Sommerinterview mit Katrin Eder (Bündnis 90 / Die Grünen)

Die Fraktionschefin der rheinland-pfälzischen Grünen stellt sich heute den Fragen unseres Moderators Markus Appelmann.

Markus Appelmann, Moderator:
Wir melden uns wieder aus dem Garten der Verlagsgruppe Rhein Main. Herzlich willkommen zu den “17:30 Sat-1 live”-Sommerinterviews Heißes Wetter haben wir heute und heiß geht’s auch her bei den Grünen, die sich quasi neu erfinden müssen. Nach 15 Jahren Regierungsarbeit heißt es für die Grünen nun, Sie werden nicht mehr gebraucht zum Regieren. Oppositionsarbeit. Für die Frau, die bis vor wenigen Tagen noch Umweltministerin war von Rheinland Pfalz. Sie ist jetzt die neue Fraktionschefin der Grünen im rheinland pfälzischen Landtag. Herzlich willkommen, Katrin Eder. Hallo Frau Eder! Über Politik können wir gleich noch genug sprechen. Bei uns geht es erst mal persönlich los. Und zwar haben wir unseren heutigen Gast gebeten, ein paar Kinderfotos mitzubringen.
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Heimat, Kindheit: Das verbindet Katrin Eder mit den Weinbergen im Mainzer Stadtteil Laubenheim.
Katrin Eder (Bündnis 90 / Die Grünen), Fraktionsvorsitzende RLP
„Mein Opa war Nebenerwerbswinzer. In dieser Gegend die Weinlandschaft zu sehen und das zu erleben im Herbst, mit den Füßen in den Trauben zu stampfen, das war einfach ein Teil meiner Kindheit.“
Mainzerin von damals bis heute. In Laubenheim wächst Katrin Eder auf, geht hier zur Schule. Als Jugendliche verbringt die Grünen-Fraktionsvorsitzende viel Zeit in der Sporthalle beim Tischtennis. Einmal schafft sie es sogar bis zu den deutschen Meisterschaften.
Katrin Eder (Bündnis 90 / Die Grünen), Fraktionsvorsitzende RLP
„Ich muss schon sagen, dass dieser Fokus auf so ein Ziel, der Fokus auf den Ball und dieses sich sehr in was rein stürzen zu können, ich glaube, das ist schon vom Tischtennis auch geprägt worden, genauso wie auch der Ehrgeiz und der Kampfesmut.“
Mit 18 nimmt Katrin Eder ihren ersten Job an, als Kellnerin in der Goldenen Ente in Laubenheim. So finanziert sie sich ihr Studium. In dieser Zeit beschließt sie, sich politisch zu engagieren und tritt den Grünen bei.
Katrin Eder (Bündnis 90 / Die Grünen), Fraktionsvorsitzende RLP
„In so einer Gaststätte, dort sind viele aus der Mainzer Lokalpolitik verkehrt, hatten da Stammtische, der Altoberbürgermeister Jockel Fuchs zum Beispiel war dort auch Stammgast und das hat mich schon auch ein bisschen inspiriert.“
Der Job als Kellnerin habe sie als junge Frau sehr geprägt.
Katrin Eder (Bündnis 90 / Die Grünen), Fraktionsvorsitzende RLP
„Ich fand das wahnsinnig bereichernd. Das war immer mal eine harte Schule und ich hätte manchmal dem Wirt auch ein Getränk ins Gesicht schütten können, das war eine harte Erfahrung manchmal, weil auch Gäste nicht immer freundlich sind.“
Ähnlich dürfte es der 49-Jährigen heute wohl auch manchmal im Mainzer Landtag gehen.
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Appelmann:
Eins kann ich mir vorstellen: Es gibt immer noch Menschen, denen würden Sie gerne mal ein Getränk ins Gesicht schütten. Wie bleiben Sie da freundlich? Wie bleiben Sie da ruhig?
