Sommerinterview mit Boris Rhein (CDU)

Der hessische Ministerpräsident stellt sich heute den Fragen unserer Moderatorin Eva Dieterle.

Eva Dieterle, Moderatorin:
Herzlich willkommen zu einem weiteren Sommerinterview hier bei 17:30 Sat.1 live. Während in Mainz hier draußen sommerliche Temperaturen herrschen, hat sich die politische Stimmung im Land deutlich abgekühlt. Die Unzufriedenheit mit der Bundesregierung wächst. Und dieser Blick nach Berlin, der wird uns heute natürlich auch in diesem Interview beschäftigen. Denn er ist auch für Hessen spannend, denn dort gibt es ebenfalls eine schwarzrote Regierungskoalition. Und dessen Oberhaupt, das begrüße ich heute hier bei mir in der sommerlichen Atmosphäre im Garten der Verlagsgruppe Rhein-Main., den hessischen Ministerpräsidenten Boris Rhein. Herzlich willkommen!
Boris Rhein (CDU), Ministerpräsident Hessen:
Guten Tag, Frau Dieterle, und herzlichen Dank.
Dieterle:
Herr Rhein, Berlin liegt ungefähr 600 Kilometer von Mainz entfernt und da geht jetzt unsere Reise zumindest gedanklich zuerst hin ins politische Berlin.
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Es sind desaströse Umfragewerte.
Nur noch 13 Prozent der Deutschen sind mit der Arbeit der schwarz-roten Bundesregierung zufrieden oder sehr zufrieden.
Nie war eine Bundesregierung nach nur einem Jahr im Amt unbeliebter.
Gestartet war Schwarz-Rot vor rund einem Jahr mit großen Reformversprechen. Doch egal ob Rente, Pflege, Bürokratieabbau oder Steuern. Große Reformen sind bis jetzt ausgeblieben.
Die Folge: Sowohl die Union als auch die SPD verlieren massiv an Zustimmung.
Zwischen den Koalitionspartnern knirscht es gewaltig. Inhaltlich und atmosphärisch.
Das Misstrauen wächst.
Auch das Misstrauen in Bundeskanzler Friedrich Merz persönlich.
In Umfragen ist er ist so unbeliebt wie kein anderer Kanzler in der Geschichte der Bundesrepublik vor ihm.
Und auch innerhalb der CDU selbst rumort ist. Die Partei kommt nicht aus den Negativ-Schlagzeilen raus. Jetzt gibt es sogar Spekulationen darüber, ob Kanzler Merz ausgewechselt werden soll.
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Dieterle:
Herr Rhein, enorme Diskussionen gerade um alle möglichen Themen. Diskussionen um einen möglichen Kanzlertausch, Minderheitsregierung, Neuwahlen. Was sagen Sie zu all dem?
Rhein:
Ich halte das für kompletten Unsinn, wenn ich ganz ehrlich bin und es ist auch völlig unrealistisch. Wir brauchen doch nicht weniger Merz in Deutschland, Wir brauchen mehr Merz. Und rein technisch geht das ja alles gar nicht, was da gesprochen wird. Deswegen: Das sind irgendwelche Fantasien, die in irgendeiner Blase entstanden sind. Ich glaube, wir sollten uns jetzt darauf konzentrieren, eine gute Politik zu machen, unsere Politik umzusetzen und damit das Vertrauen von Bürgerinnen und Bürgern gewinnen. Damit kann man kein Vertrauen gewinnen, mit solchen Diskussionen.
Dieterle:
Genau, denn es steht ja nun mal im Raum und das ist doch irgendwie hochgradig destabilisierend, auch innerhalb der eigenen Partei.
Rhein:
Ja, in der Tat. Und deswegen bin ich sehr dafür, dass diese Debatten jetzt nicht weitergeführt werden. Das bringt ja gar niemandem was und das schadet eigentlich allen. Und Deutschland braucht jetzt Führung und nicht solche durcheinanderen Debatten. Wie gesagt, das ist nicht das, was Bürgerinnen und Bürger haben wollen und dafür sind wir auch nicht gewählt worden im Übrigen.
Dieterle:
Heftig wurden die vielen Streitereien in der ehemaligen Ampelkoalition kritisiert, allen voran auch von Ihrer Partei, der CDU. Jetzt erleben wir gerade so was wie Dauerstreit bei Schwarz-Rot in der aktuellen Bundesregierung und das nach nur einem Jahr. Da läuft doch gewaltig was schief.
Rhein:
Na ja, ich glaube, das ist sehr schade, dass das Erscheinungsbild dieser Koalition so ist, weil sie eine gute Politik macht, diese Koalition. Wir haben die Migrationswende eingeleitet und zwar rasant eingeleitet nach nur einem Jahr. Wir machen gute Politik bei der inneren Sicherheit. Wir haben beispielsweise die Fußfessel für Frauenschläger eingeführt. Wir führen die IP-Adressdatenspeicherung ein. Das ist das Instrument im Kampf gegen Kinderpornografie. Da haben wir so lange drauf gewartet und jetzt ist es da. Und dann kommt wieder schlechte Kommunikation am gleichen Tag über irgendwelche Themen und das muss besser werden.
