Sommerinterview mit Katrin Eder (Bündnis 90 / Die Grünen)
Die Fraktionschefin der rheinland-pfälzischen Grünen stellt sich heute den Fragen unseres Moderators Markus Appelmann.
Markus Appelmann, Moderator:
Wir melden uns wieder aus dem Garten der Verlagsgruppe Rhein Main. Herzlich willkommen zu den “17:30 Sat-1 live”-Sommerinterviews Heißes Wetter haben wir heute und heiß geht’s auch her bei den Grünen, die sich quasi neu erfinden müssen. Nach 15 Jahren Regierungsarbeit heißt es für die Grünen nun, Sie werden nicht mehr gebraucht zum Regieren. Oppositionsarbeit. Für die Frau, die bis vor wenigen Tagen noch Umweltministerin war von Rheinland Pfalz. Sie ist jetzt die neue Fraktionschefin der Grünen im rheinland pfälzischen Landtag. Herzlich willkommen, Katrin Eder. Hallo Frau Eder! Über Politik können wir gleich noch genug sprechen. Bei uns geht es erst mal persönlich los. Und zwar haben wir unseren heutigen Gast gebeten, ein paar Kinderfotos mitzubringen.
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Heimat, Kindheit: Das verbindet Katrin Eder mit den Weinbergen im Mainzer Stadtteil Laubenheim.
Katrin Eder (Bündnis 90 / Die Grünen), Fraktionsvorsitzende RLP
„Mein Opa war Nebenerwerbswinzer. In dieser Gegend die Weinlandschaft zu sehen und das zu erleben im Herbst, mit den Füßen in den Trauben zu stampfen, das war einfach ein Teil meiner Kindheit.“
Mainzerin von damals bis heute. In Laubenheim wächst Katrin Eder auf, geht hier zur Schule. Als Jugendliche verbringt die Grünen-Fraktionsvorsitzende viel Zeit in der Sporthalle beim Tischtennis. Einmal schafft sie es sogar bis zu den deutschen Meisterschaften.
Katrin Eder (Bündnis 90 / Die Grünen), Fraktionsvorsitzende RLP
„Ich muss schon sagen, dass dieser Fokus auf so ein Ziel, der Fokus auf den Ball und dieses sich sehr in was rein stürzen zu können, ich glaube, das ist schon vom Tischtennis auch geprägt worden, genauso wie auch der Ehrgeiz und der Kampfesmut.“
Mit 18 nimmt Katrin Eder ihren ersten Job an, als Kellnerin in der Goldenen Ente in Laubenheim. So finanziert sie sich ihr Studium. In dieser Zeit beschließt sie, sich politisch zu engagieren und tritt den Grünen bei.
Katrin Eder (Bündnis 90 / Die Grünen), Fraktionsvorsitzende RLP
„In so einer Gaststätte, dort sind viele aus der Mainzer Lokalpolitik verkehrt, hatten da Stammtische, der Altoberbürgermeister Jockel Fuchs zum Beispiel war dort auch Stammgast und das hat mich schon auch ein bisschen inspiriert.“
Der Job als Kellnerin habe sie als junge Frau sehr geprägt.
Katrin Eder (Bündnis 90 / Die Grünen), Fraktionsvorsitzende RLP
„Ich fand das wahnsinnig bereichernd. Das war immer mal eine harte Schule und ich hätte manchmal dem Wirt auch ein Getränk ins Gesicht schütten können, das war eine harte Erfahrung manchmal, weil auch Gäste nicht immer freundlich sind.“
Ähnlich dürfte es der 49-Jährigen heute wohl auch manchmal im Mainzer Landtag gehen.
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Appelmann:
Eins kann ich mir vorstellen: Es gibt immer noch Menschen, denen würden Sie gerne mal ein Getränk ins Gesicht schütten. Wie bleiben Sie da freundlich? Wie bleiben Sie da ruhig?
Katrin Eder (Bündnis 90 / Die Grünen), Fraktionsvorsitzende RLP:
Ich mache jetzt so lange Politik. Und ich hatte wirklich auch Zeiten, wo Situationen schwer zu nehmen waren. Gerade in Zeiten, wo Baustellensituationen oder wo man Entscheidungen treffen muss, die Menschen nicht unbedingt gefallen. Und da geht es in der Politik immer auch ruppig zu. Das wird auch immer schlimmer. Und insofern hat man da auch gelernt, sich zusammenzureißen, freundlich zu bleiben oder sich auch einfach mal wegzudrehen.