Katrin Eder (Bündnis 90 / Die Grünen), Fraktionsvorsitzende RLP:
Ich mache jetzt so lange Politik. Und ich hatte wirklich auch Zeiten, wo Situationen schwer zu nehmen waren. Gerade in Zeiten, wo Baustellensituationen oder wo man Entscheidungen treffen muss, die Menschen nicht unbedingt gefallen. Und da geht es in der Politik immer auch ruppig zu. Das wird auch immer schlimmer. Und insofern hat man da auch gelernt, sich zusammenzureißen, freundlich zu bleiben oder sich auch einfach mal wegzudrehen.
Appelmann:
Machen Sie noch Sport als Ausgleich? Zum Beispiel, wir haben gesehen Tischtennis.
Eder:
Im Moment gehe ich wöchentlich schwimmen und war eine Zeit lang dann eher laufen, weil tatsächlich die Konzentration auf den Ball … Irgendwann wollte ich lieber eine Sportart machen, wo man die Gedanken frei fließen lassen kann und sich nicht noch zusätzlich so intensiv konzentrieren muss. Aber neulich hat mich mal wieder der Reiz gepackt und manchmal denke ich darüber nach, ob es nicht doch wieder was wäre.
Appelmann:
Frau Eder, wir kommen jetzt zur großen Politik und kommen zum größten Projekt der Grünen in der letzten Legislaturperiode. Und das war das Landesklimaschutzgesetz.
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Dafür haben die Grünen in Rheinland-Pfalz vehement gekämpft:
Im Juli vergangenen Jahres stimmt die Ampel-Koalition im rheinland-pfälzischen Landtag dafür, dass Rheinland-Pfalz bis 2040 klimaneutral sein soll. Fünf Jahre früher als der Bund und zehn Jahre früher als die EU.
Bis zu dieser Abstimmung war es ein langer Weg.
Es hagelte Proteste. Vor allem aus der Wirtschaft. Die verschärften Klimaziele seien ein eklatanter Nachteil für den Standort Rheinland-Pfalz.
Karsten Tacke, Landesvereinigung Unternehmerverbände RLP, am 23.06.2025
„Unternehmen mit mehreren Standorten werden verlagern. Das Klima hat keinen Vorteil, aber wir haben den Nachteil. Das Gesetz ist nicht durchdacht.“
Auch die CDU kritisierte das geplante Gesetz scharf: Man solle sich lieber an den Klimazielen des Bundes orientieren.
Nach monatelangen Diskussionen wurde der Gesetzentwurf dann kurz vor der Abstimmung abgeschwächt. 2031 soll überprüft werden, ob die Klimaziele noch realistisch sind.
Und diese Überprüfung wollen CDU und SPD jetzt nochmal „deutlich vorziehen“. Von 2031 auf 2028. So haben es die beiden Parteien in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten.
Alexander Schweitzer (SPD), am 30.04.2026
„Wir haben, wie ich finde, eine sehr kluge Einigung erreicht beim Landesklimaschutzgesetz.“
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Appelmann:
Frau Eder, jetzt mal ganz ehrlich: Hat sich Ihr persönlicher Kampf für dieses Landesklimaschutzgesetz gelohnt, wenn Sie sehen, im neuen Koalitionsvertrag steht es ja drin, dass nach zwei Jahren jetzt schon überprüft werden kann und dann kann das Gesetz gekippt werden?
Eder:
Klimaschutz ist unsere grüne DNA. Deswegen werden wir immer für das Thema kämpfen. Und mir war wichtig, diesen Überprüfungsmechanismus erst 2031 zu machen. Warum war mir das wichtig? Es geht jetzt darum, endlich mal über Maßnahmen zu reden. Was müssen wir denn tun, um das Klima zu schützen und die Erderhitzung aufzuhalten? Und was die jetzt machen mit 2028, ist, dass die Mitarbeitenden, die das Gesetz ja auch ausgearbeitet haben, jetzt gar nicht in die Maßnahmendefinition einsteigen können, sondern direkt schon wieder in eine Überprüfung.
Appelmann:
Aber was ist so schlimm daran, dass wir auf die Bundesklimaziele gehen, dass wir auf das Jahr 2045 gehen?
