Bürokratie im Krankenhaus
Der Ruf nach weniger Vorschriften und Formularen kommt inzwischen aus nahezu allen politischen Lagern. Doch vielen geht der Abbau viel zu langsam. Die Kritik an ausufernder Bürokratie wächst – auch im Gesundheitssystem. Wir haben am Krankenhaus in Neuwied nachgefragt.
„Das kommt ein bisschen auf die Wunde an. Ich habe heute den Verband noch nicht gemacht. Also sobald ich da drunter geguckt habe, kann ich das genauer sagen. Aber ich rufe einfach gleich nochmal zurück.“
Assistenzärztin Victoria Wünsche sitzt am Schreibtisch und dokumentiert ihre Arbeit. Der Verbandswechsel muss warten. Keine Ausnahme, im Gegenteil. Das Dokumentieren der Behandlungen nimmt oft mehr Zeit in Anspruch als die Behandlung selbst.
Dr. Victoria Wünsche, Assistenzärztin
„Es gibt eben viel Anteil, wie eben diese ganzen Reha-Anträge, Kurzzeitpflegeanträge, die jetzt nicht unbedingt ärztlich sind. Wenn die wegfallen würden, hätten wir einfach mehr Zeit am Patienten, mehr Zeit im OP, mehr Zeit uns auf wirklich ärztliche Tätigkeit zu konzentrieren.“
Laut einer Studie des deutschen Krankenhausinstituts verbringen Ärzte und Pflegekräfte mehr als ein Drittel ihrer Tagesarbeitszeit mit Dokumentationsaufgaben.
Prof. Dr. Christoph Wölfl, Chefarzt am Marienhaus Klinikum Neuwied
„Das sind sicherlich Dokumentationen für den medizinischen Dienst der Krankenkasse, Stellungnahmen, die wir schreiben müssen, ob unser medizinisches Behandlungsregime das Richtige war. Unendliche Schriftverkehre wegen ein oder zwei Behandlungstagen mehr, die entstehen.“
Wichtig ist den Ärzten und Pflegekräften dabei: Nicht die Dokumentation der Behandlungen selbst ist das Problem:. Die gehört zum Alltag dazu und kann nur von Ärzten erledigt werden. Die weiteren Verwaltungsaufgaben könnten aber auch von anderen Fachkräften erledigt werden.
Prof. Dr. Christoph Wölfl, Chefarzt am Marienhaus Klinikum Neuwied
„Dokumentationsassistenten, Study Nurses – das gibt es ja auch zum Teil schon. Aber da gibt es natürlich das Problem: Personal kostet. Und wenn Sie mehr in diese Personalgruppe shiften, haben Sie weniger Budget für ärztliche Mitarbeitende. Die brauchen sie aber, um die Dienstabdeckung zu gewährleisten.“
Drei Stunden verbringen Ärzte im Schnitt täglich mit der Bürokratiebewältigung sagt die Studie des Deutschen Krankenhausinstituts. Würde diese Zahl gesenkt werden, gäbe es mehr freies Personal. Die Rechnung ist einfach:
Prof. Dr. Christoph Wölfl, Chefarzt am Marienhaus Klinikum Neuwied
„Und wenn wir das reduzieren könnten auf eine Stunde, hätten wir rechnerisch, so die Studie, 22.600 Vollkräfte, volle Arbeitskräfte, Ärzte mehr im System.“


