Wiederaufbau im Ahrtal

Eine Frage wird immer lauter: Warum wurden viele der Gebäude an genau dem Ort wieder aufgebaut, an dem sie in den Fluten untergegangen sind? Wurden also beim Wiederaufbau Fehler gemacht?

Überall in Bad Neuenahr-Ahrweiler wird gebaut. Denn vieles hatte die Flut zerstört. Die Stadt gleicht einer riesigen Baustelle. 420 Maßnahmen laufen hier gerade parallel.
Hier wird die Kita Sankt Pius neu aufgebaut. Das Wasser stand in der Flutnacht hier rund 1,20 Meter hoch, deshalb wird das Erdgeschoss jetzt höher gebaut.
Herbert Wiemer, Aufbau- und Entwicklungsgesellschaft Ahrweiler
„Im Grunde versuchen wir tatsächlich über die Wasserlinie zu kommen. Also immer dann, dass man die kritische Infrastruktur oder den Fußboden eben mindestens 20, 30 cm über eine statistische Wasserlinie bringt. Der beste Schutz an der Stelle ist tatsächlich, das Wasser draußen zu halten, das versuchen wir.“
Auch die Bachemer Brücke wird neu gebaut. Rund 20 Meter länger als vorher. Generell wurden alle neuen Brücken im Ahrtal jetzt so gebaut, dass sie einerseits standsicher sind und sich andererseits vor ihnen bei einer Flut kaum Wasser und Geröll staut.
Es geht voran im Ahrtal, das sieht man an vielen Orten. Auch in Sachen Infrastruktur. Die Ahrtalbahn ist nach dem Wiederaufbau moderner als je zuvor. Seit Mitte Dezember rollen die Züge wieder durch das gesamte Ahrtal.
Auch viele Privathäuser sind mittlerweile renoviert oder wurden neu aufgebaut, an derselben Stelle wie vorher – viele nah am Fluss.
Ist das sinnvoll?
Professor Jörn Birkmann ist der Leiter des Instituts für Raumordnung und Entwicklungsplanung der Uni Stuttgart. Er entwickelt Strategien für einen nachhaltigen Bau nach Flutkatastrophen und war auch am Wiederaufbauprozess im Ahrtal beteiligt. Er sagt: Gerade in Bezug auf Privathäuser hätte man einiges anders machen können.
Prof. Jörn Birkmann, Institut für Raumordnung und Entwicklungsplanung Uni Stuttgart
„Man hätte vielleicht auch beim privaten Wiederaufbau ein paar mehr Incentives, Impulse, vielleicht auch mit höherer Förderung oder auch Baugebiete direkt benennen dürfen. Wenn Sie n der gleichen Stelle das Gebäude wieder aufbauen können und dürfen, dann ist das einfacher. Das Gebäude steht schon da, Sie haben Baurecht, Sie brauchen keine Finanzierung des Grundstücks. Also das sind alles so zusätzliche Punkte, die muss man beim zukünftigen Wiederaufbauprogramm glaube ich, stärker bedenken.“
Der aktuelle Wiederaufbau in Bad Neuenahr-Ahrweiler, er ist in vollem Gang. Die Kita Sankt Pius soll dann im nächsten Frühjahr wieder neu eröffnet werden können.
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Markus Appelmann, Moderator:
Und über den Wiederaufbau im Ahrtal sprechen wir jetzt weiter mit dem rheinland-pfälzischen Ministerpräsidenten Gordon Schnieder. Herr Schnieder, die Frage, die viele umtreibt. Wieso durften die Menschen ihre Häuser so nah am Fluss wieder aufbauen?
Gordon Schnieder (CDU), Ministerpräsident RLP:
Es ist immer eine eine Abwägung, glaube ich. Menschen wollen auch – und das zeigen auch die Einwohnerzahlen, auch in Ahrweiler, die wieder fast auf altem Niveau sind – wollen wieder in ihr Haus zurück. Sie wollen in ihre Heimat zurück und sie wollen genau dahin zurück, wo sie vorher auch gelebt haben. Da einzugreifen in einem großen Umfang – wenn man sich das Tal anschaut, dann würde es ganz viele betreffen, sondern ich glaube, es ist ein Miteinander. Die Menschen wissen, dass es hier Begebenheiten geben kann, die wiederkommen werden. Wir werden jetzt versuchen müssen, wie schaffen wir es, an der Oberahr, an den an den Zuflüssen das Wasser zurückzuhalten, das es nicht in der Dimension wieder passiert? Und das ist dieses Miteinander, dass Menschen dort wieder leben möchten, dass sie aber auch wissen, dass nicht immer der Staat auf alles dann aufpassen kann oder alles wieder künftig übernehmen kann, wenn Schäden geschehen. Aber wir sind ja auch noch in der Diskussion mit dem Bund, denn ich bin auch Befürworter einer Pflichtversicherung. Dass alle, die Wohneigentum haben, sich dann auch versichern müssen, sodass der Schaden auch sozialisiert wird ein Stück, aber dass Menschen dann eben in dieser Situation nicht alleine gelassen werden. Da ist der Bund noch gefordert, entsprechend sich auf den Weg zu machen. Wir haben das auch noch mal mit den Regierungschefinnen und Regierungschefs erneuert, diese Forderung. Und eben auf der anderen Seite dann zu schauen, wie kriegen wir künftig solche Katastrophen zumindest abgemildert. Sie werden wiederkommen. Sie kamen in den letzten Jahrhunderten. Sie werden auch künftig wieder kommen. Wahrscheinlich müssen wir keine 100 Jahre warten, und deswegen sind wir jetzt aufgefordert zu schauen, wie kriegen wir Wasser zurückgehalten, um die Katastrophe, wenn sie denn kommt, so weit wie möglich abzumildern.
Appelmann:
Sie haben gerade eben den Bundes-Koalitionsvertrag von Union und SPD angesprochen. Da steht ja drin, dass die Elementarversicherung gegen Naturkatastrophen Pflicht werden soll. Es gibt auch eine aktuelle Umfrage dazu, unter Hausbesitzern. Die Mehrheit befürwortet diese Versicherungspflicht. Wann kommt sie?
Schnieder:
Da werden wir in Berlin noch mal nachhören. Ich glaube, es war noch mal ein deutlicher Fingerzeig der Bundesländer, die klar nochmal in Richtung Berlin gesagt haben: Ihr müsst euch jetzt auf den Weg machen. Die Fraktionen sind aufgefordert, die Bundesregierung ist aufgefordert, ein entsprechendes Gesetz vorzulegen. Und da werde ich die nächsten Wochen und Monate darauf schauen. Und wenn es nicht kommt, werden wir nochmal vehement darauf eingehen. Der Koalitionsvertrag ist zu erfüllen. Es ist sinnvoll, eine solche Pflichtversicherung einzuführen. Die Länder stehen dahinter, die Menschen wollen sie. Und ich bin überzeugt, wir brauchen das auch.
Appelmann:
Er bittet  um Entschuldigung  – der rheinland-pfälzische Ministerpräsident Gordon Schnieder. Danke Ihnen.
Schnieder:
Ich danke Ihnen.