Eder:
Es gibt Bundesländer, die wissen einfach, dass sie aufgrund ihrer Verfasstheit zum Beispiel Stahlproduktion, später sein werden als 2045. Und da gibt es einfach Bundesländer, zum Beispiel diejenigen, die mit viel Wald gesegnet sind, die etwas schneller werden sein müssen. Das heißt, das ist auch Solidarität intern. Und es ging auch …
Appelmann:
Der Wald funktioniert nicht mehr so als CO2-Senker, wie es eingerechnet wurde damals 2021. Aber lassen Sie mich noch …
Eder:
Aber besser als zu dem Zeitpunkt gedacht, wo wir darüber diskutiert haben.
Appelmann:
Er erholt sich wieder ein bisschen.
Eder:
Er erholt sich wieder aufgrund des nassen Sommers letztes Jahr.
Appelmann:
Aber Sie wissen auch, dass Deutschland nur an rund 1,8 % der weltweiten CO2-Emissionen beteiligt ist. Unsere Klimaschutzmaßnahmen, die retten das Weltklima nicht, aber was viele sagen: Die Wirtschaft wird ruiniert.
Eder:
Deutschland hat natürlich eine Vorbildfunktion. Und wir sind doch lange schon kein Vorbild mehr, wenn wir sehen, wie viel Photovoltaik China zubaut. Wenn wir sehen, dass Länder in Südamerika Windenergie offshore zubauen ohne Ende, wenn wir nach Spanien gucken, die ganz weit sind mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien.
Appelmann:
Aber alle, die Sie nennen haben günstigere Strompreise. Wir zahlen rund 0,36 € pro Kilowattstunde, Industriestrompreis 18..
Eder:
Deswegen sollte die Bundesregierung auch das tun, was sie zugesagt hat und was die Grünen schon lange fordern, nämlich die Stromsteuer für alle Bürgerinnen und Bürger auch zu senken.
Appelmann:
Das haben Sie in der Bundes-Ampelregierung nicht hinbekommen.
Eder:
Ja, aber das hat Friedrich Merz damals im Bundestagswahlkampf versprochen. Wir hatten das als Grüne gefordert, konnten es gegen Christian Lindner nicht durchsetzen. Und dann hat Friedrich Merz jetzt auch seine Zusage gebrochen. Deswegen: Stromsteuer runter für alle würde hier helfen.
Appelmann:
Wir sehen schon das Thema erneuerbare Energien ist ihr Leib- und Magenthema. Deswegen bleiben wir auch dabei und kümmern uns um die Windkraft in Rheinland Pfalz.
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Es ist das urgrüne Thema schlechthin. Der Ausbau der erneuerbaren Energien.
Im alten Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung ist es definiert: 500 Megawatt Windkraft sollten netto ausgebaut werden – pro Jahr. Also 2.500 Megawatt in den vergangenen fünf Jahren.
Doch unterm Strich sind es insgesamt gerade mal rund 600 Megawatt geworden.
Die Windkraft-Ziele – sie wurden also deutlich verfehlt.
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Appelmann:
Frau Eder, warum haben Sie trotz aller Anstrengungen die Windkraftausbauziele verfehlt?
Eder:
Wir haben die 1000 Megawatt geschafft, ja, durch die Photovoltaik. Und bei der Windkraft haben wir in den letzten Jahren die Genehmigungslage verändert, so dass jetzt am Ende 2025 wir bei 1400 Megawatt bei der Windenergie waren. Deswegen hat hier die neue Landesregierung offensichtlich auch 1500 Megawatt sogar in den Koalitionsvertrag geschrieben. Das ist sehr ambitioniert.
Appelmann:
Da kommen jetzt viele Zahlen gerade drin vor. Sie wissen aber auch, dass genehmigt nicht gleich gebaut heißt. Und da lassen wir Michael Bleidt noch mal zu Wort kommen. Er ist vom Verband Kommunaler Unternehmen in Rheinland Pfalz.
