Sieben Jahre nach Ekelwurst-Sandal: Ehemalige Wilke-Chefs in Kassel vor Gericht
Es ist einer der schwersten Lebensmittelskandale Deutschlands, der vor knapp sieben Jahren ans Licht kommt. Verunreinigte und vergammelte Fleischwaren der Firma Wilke-Wurst aus dem nordhessischen Twistetal soll elf Menschen das Leben gekostet haben. Seit heute stehen nach langer und komplizierter Beweisführung nun mit den Wilke-Chefs drei mutmaßlich Verantwortliche in Kassel vor Gericht. Ihnen wird unter anderem fahrlässige Tötung vorgeworfen.
Verschimmelte Wurst – ekelerregende Zustände. Diese Bilder haben Mitarbeiter vor der Schließung der Wilke-Wurstfabrik aufgenommen, sie tauchen nach Bekanntwerden des Skandals im Jahr 2019 auf. Elf Menschen sterben, Dutzende erkranken.
Ex-Wilke-Mitarbeiterin
„Ich habe teilweise in meinen Bereich Missstände gemeldet. Es hat keinen interessiert.“Andreas Kampmann, Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten
„Der Geschäftsführer hat den Betrieb geführt mit Schrecken und Angst. Hat die Mitarbeiter unter Druck gesetzt. Diejenigen, die mal was gesagt haben wurden entweder zusammengeschrien oder der Geschäftsführer ist weggelaufen.“
Der Ex-Geschäftsführer, seine Stellvertreterin und der Produktionsleiter sitzen seit heute auf der Anklagebank.
Moritz Teschner, Staatsanwaltschaft Kassel
„Den Angeklagten wird in mehreren Fällen fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung, die versuchte gefährliche Körperverletzung durch Unterlassen, gewerbsmäßiger Betrug sowie Straftaten gegen das Lebensmittelrecht vorgeworfen.“
Die Wilke-Chefs sollen von der Gesundheitsgefahr ihrer Ware gewusst haben. Sie sollen außerdem bereits verdorbene Wurst mit neuen Ablaufdaten etikettiert haben. Die Staatsanwaltschaft nennt wirtschaftliche Interessen als Motiv.
Moritz Teschner, Staatsanwaltschaft Kassel
„Die Angeklagten sollen verantwortlich dafür gewesen sein, dass im Betrieb schlechte hygienische Zustände geherrscht haben sollen, die die Vermehrung und Verbreitung von Listerien begünstigt haben sollen. Mit der weiteren Konsequenz, dass diese Listerien auch auf die Fleisch- und Wurstwaren übergegangen sein sollen.“
Selbst der Umstand, dass bei internen Kontrollen Salmonellen und Listerien festgestellt wurden, hätte die Angeklagten nicht gestoppt. Listerien sind Bakterien, die für ältere und geschwächte Menschen lebensgefährlich sein können. Viele der Betroffenen waren Patienten in Krankenhäusern oder Bewohner von Pflegeheimen, die von Wilke beliefert wurden.
Der gewaltige Umfang des Verfahrens mit Fragen des Lebensmittel- und Europarechts sei der Grund, warum der Prozess erst jetzt beginne.
Zum heutigen Auftakt deutet vieles auf einen möglichen Deal zwischen Gericht, Staatsanwaltschaft und zwei der Angeklagten hin, die sich zu den Vorwürfen äußern sollten. Doch dazu kommt es nicht.
Fabian Schöpke, Verteidiger des Produktionsleiters
“Wir haben heute gemerkt, dass das hier sehr holprig losgegangen ist, um es ganz deutlich zu sagen. Die Punkte, die für die Verteidigung wichtig waren, hat man wohl seitens des Gerichts anders gewertet, mag so sein. Oder es gab einen kommunikativen Dissens … Es geht hier um viele naturwissenschaftliche Fragen, die wir en Detail zum jetzigen Zeitpunkt nicht beantworten können, sondern die müssen Sachverständige beantworten.“