Appelmann:
Machen Sie noch Sport als Ausgleich? Zum Beispiel, wir haben gesehen Tischtennis.
Eder:
Im Moment gehe ich wöchentlich schwimmen und war eine Zeit lang dann eher laufen, weil tatsächlich die Konzentration auf den Ball … Irgendwann wollte ich lieber eine Sportart machen, wo man die Gedanken frei fließen lassen kann und sich nicht noch zusätzlich so intensiv konzentrieren muss. Aber neulich hat mich mal wieder der Reiz gepackt und manchmal denke ich darüber nach, ob es nicht doch wieder was wäre.
Appelmann:
Frau Eder, wir kommen jetzt zur großen Politik und kommen zum größten Projekt der Grünen in der letzten Legislaturperiode. Und das war das Landesklimaschutzgesetz.
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Dafür haben die Grünen in Rheinland-Pfalz vehement gekämpft:
Im Juli vergangenen Jahres stimmt die Ampel-Koalition im rheinland-pfälzischen Landtag dafür, dass Rheinland-Pfalz bis 2040 klimaneutral sein soll. Fünf Jahre früher als der Bund und zehn Jahre früher als die EU.
Bis zu dieser Abstimmung war es ein langer Weg.
Es hagelte Proteste. Vor allem aus der Wirtschaft. Die verschärften Klimaziele seien ein eklatanter Nachteil für den Standort Rheinland-Pfalz.
Karsten Tacke, Landesvereinigung Unternehmerverbände RLP, am 23.06.2025
„Unternehmen mit mehreren Standorten werden verlagern. Das Klima hat keinen Vorteil, aber wir haben den Nachteil. Das Gesetz ist nicht durchdacht.“
Auch die CDU kritisierte das geplante Gesetz scharf: Man solle sich lieber an den Klimazielen des Bundes orientieren.
Nach monatelangen Diskussionen wurde der Gesetzentwurf dann kurz vor der Abstimmung abgeschwächt. 2031 soll überprüft werden, ob die Klimaziele noch realistisch sind.
Und diese Überprüfung wollen CDU und SPD jetzt nochmal „deutlich vorziehen“. Von 2031 auf 2028. So haben es die beiden Parteien in ihrem Koalitionsvertrag festgehalten.
Alexander Schweitzer (SPD), am 30.04.2026
„Wir haben, wie ich finde, eine sehr kluge Einigung erreicht beim Landesklimaschutzgesetz.“
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Appelmann:
Frau Eder, jetzt mal ganz ehrlich: Hat sich Ihr persönlicher Kampf für dieses Landesklimaschutzgesetz gelohnt, wenn Sie sehen, im neuen Koalitionsvertrag steht es ja drin, dass nach zwei Jahren jetzt schon überprüft werden kann und dann kann das Gesetz gekippt werden?
Eder:
Klimaschutz ist unsere grüne DNA. Deswegen werden wir immer für das Thema kämpfen. Und mir war wichtig, diesen Überprüfungsmechanismus erst 2031 zu machen. Warum war mir das wichtig? Es geht jetzt darum, endlich mal über Maßnahmen zu reden. Was müssen wir denn tun, um das Klima zu schützen und die Erderhitzung aufzuhalten? Und was die jetzt machen mit 2028, ist, dass die Mitarbeitenden, die das Gesetz ja auch ausgearbeitet haben, jetzt gar nicht in die Maßnahmendefinition einsteigen können, sondern direkt schon wieder in eine Überprüfung.
Appelmann:
Aber was ist so schlimm daran, dass wir auf die Bundesklimaziele gehen, dass wir auf das Jahr 2045 gehen?
Eder:
Es gibt Bundesländer, die wissen einfach, dass sie aufgrund ihrer Verfasstheit zum Beispiel Stahlproduktion, später sein werden als 2045. Und da gibt es einfach Bundesländer, zum Beispiel diejenigen, die mit viel Wald gesegnet sind, die etwas schneller werden sein müssen. Das heißt, das ist auch Solidarität intern. Und es ging auch …
Appelmann:
Der Wald funktioniert nicht mehr so als CO2-Senker, wie es eingerechnet wurde damals 2021. Aber lassen Sie mich noch …
Eder:
Aber besser als zu dem Zeitpunkt gedacht, wo wir darüber diskutiert haben.