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Michael Bleidt, Verband kommunaler Unternehmen e.V. RLP
„Wir waren sehr begeistert, als wir den Koalitionsvertrag 2021 gelesen haben, und sind heute sehr enttäuscht, was das Ergebnis zeigt. Photovoltaik wie gesagt, gut gelaufen, aber in der Windenergie, die wir sehr dringend bräuchten, eine verheerende Bilanz. (…) Wir haben viele 100 Megawatt an genehmigten Anlagen da liegen. Aber die Unternehmen schauen sich natürlich an oder haben sich in der Vergangenheit angeschaut, welche Betriebseinschränkungen werden angeordnet und wenn die zu hoch waren, dann sind die Anlagen eben nicht gebaut worden, weil sie sich nicht rechnen.“

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Appelmann:
Frau Eder, was sagen Sie Herrn Bleidt?
Eder:
Dass Herr Bleidt weiß, dass es daran liegt, dass die Ausschreibungen der Bundesnetzagentur so sind, dass vor allen Dingen die Anlagen in Schleswig-Holstein und in Niedersachsen, wo der Wind sehr viel stärker weht, einfach begünstigt wurden. Deswegen hatten wir auch als grüne Energieminister Sonderausschreibungen vonseiten des Bundes gefordert, insbesondere für die südlichen Bundesländer, damit das hier auch vereinfacht wird.
Appelmann:
Aber es geht nicht so richtig voran. Und Herr Bleidt hat uns gesagt, dass der Windkraftausbau noch einmal eingebremst wurde. Und das liegt an einer Auflage, die Sie als Umweltministerin auf den letzten Drücker noch durchgesetzt haben. Wir hören mal, um was es da genau geht.
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Neue, strengere Artenschutzvorgaben führen dazu, dass Windkraftanlagen jetzt zeitweise abgeschaltet werden müssen. Der Verband kommunaler Unternehmen Rheinland-Pfalz kritisiert die neue Richtlinie in Sachen Fledermausschutz deshalb scharf:
„Sie ist als eindeutiges Signal gegen den dringend notwendigen Ausbau der Windenergie zu werten. Statt diesen zu beschleunigen, werden unnötig neue Hürden errichtet. Statt Ausbau drohen Stillstand und Projektabbrüche.“ (Verband kommunaler Unternehmen e.V. Rheinland-Pfalz)
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Appelmann:
Das kann Ihnen nicht recht sein.
Eder:
Wir haben vier Jahre lang einen Dialogprozess “Artenschutz und Windenergie” vorangetrieben. Vier Jahre lang hat man sich verständigt und die Naturschutzverbände sind sehr weit auf die Energieverbände zugegangen, so dass zum Beispiel, wenn man eine Anlage aufs freie Feld stellt, müssen gar keine Überprüfungen mehr für Fledermäuse gemacht werden, gar keine mehr, sodass ganz schnell im Offenland gebaut werden kann. Wir sind ein waldreiches Bundesland. Alle Fledermausarten sind vom Aussterben bedroht. Sie sind sehr wichtig für die Biodiversität. Und deswegen haben wir gesagt: Ein ganz alter Leitfaden muss erneuert werden. Und wir sind dann nach Protesten der Energieverbände sogar noch mal auf eine andere Zahl gegangen, was sozusagen tote Fledermäuse pro Anlage eben auch misst. Alle Bundesländer, das möchte ich klarstellen, überprüfen Fledermäuse, das ist keine rheinland-pfälzische Spezialität.
Appelmann:
Aber jetzt läuft der Windkraftausbau nicht richtig gut.
Eder:
Aber der läuft doch nicht gut wegen der Fledermäuse.
Appelmann:
Jetzt kommt der Fledermausschutz noch dazu. Das ist doch Naturschutz gegen Klimaschutz. Das ist doch ein grün-grünes Dilemma.
Eder:
Natürlich ist Windenergie immer ein Eingriff, und wir müssen doch schauen, dass wir hier auch das Kind nicht mit dem Bade ausschütten. Auch für den Naturschutz. Und es ist viel Naturschutz abgebaut worden beim Ausbau der Windenergie. Ob das die Vögel anbelangt, die Regelungen, die Robert Habeck gemacht hat, und was wir gemacht haben eben mit den Offenlandstandorten, wo wir sagen: “Keine Prüfung mehr notwendig”, dass wir an einer Stelle noch Standards definieren, so wie es alle anderen Bundesländer machen, so wie es das Bundesamt für Naturschutz empfiehlt. Und da sind wir sogar noch mal drüber gegangen zum Zorn der Naturschutzverbände. Also Politik ist auch immer ein Abwägen. Nicht nur die eine Lobbygruppe gewinnt immer und setzt alles durch, sondern manchmal muss man eben auch einen Kompromiss finden, auch wenn es der einen Seite wehtut.
