Gesundheitsreform – Im Studio zu Gast: Gesundheitsökonom Prof. Thomas Kolb aus Wiesbaden

Eva Dieterle, Moderatorin 17:30 Sat.1 live: „Und über die Gesundheitsreform sprechen wir jetzt bei mir. Professor Thomas Kolb, Gesundheitsökonom der Hochschule Rhein. Meinen guten Abend.“

Prof. Thomas Kolb, Gesundheitsökonom Hochschule RheinMain: „Hallo, Frau Dieterle!“

„Ja, Herr Kolb, die heute beschlossene Gesundheitsreform ist die aus Ihrer Sicht der große Wurf oder nicht?“

„Ob es wirklich ein großer Wurf ist, das sehen wir in ein paar Monaten, vielleicht auch in ein paar Jahren. Ich bin aber wirklich froh, dass diese Reform jetzt heute durchgekommen ist. Wir haben bestimmte Regelungen, die jetzt in Kraft getreten sind, beispielsweise die Begrenzung für die Ausgaben für die Leistungserbringer. Das ist gekoppelt an eine bestimmte Rate. Wir haben noch immer, das war aber auch wirklich nicht in Frage gestellt, die Familienversicherung, die ändert sich jetzt in gewisser Weise und wir haben einen Ansatz und das ist auch sehr positiv. Der Staat übernimmt Zahlungen für die Bürgergeld Empfänger.“

„Lassen Sie uns nochmal auf den Pharmastandort Rheinland-Pfalz schauen. Durch poltitischen Druck aus Rheinland-Pfalz wurde der dynamische Preisabschlag für Pharmaunternehmen im Gesetz gestrichen. Ist das der richtige Weg?“

„Also das ist ein hervorragendes Beispiel für eine wirklich intakte Lobbypolitik, die gerade bei der Pharmabranche jetzt auch funktioniert hat. Eigentlich hatten nämlich die Gutachter im Rahmen der Finanzkommission einen höheren Betrag in Aussicht gestellt im Sinne eines variablen Preisabschlags. Der ist jetzt fixiert worden. Es ist eine Kompromissfrage, die da jetzt bei rauskam. Immer noch ist es so, dass die Pharmaunternehmen dort ein Rabatt geben müssen. Ich muss aber ganz offen an dem Punkt die Frage stellen, ob wirklich die gesetzliche Krankenversicherung dafür zuständig ist, Wirtschaftspolitik zu fördern? Also ob wirklich gesetzlich Krankenversicherte Pharmaunternehmen da Unterstützungszahlungen leisten sollen? Stelle ich ernsthaft in Frage.“

„Schauen wir auf eine weitere geplante Reform, die auch gerade in der vergangenen Woche für viel Diskussionen gesorgt hat. Es geht um das Thema Krankschreibungen. Ein Attest soll künftig ab dem ersten Tag, so ist es zumindest geplant, dann fällig sein. Telefonische Krankschreibungen soll es wohl gar nicht mehr geben. Wie bewerten Sie das?“

„Grundsätzlich ist es erst mal gut, dass wir über den Sachverhalt sprechen. Und grundsätzlich stimmt auch, dass wir einen erheblichen Produktivitätsverlust gerade für diese elektronischen oder generell über die Arbeitsunfähigkeitstage haben. Ökonomen sprechen von 200 Milliarden € Wertverlust durch Krankheitstage. Man muss aber, um es einfach zu justieren, ganz klar sagen; in der gesetzlichen Krankenversicherung ist die Finanzwirkung mit einem Betrag von 100 Millionen € relativ gering. Wenn Sie sehen, dass wir pro Tag in der GKV 1 Milliarde € mittlerweile ausgeben, aber auf einer anderen Seite ist das viel wichtiger. Es kommt jetzt dadurch ein viel größeres Arbeitspaket auf die Arztpraxen zu. Wir haben viel größeres Risiko, dass Patienten, die am ersten Tag unter Umständen schon in die Praxis gehen, andere wiederum anstecken. Und da müssen wir nicht nur in die Kinder Arztpraxen, sondern das ist auch bei den Erwachsenen natürlich das Thema. Das heißt, an der Stelle sollte man, das soll ja auch der Reform nachgelagert werden, noch mal mit einem gerüttelt Maß Vernunft an die Frage heran.

„Wir bleiben gespannt, wie sich das entwickelt. Ganz aktuelle Einschätzungen von Professor Thomas Kolb. Vielen Dank dafür.“

„Sehr gerne!“