Appelmann:
Er erholt sich wieder ein bisschen.
Eder:
Er erholt sich wieder aufgrund des nassen Sommers letztes Jahr.
Appelmann:
Aber Sie wissen auch, dass Deutschland nur an rund 1,8 % der weltweiten CO2-Emissionen beteiligt ist. Unsere Klimaschutzmaßnahmen, die retten das Weltklima nicht, aber was viele sagen: Die Wirtschaft wird ruiniert.
Eder:
Deutschland hat natürlich eine Vorbildfunktion. Und wir sind doch lange schon kein Vorbild mehr, wenn wir sehen, wie viel Photovoltaik China zubaut. Wenn wir sehen, dass Länder in Südamerika Windenergie offshore zubauen ohne Ende, wenn wir nach Spanien gucken, die ganz weit sind mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien.
Appelmann:
Aber alle, die Sie nennen haben günstigere Strompreise. Wir zahlen rund 0,36 € pro Kilowattstunde, Industriestrompreis 18..
Eder:
Deswegen sollte die Bundesregierung auch das tun, was sie zugesagt hat und was die Grünen schon lange fordern, nämlich die Stromsteuer für alle Bürgerinnen und Bürger auch zu senken.
Appelmann:
Das haben Sie in der Bundes-Ampelregierung nicht hinbekommen.
Eder:
Ja, aber das hat Friedrich Merz damals im Bundestagswahlkampf versprochen. Wir hatten das als Grüne gefordert, konnten es gegen Christian Lindner nicht durchsetzen. Und dann hat Friedrich Merz jetzt auch seine Zusage gebrochen. Deswegen: Stromsteuer runter für alle würde hier helfen.
Appelmann:
Wir sehen schon das Thema erneuerbare Energien ist ihr Leib- und Magenthema. Deswegen bleiben wir auch dabei und kümmern uns um die Windkraft in Rheinland Pfalz.
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Es ist das urgrüne Thema schlechthin. Der Ausbau der erneuerbaren Energien.
Im alten Koalitionsvertrag der Ampel-Regierung ist es definiert: 500 Megawatt Windkraft sollten netto ausgebaut werden – pro Jahr. Also 2.500 Megawatt in den vergangenen fünf Jahren.
Doch unterm Strich sind es insgesamt gerade mal rund 600 Megawatt geworden.
Die Windkraft-Ziele – sie wurden also deutlich verfehlt.
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Appelmann:
Frau Eder, warum haben Sie trotz aller Anstrengungen die Windkraftausbauziele verfehlt?
Eder:
Wir haben die 1000 Megawatt geschafft, ja, durch die Photovoltaik. Und bei der Windkraft haben wir in den letzten Jahren die Genehmigungslage verändert, so dass jetzt am Ende 2025 wir bei 1400 Megawatt bei der Windenergie waren. Deswegen hat hier die neue Landesregierung offensichtlich auch 1500 Megawatt sogar in den Koalitionsvertrag geschrieben. Das ist sehr ambitioniert.
Appelmann:
Da kommen jetzt viele Zahlen gerade drin vor. Sie wissen aber auch, dass genehmigt nicht gleich gebaut heißt. Und da lassen wir Michael Bleidt noch mal zu Wort kommen. Er ist vom Verband Kommunaler Unternehmen in Rheinland Pfalz.
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Michael Bleidt, Verband kommunaler Unternehmen e.V. RLP
„Wir waren sehr begeistert, als wir den Koalitionsvertrag 2021 gelesen haben, und sind heute sehr enttäuscht, was das Ergebnis zeigt. Photovoltaik wie gesagt, gut gelaufen, aber in der Windenergie, die wir sehr dringend bräuchten, eine verheerende Bilanz. (…) Wir haben viele 100 Megawatt an genehmigten Anlagen da liegen. Aber die Unternehmen schauen sich natürlich an oder haben sich in der Vergangenheit angeschaut, welche Betriebseinschränkungen werden angeordnet und wenn die zu hoch waren, dann sind die Anlagen eben nicht gebaut worden, weil sie sich nicht rechnen.“