Appelmann:
Da kam noch mal die Umweltministerin gerade so richtig durch. Frau Eder, wir kommen jetzt zu einem Thema, das ganz viele Deutschen momentan beschäftigt und das sind die hohen Spritpreise.
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So sehr wie in den vergangenen Wochen dürften sich die Autofahrer beim Tanken selten geärgert haben. Besonders Pendler ächzen unter den Spritpreisen, die nach Beginn des Irankrieges explodiert sind.
Um Pendler und Unternehmen zu entlasten, hat die Bundesregierung einen Tankrabatt beschlossen. Heißt: Die Energiesteuer wurde um 17 Cent pro Liter gesenkt – für zwei Monate.
Friedrich Merz (CDU), Bundeskanzler, am 13.04.26
„Damit werden wir sehr schnell die Lage für die Autofahrer und für die Betriebe im Land verbessern.“
Das sehen die Grünen anders. Der Tankrabatt sei lediglich ein Geschenk an die Mineralölkonzerne. Die Partei fordert unter anderem die „Wiedereinführung des 9-Euro-Tickets für die Zeit der Energiekrise“. So solle ein Anreiz geschaffen werden, um „das Auto stehen zu lassen, Sprit zu sparen und den ÖPNV zu nutzen“.
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Appelmann:
Frau Eder, gerade in den ländlichen Regionen von Rheinland-Pfalz ist der öffentliche Personennahverkehr oft keine Alternative. Warum machen die Grünen so wenig Politik für Autofahrer?
Eder:
Wir sind schockiert, dass in diesem Koalitionsvertrag das Thema Elektromobilität überhaupt keine Rolle spielt. Es ist gut, dass die Bundesregierung eine Förderung jetzt für die Elektroautos auch zur Verfügung stellt.
Appelmann:
Wir sprechen aber über die Verbrenner gerade.
Eder:
Ja, aber darum geht es ja. Man hätte schon längst hier auch umsteuern können, was das Thema Anreize setzen, Förderung setzen für Elektroautos anbelangt. Diese sind im Betrieb wesentlich kostengünstiger als es im Moment Benzin und Diesel und es ist noch dazu unabhängig von Importen.
Appelmann:
Aber da brauchen wir natürlich auch den Strom schon wieder. 1998, wir gehen jetzt mal 30 Jahre zurück, haben die Grünen auf einer Bundesdelegiertenkonferenz festgelegt, dass der Spritpreis schrittweise auf fünf Mark pro Liter angehoben werden soll. Jetzt hatten wir Anfang Mai zwei 2,50 €, also 5 Mark. Ist alles gut für die Grünen?
Eder:
Nein, natürlich. Es gibt Menschen, die können das nicht bezahlen und das ist sehr bedauerlich. Und ich finde es dann schon irritierend, dass man sagt, man gibt Milliarden aus für zwei Monate, um dann wieder jetzt zu sagen: “Okay, der Tankrabatt wird nicht weitergeführt.”
Appelmann:
Aber der Spritpreise ist ein bisschen runtergegangen.
Eder:
Ja, aber nur einen Tick. Wir sehen schon, dass manche Mineralölkonzerne einen Gewinn von über 100 % gemacht haben durch die Regelung um zwölf Uhr nur die Spritpreise erhöhen zu dürfen. Das hat ja alles nicht bei den Menschen eingezahlt.
Appelmann:
Also Sie sind nicht für die Verlängerung des Tankrabatts, können wir festhalten. Wie wollen Sie die Autofahrer also entlasten?
