Schaltgespräch mit der rheinland-pfälzischen Landesbeauftragten gegen Sexualstraftaten gegen Minderjährige

Der Missbrauch Minderjähriger nimmt bundesweit zu, Eva Dieterle spricht darüber mit der neuen unabhängigen Landesbeauftragte gegen sexualisierte Gewalt aus Rheinland-Pfalz, Anette Diehl.

Eva Dieterle, Moderatorin:
Guten Abend.
Anette Diehl, Landesbeauftragte gegen sexualisierte Gewalt RLP:
Guten Abend, Frau Dieterle.
Dieterle:
Frau Diehl, eine erschreckend hohe Zahl an Straftaten – und die Dunkelziffer liegt noch weitaus höher. Viele Kinder und Jugendliche wissen nicht, wie sie mit Übergriffen – zum Beispiel – im Netz umgehen sollen. Wie kann man das ändern?
Diehl:
Also wichtig ist, dass die Kinder überhaupt für sich auch begreifen, dass da ein Übergriff, eine Grenzverletzung, Gewalt geschehen ist. Oft ist es ja so, dass Kinder gar nicht das Gefühl haben, da ist etwas Gewalttätiges geschehen, sondern eher ein ungutes Gefühl. Und sie müssen wissen, dass das besprechbar ist. Und sie brauchen sichere, kompetente erwachsene Personen an der Seite, wo Sie genau das besprechen können, wo Sie hingehen können.
Dieterle:
Ist es möglich, Kinder und Jugendliche generell besser zu schützen, dass es gar nicht erst zu Übergriffen kommt? Gerade auch im Internet?
Diehl:
Absolut. Prävention ist sozusagen die wichtigste Strategie, die wir im Kinderschutz und im Jugendschutz fahren können. Das heißt, wir müssen Kinder und Jugendliche ermächtigen dahingehend, dass sie gut informiert sind, dass sie ein gutes Gefühl für ihre Grenzen haben, für ihren Körper haben, dass sie Worte haben für das, was sie bedrückt, was sie bewegt, was ihre Sexualität betrifft. Und wie gesagt, das Wichtigste bei den Kindern und Jugendlichen ist, ein Gefühl für sich selber und ihre Grenzen zu haben und zu wissen, wo sie hingehen können, wenn das gestört ist, wenn sie sich unsicher oder unwohl fühlen. Und dann brauchen sie, das kann ich nur immer wieder sagen, kompetente Erwachsene an ihrer Seite.
Dieterle:
Es ist am Ende eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe, Missbrauch zu verhindern. Rheinland-Pfalz hat jetzt als einziges Bundesland mit Ihnen eine unabhängige Landesbeauftragte gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Was werden Sie in diesem Bereich künftig bewirken können?
Diehl:
Ich werde auf das aufbauen, was schon da ist, nämlich den Pakt gegen sexualisierte Gewalt, wo ganz viele Menschen mit viel Expertise über anderthalb Jahre 40 Empfehlungen erarbeitet haben. Das heißt, darauf kann ich aufbauen. Diese Empfehlungen gehen in die Ausbildung von Erzieher:innen, von Lehrkräften, von allen möglichen Akteur:innen, die mit dem Thema zu tun haben, die gehen in die Stärkung von Kindern und Jugendlichen. Und meine Aufgabe wird sein, sozusagen diesen Blick wieder sehr stark auf dieses Thema zu richten. Auch ein bisschen das Gesicht für dieses Thema zu sein, die Menschen, die in dem Pakt mitgearbeitet haben, besser zu vernetzen, damit die sozusagen gut ineinander verzahnt arbeiten können – Wissenschaft, Politik, Pädagogik. Psychologie, Kindereinrichtung, Jugendeinrichtung usw. Das sehe ich als meine Hauptaufgabe.
Dieterle:
Die aktuellen Zahlen haben heute gezeigt, wie wichtig der Kampf gegen sexuellen Missbrauch Minderjähriger ist. Frau Diehl, vielen Dank.
Diehl:
Vielen Dank für die Einladung.