt gerade zusammengebrochen ist. Wir haben auch schon Beispiele gesehen. Geben Sie uns mal eine Bandbreite. Was sind das für Einsätze? Was ist da alles dabei?
Ardelmann:
Das ist tatsächlich eine sehr, sehr große Bandbreite. Also da ist der ganz klassische häusliche Tod, wo ein älterer Herr, eine ältere Dame zu Hause verstirbt und die hinterbliebenen Angehörigen Hilfe brauchen von uns. Wir haben Unfälle, die wir betreuen, so wie wir das jetzt gerade auch im Beitrag gehört haben. Größere Unfälle, aber auch kleinere Unfälle, manchmal mit Verletzten, manchmal eben aber auch mit Verstorbenen. Und wir haben auch noch einen weiteren Bereich. Das ist die Überbringung der Todesnachricht. Das ist auch noch mal was ganz Besonderes. Da begleitet uns eben die Polizei, mit der wir gemeinsam eben diese für den Menschen wirklich schrecklichen Nachrichten zu Hause überbringen.
Dieterle:
Wie kann man in so einem Fall überhaupt mental unterstützend Erste Hilfe leisten?
Ardelmann:
Da sein. Also da ist wirklich so gerade in diesen extremen Situationen – und im Grunde ist es, egal wo wir hinkommen, immer eine extreme Situation. Für die Menschen ist gerade eine Welt zusammengebrochen. Wir sind da. Und das bedeutet, dass wir zuhören, dass wir vielleicht erzählen lassen über die Verstorbenen. Das bedeutet aber ganz oft auch, dass wir Stille aushalten.
Dieterle:
Werden Sie auch mit Aggression oder Ablehnung konfrontiert? Oder ist es doch in den überwiegenden Fällen absolute Dankbarkeit, dass Sie da sind?
Ardelmann:
Das ist sehr unterschiedlich. Aggression habe ich persönlich jetzt noch nicht erlebt. Ich wüsste von meinen Kollegen jetzt auch niemanden, der das erleben musste. Ablehnung kommt vor. Also ich habe für mich persönlich so eine kleine Regel: Ich lasse mich dreimal wegschicken und dann gehe ich. In den allermeisten Fällen ist es aber so, dass die Menschen froh sind, wenn wir da sind. Weil wir bleiben, wenn alle anderen gegangen sind.
Dieterle:
Sie treffen auch auf frisch traumatisierte Menschen. Auf Menschen, die gerade gar nicht wissen, was los ist. Das ist ja auch eine ziemlich hohe persönliche Belastung, zum Beispiel für Sie selbst. Wie gehen Sie damit um?
Ardelmann:
Ich habe für mich kleine Rituale, die wir gerade auch im Beitrag gesehen haben.: dass meine Jacke immer im Auto bleibt; wenn ich nach Hause fahre, ist bei mir dann immer das Radio an; ich sage meinem Mann kurz Bescheid: “Du,, pass auf, ich komme jetzt heim, dann und dann bin ich in etwa da.” Dann ziehe ich mich um, gehe häufig duschen danach, dass ich so diesen Einsatz sozusagen von mir wasche.
Dieterle:
Sie sind Psychologin, Das heißt, Sie sind geschult, sozusagen. Aber das muss ja nicht jeder mitbringen, der bei der Notfallseelsorge arbeitet. Was muss man denn mitbringen?
Ardelmann:
Was muss man mitbringen? Empathie ist auf jeden Fall ein ganz, ganz wichtiger Punkt, dass man eben in der Lage ist, sich auf diese Menschen einzulassen. Eine gewisse Flexibilität, weil man weiß nie, in was für eine Situation man kommt. Also dass man sich auf viele verschiedene Situationen einstellen kann. Eine gewisse psychische Gesundheit, dass man selbst eben mental auch stark ist, dass man eben diese harten Situationen auch aushalten kann.
Dieterle:
Eine große emotionale Stabilität. Ich habe auf jeden Fall hohen Respekt vor der Arbeit, die Sie da ehrenamtlich leisten. Frau Ardelmann, vielen Dank, dass Sie heute Zeit hatten, zu uns zu kommen.
Ardelmann:
Danke, dass ich da sein durfte.