Eder:
Wir sind der Auffassung, dass man – und wir haben in Rheinland-Pfalz schon in vielen Bereichen den ÖPNV ausgebaut, auch im ländlichen Raum -, dass man hier mit dem Neun-Euro-Ticket auf etlichen Fahrten hätte für Entlastung sorgen können. Und es ist in Rheinland-Pfalz tatsächlich auch so, dass das Deutschlandticket auch in den ländlichen Räumen sehr stark genutzt und umgesetzt wird.
Appelmann:
Da war es aber wenig für die Autofahrer dabei, was Sie gerade gesagt haben.
Eder:
Ja, wir haben in den letzten Jahren immer wieder auch gefordert, dass man beherzt die Elektromobilität hätte ausbauen sollen. Und noch dazu in Kombination mit der Senkung der Stromsteuer hätte das für eine echte Entlastung sorgen können. Das jetzt ist die Folge davon, dass man weiterhin auf fossile Technologien und Importe gesetzt hat.
Appelmann:
Lassen wir genauso stehen und kommen zu einem einzigartigen Vorgang in Rheinland-Pfalz. Und zwar geht es um Untersuchungsausschüsse im Landtag.
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Vieles ist neu im Mainzer Landtag: Der Ministerpräsident kommt jetzt von der CDU, der Oppositionsführer von der AfD. Die Partei konnte ihr Ergebnis bei der Landtagswahl mehr als verdoppeln. Die AfD stellt jetzt mehr als 20 Prozent aller Abgeordneten.
Das hätte eigentlich gereicht, um im Alleingang einen Untersuchungsausschuss einberufen zu können. Eigentlich.
Doch das kann sie im neuen Landtag nun nicht mehr.
Denn vor drei Wochen haben CDU und SPD gemeinsam mit den Grünen die Verfassung geändert. Der Landtag kam dafür extra nochmal in alter Besetzung zusammen. Mit ihrer Zweidrittelmehrheit stimmen die drei Parteien dafür, die Hürde für U-Ausschüsse anzuheben.
Der U-Ausschuss – er gilt als das schärfste Schwert der Opposition. Ein Schwert, das im neuen Landtag wohl nicht mehr gezogen wird.
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Appelmann:
Frau Eder, das sind doch gute Nachrichten für die beiden Regierungsparteien, für CDU und SPD. Ihnen als Oppositionspartei müsste da das Herz bluten.
Eder:
Es ist ja nicht so, als wären Untersuchungsausschüsse unmöglich geworden, sondern das Quorum war in Rheinland-Pfalz ziemlich niedrig mit 20 %. Wir haben im Bundestag das Quorum seit Schaffung des Grundgesetzes bei 25 %. Auf dieses Quorum haben wir die Latte in Rheinland-Pfalz gelegt.
Appelmann:
Sie haben ja 15 Jahre mitregiert.
Eder:
Ja, aber wir haben auch gesehen, dass Untersuchungsausschüsse, es ist ein scharfes Schwert des Parlaments und nicht der Opposition. Und Untersuchungsausschüsse, die sich wirklich auch als notwendig gezeigt haben, hat sich immer gezeigt, dass parteiübergreifend, fraktionsübergreifend diese auch eingesetzt wurden. Auch mit Mitgliedern der Regierungsfraktion, wie es zum Beispiel auch beim Untersuchungsausschuss für das Ahrtal war.
Appelmann:
Aber gerade das ist doch ein Beispiel, das zeigt, das könnte in der neuen Legislaturperiode wieder nicht mehr passieren, weil Ihnen ist ja die Ausgrenzung der AfD wichtiger als die parlamentarische Kontrolle.
Eder:
Nein. Ich habe ja gesagt, dass der Untersuchungsausschuss in der letzten Wahlperiode ja auch mit den Fraktionsstimmen der Regierungsparteien beschlossen wurde. Und insofern ist das ja keine Unmöglichkeit, sondern das Quorum des Deutschen Bundestages. Und wir müssen auf die andere Seite sehen, nämlich die Funktionsweise unserer Systeme. Und wenn dieses Instrument eben auch missbraucht wird, wird diese Regierung, wird dieses Parlament zu nichts anderem mehr kommen, als sich mit destruktiven Anträgen der AfD zu beschäftigen.