Dieterle:
Was ich man von außen wahrnimmt, ist, dass man sich bis spät in die Nacht trifft und sich dann doch wieder nicht einig wird.
Rhein:
Ja, das ist eine Koalition, die ja auch nicht aus Liebe zueinander gefunden hat, sondern das ist eine Zweckehe, die ja auch aus den äußeren Zwängen heraus zusammengekommen ist. Und ich denke, jetzt müssen sich einfach mal alle am Riemen reißen und eine ordentliche Arbeit leisten.
Dieterle:
Diese Unzufriedenheit mit der Bundesregierung schlägt sich natürlich auch in den Umfragewerten nieder, die selbst Bundeskanzler Friedrich Merz als völlig inakzeptabel bezeichnet. Ihr Amtsvorgänger Volker Bouffier hat sich kürzlich in einem Interview dazu geäußert und deutliche Worte gefunden.
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Volker Bouffier (CDU), ehemaliger Ministerpräsident Hessen
„Die SPD hat als Partei den Kipppunkt bereits überschritten. Sie wird keine 25  % mehr erreichen. Für die CDU muss der Zustand des Koalitionspartners eine Mahnung sein. Wenn wir jetzt nicht verlässlich regieren, das Vertrauen der Bevölkerung mehren, statt es zu mindern, dann droht uns das gleiche Schicksal.“
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Dieterle:
Stimmen Sie ihm zu? Und wie viel Zeit ist denn noch für Mahnung?
Rhein:
Ja, Volker Bouffier hat wie so oft recht. Und wir als Christdemokraten haben in der Tat ja auch ein hohes Interesse an einem stabilen Koalitionspartner. Deswegen: Die SPD ist einer sehr erstaunlichen Situation. Sie adressiert eine Politik an eine Wählerschaft, die längst ihre Partei, nämlich die Linke, gefunden hat. Und ich glaube, es gibt nach wie vor ein Bedürfnis von Menschen für gute sozialdemokratische Politik für die Mitte. Die hessische SPD macht das ja vor, wie man das machen kann und wie man zusammenarbeiten kann. Auch in der Koalition in Hessen funktioniert das. Und deswegen: Die Bundes-SPD hat hier wirklich noch ein Stück Arbeit vor sich.
Dieterle:
Volker Bouffier hat ja gewarnt davor, dass es der CDU ähnlich gehen könnte.
Rhein:
Genau, und da hat er vollkommen recht. Wir müssen sehr aufpassen. Wir sind die letzte verbliebene große Volkspartei, bürgerlich konservative Volkspartei in Europa. Schauen wir mal um uns herum, was so los ist und was passiert, wenn bürgerliche Volksparteien nicht mehr da sind – schauen wir mal nach Frankreich -, dann kommen die Radikalen. Und deswegen haben wir alle ein großes Interesse daran, dass wir das hinbekommen in dieser Koalition.
Dieterle:
Wir haben jetzt viel über die CDU gesprochen, müssen aber auch noch auf eine andere Partei schauen, die nun mal von dieser schlechten Performance der Bundesregierung immer mehr und mehr profitiert. Und das ist die AfD.
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In allen aktuellen bundesweiten Umfragen liegt die AfD auf Platz 1. Erreicht bis zu 29 Prozent.
Bei INSA liegt die AfD ganze 7 Prozentpunkte vor der Union. Und das, obwohl Friedrich Merz einst angekündigt hatte, die AfD halbieren zu wollen.
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Dieterle:
Und wieder stellt sich die Frage: Warum sind Sie dagegen so machtlos?
Rhein:
Also das sind in der Tat Zahlen, die mir große Sorge machen, auch mit Blick auf die kommenden Landtagswahlen. Aber es ist im Augenblick Demoskopie. Und ich bin schon dafür, dass wir uns anschauen, wie Wahlergebnisse sind. Und ich bin der festen Überzeugung, sie werden anders sein als das, was gerade demoskopiert wird. Aber man muss es sehr ernst nehmen, das steht außer Frage. Und deswegen finde ich, wir sollten aufhören, diese Brandmauerdebatten zu führen. Wissen Sie, was wir machen müssen? Wir müssen Brücken zurück in die Mitte bauen. Wir müssen die Wähler zurückgewinnen der AfD. Mit einer guten Politik, mit, ja, auch einer guten Erzählung über Politik der Mitte. Denn so wie wir leben, können wir nur mit einer Politik der Mitte leben. Und das muss begeistern. Und das müssen wir hinbekommen. Begeistern für die Politik der Mitte.
