Rückblick auf die Flut-Katastrophe im Ahrtal

Fünf Jahre nach der Flut – auf allen öffentlichen Gebäuden wehen die Flaggen heute auf halbmast. Rheinland-Pfalz gedenkt der Opfer einer der größten Naturkatastrophen, die es in der Geschichte der Bundesrepublik jemals gegeben hat. Wir blicken zurück auf die Chronologie dieser Katastrophe.

Die Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021. Es ist die Nacht, in der im Ahrtal buchstäblich die Welt untergeht.
Andrea Kirsch, Einwohnerin von Kordel
„Das Wasser war in Minutenschnelle da und die Sachen sind rausgeschwemmt worden aus der Straße. Tische, Bänke, alles. Und man ist machtlos.“
Jan Lingen, Winzer aus Bad-Neuenahr-Ahrweiler
„Es stand wirklich bis hier oben unter die Decke, es war Wahnsinn – wie eine Apokalypse.“
Jasmin Illing
„Du fährst halt eben einfach nur noch. Du versuchst nur noch den Wassermassen irgendwie wegzufahren.“
136 Menschen sterben allein in Rheinland-Pfalz. Hunderte werden verletzt. Tausende obdachlos.
Malu Dreyer (SPD), damalige Ministerpräsidentin Rheinland-Pfalz, am 15.07.2021
„So eine Katastrophe hauen wir noch nicht gesehen. Es ist wirklich verheerend.“
An vielen Orten gibt es weder Strom noch sauberes Trinkwasser.
Bund und Länder versprechen schnelle Hilfe. Doch gerade in den ersten Tagen nach der Flut kommt die oft nicht an.
Dominik Gieler (CDU), damaliger Bürgermeister Rech, am 20.07.2021
„Die Lage ist absolut chaotisch. Wir haben keine Führungsebene. Das läuft überhaupt nicht.“
Klaus Kniel (CDU), Ortsvorsteher Heppingen, am 05.08.2021
„Aus meiner Sicht ist das die Katastrophe nach der Katastrophe – wie es eigentlich funktionieren sollte, aber nicht funktioniert hat.“
Die Schäden sind immens, die Solidarität der Bevölkerung aber auch. Freiwillige Helfer aus ganz Deutschland strömen ins Ahrtal, um beim Wiederaufbau zu helfen.
Hilfe, die die Menschen vor Ort dringend brauchen. Doch von der Unterstützung von Bund und Land sind viele in den kommenden Monaten und Jahren enttäuscht. Sie sagen: Der Wiederaufbau stocke, Hilfsgelder würden nicht ankommen.
Ende 2021 beginnt dann auch die politische Aufarbeitung der Flutkatastrophe. Im Landtag kommt der Untersuchungs-Ausschuss zu seiner ersten Sitzung zusammen. Die Frage: Hätten weniger Menschen sterben müssen, wenn die zuständigen Behörden früher reagiert hätten?
Zwei prominente Zeugen treten im Laufe der Ausschuss-Ermittlungen von ihren Ämtern zurück. Zuerst gibt Anne Spiegel im April 2022 ihr Amt als Bundesfamilienministerin auf. Zum Zeitpunkt der Flutkatastrophe war sie rheinland-pfälzische Umweltministerin. Sie stand unter anderem in der Kritik, weil sie kurz nach der Flut für vier Wochen in Urlaub gefahren war.
Ein halbes Jahr später tritt dann auch der oberste Katastrophenschützer des Landes, der rheinland-pfälzische Innenminister Roger Lewentz, zurück.
Roger Lewentz (SPD), damaliger Innenminister Rheinland-Pfalz, am 12.10.2022
„Heute übernehme ich für meinen Verantwortungsbereich gemachte Fehler die politische Verantwortung.“
Im Zentrum der Kritik steht auch er: Jürgen Pföhler, der ehemalige Landrat des Kreises Ahrweiler. Die Staatsanwaltschaft Koblenz leitet gegen ihn und einen Mitarbeiter aus dem Krisenstab ein Ermittlungsverfahren ein, es geht um den Verdacht der fahrlässigen Tötung durch Unterlassen. Doch die Ermittlungen werden eingestellt.
Für Ralph und Inka Orth ist das völlig unverständlich, ein „Justizskandal“. In der Flutnacht stirbt ihre 22jährige Tochter Johanna.
Ralph Orth, Vater von Johanna, am 17.04.2024
„Unsere Tochter hat uns angerufen, gegen halb eins, ganz panisch. War in der Wohnung, plötzlich stand Wasser drin bis zu den Knien und sie bekam die Wohnungstür nicht mehr auf und konnte sich nicht mehr retten.“
Johannas Eltern sind überzeugt, bei einer rechtzeitigen Warnung wäre ihre Tochter geflohen und jetzt wohl noch am Leben. Sie reichen einen Klageerzwingungsantrag ein. Wollen, dass Jürgen Pföhler doch noch angeklagt wird. Doch vor rund einem Monat lehnt das Oberlandesgericht Koblenz diesen Antrag ab. Den Eltern bleibt jetzt nur noch eine Verfassungsbeschwerde.
Die verheerende Flut ist nun also fünf Jahre her. Doch auch jetzt sehen viele Orte entlang der Ahr immer noch aus wie riesige Baustellen. Der Wiederaufbau – er wird noch viele Jahre andauern.