Appelmann:
Sie sagen: “Wenn es missbraucht wird”. Es wurde noch nicht. Die AfD hat sich in diesem Falle noch nicht destruktiv gezeigt. Wäre es nicht viel überzeugender gewesen, zu warten, bis es so weit ist?
Eder:
Zu warten, bis es so weit ist, finde ich im Falle der AfD eine äußerst gewagte Aussage, weil da hat Deutschland Erfahrung, was bedeutet, wenn man bei Rechten wartet.
Appelmann:
Die Regierung hat eine Zwei-Drittel-Mehrheit momentan. Das heißt, sie kann einfach eine Verfassung ändern.
Eder:
Ja, aber dieses Instrument alleine der AfD in die Hand zu geben, das haben wir für falsch gehalten, weil die AfD per se destruktive Politik macht. Und das haben wir auch in anderen Bundesländern gesehen, was für Themen durch Untersuchungsausschüsse aufgegriffen werden sollten. Und uns geht es hier um eine Funktionsweise des Parlamentes und auch der Landesregierung, dass wir hier nicht beschäftigt werden, Dauerfeuer durch die AfD, die dadurch auch die Möglichkeit bekommt, ihre Themen zu setzen.
Appelmann:
Frau Eder, da setzen wir unter das Politische einen Punkt und haben jetzt noch unser “entweder oder”-Spiel. Da müssen Sie ganz schnell ganz schlagkräftig unsere Fragen beantworten. – Bahn fahren und hoffen oder Auto fahren und sich erklären müssen?
Eder:
Bahn fahren und hoffen.
Appelmann:
Nervt es manchmal?
Eder:
Total.
Appelmann:
Wenn man da wieder steht und der Zug kommt nicht. – Handy immer dabei oder bewusst auch mal offline?
Eder:
Handy immer dabei.
Appelmann:
Und immer erreichbar.
Eder:
Nee.
Appelmann:
Lautlos.
Eder:
Ja, genau.
Appelmann:
1 % mehr bei der Wahl oder 1 % weniger CO2-Ausstoß?
Eder:
1 % mehr bei der Wahl, weil wir dann mehr CO2-Ausstoß reduzieren können, je mächtiger wir werden.
Appelmann:
Frühaufsteher oder Langschläfer?
Eder:
Erzwungenermaßen Frühaufsteherin, weil die Schule um 8 Uhr beginnt.
Appelmann:
Okay, gut. Das heißt, um 6 Uhr klingelt der Wecker.
Eder:
Ja, genau.
Appelmann:
Lieber ein ehrliches “Weiß ich nicht” oder ein souveränes “Dazu später mehr”?
Eder:
Ein ehrliches “Weiß ich nicht”.
Appelmann:
Ist Ihnen das auch schon mal rausgerutscht?
Eder:
Ständig. Man sollte doch nicht so tun in der Politik, als würde man alles wissen, sondern man muss ja immer viel noch auch dazulernen.
Appelmann:
Lebenslanges Lernen, sage ich.
Eder:
Ganz genau.
Appelmann:
Grillabend oder Picknickdecke?
Eder:
Picknickdecke.
Appelmann:
Spontaner Trip oder durchgeplanter Urlaub?
Eder:
Lang geplant, wohin es geht, was man dann da macht: spontan.
Appelmann:
Okay, das bringt mich jetzt schon zur letzten Frage. Wir sind ja bald in Richtung Sommerurlaub unterwegs. Wo geht es denn für Sie, für Ihre Familie dieses Jahr hin?
Eder:
Wir fahren nach Frankreich, an die Atlantikküste.
Appelmann:
Gut, wenn ich jetzt frage, was spontan da gemacht wird, wissen wir natürlich noch nicht. Aber auf jeden Fall mal die Seele baumeln lassen. Und wie lange? Zwei Wochen?
Eder:
Zwei Wochen. Meine Kinder würden sagen: “Chillen, Mama”.
Appelmann:
Okay, gut. Das ist das Programm. Vielen Dank. Katrin Eder, die grüne Fraktionsvorsitzende im rheinland-pfälzischen Landtag, für ihren Besuch bei uns.
Eder:
Gerne.