Dieterle:
Eine Strategie, die aber bislang ja noch nicht gefruchtet hat. Also diese Ausgrenzungsstrategie hat nicht dazu geführt, die AfD klein zu halten. Sie haben gerade gesagt, man muss erst mal die Wahlergebnisse abwarten. Es waren ja Kommunalwahlen in Hessen, und auch da hat die AfD sich mehr als verdoppelt von 6,8 auf 14,8  %. Was macht das mit Ihnen?
Rhein:
Ja, das macht mir Sorgen. Aber es bestärkt mich auch in unserem Weg hier in Hessen. Denn die CDU ist die führende Kraft, und zwar mit Abstand die führende Kraft in Hessen. Wir sind wirklich der starke Anker geblieben, der starke Anker der Mitte, die bürgerliche Volkspartei, konservativ und bürgerlich. Und das bestärkt mich, genau so weiterzumachen, wie wir es in Hessen begonnen haben. Wir haben immer gesagt: “Nicht zu viel versprechen, aber alles halten”. So macht man das. Und so kann man am Ende auch eine führende Kraft sein und Koalitionen in der Mitte bilden.
Dieterle:
Trotzdem bleibt das natürlich weiter eine große Herausforderung auch für die CDU. So viel an dieser Stelle aber jetzt erst mal zu den Parteien. Wir wollen natürlich auch auf inhaltliche Themen zu sprechen kommen. Und auch da kommen wir an einem großen Sorgenkind aktuell nicht vorbei. Und das ist die Wirtschaft.
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Friedrich Merz:
„Herbst der Reformen“
Es sind DIESE drei Worte, die man immer wieder hört, wenn es um die Unzufriedenheit der Wirtschaft mit der schwarz-roten Bundesregierung geht.
Den Herbst der Reformen – den hatte Bundeskanzler Friedrich Merz kurz nach seiner Wahl im vergangenen Jahr angekündigt.
Reformen, auf die die Wirtschaft – auch hier in Hessen – aber immer noch wartet.
Wolf Matthias Mang, Präsident VhU
„Es wurde uns ein Herbst der Reformen versprochen und wir müssen heute feststellen: Wir hatten ein Frühjahr der Entlassungen.“
Und auch der ehemalige hessische Ministerpräsident Volker Bouffier kommt vor wenigen Tagen in einem Interview in der FAZ zu dem Schluss:
„Friedrich Merz ist Opfer seiner eigenen Ankündigungspolitik.“
Die von Merz angekündigte Wirtschaftswende sei ausgeblieben, sagt die Vereinigung der hessischen Unternehmerverbände.
Wolf Matthias Mang, Präsident VhU
„Die Lage der hessischen Wirtschaft ist wirklich ernst. Wir haben große Probleme bezüglich der Wettbewerbsfähigkeit unseres Landes, und wir haben hohe Energiekosten in unserem Land. Wir haben zu viel Bürokratie, wir haben lange Genehmigungsverfahren, wir haben eine hohe Steuerlast und hohe Sozialabgaben, und alles zusammen ist ein Mix, was wirklich den Unternehmen schwer zu schaffen macht.“
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Dieterle:
Herr Rhein, wenn Sie das hören, müssen Sie nicht auch langsam ungeduldig werden?
Rhein:
Ja, wir sind alle ungeduldig, Aber ich glaube, wir müssen jetzt eine Art Reform-Restart einleiten. Und das bedeutet, wir müssen jetzt uns konzentrieren auf Wirtschaftswachstum. Wir müssen die Wirtschaft wieder flott kriegen. Wir machen das in Hessen beispielsweise durch Bürokratieabbau. Wir haben jetzt kürzlich das erste Bürokratieabbaugesetz vorgelegt. 90 Vorschriften, 120 Gesetze einfach entrümpelt. Das zweite haben wir gerade eingeleitet. Das kommt jetzt. Das Wichtigste ist aber auch, dass wir die Energiekosten senken. Die sind einfach im europaweiten Vergleich viel zu hoch. Das ist ein Grund, warum wir in Hessen jetzt einsteigen in die Kernfusionstechnologie und in die Erforschung. Das wird der Gamechanger sein, aber das wird noch einige Jahre dauern. Und die Steuern müssen runter.
Dieterle:
Okay, ich möchte noch mal bei dem Reformer-Restart einhaken. Der ist ja ein Leitantrag, der in wenigen Tagen auch von Ihnen bei dem Landesparteitag der CDU eingebracht wird. Das Wort “Restart” ist natürlich interessant. Man kennt es vom PC, wenn was hängengeblieben ist oder gar nicht hochgefahren ist. Das heißt, es gab vorher einen Fehlstart, sonst bräuchte es keinen Restart.
Rhein:
Ich würde nicht sagen ein Fehlstart, sondern wir haben uns verdammt viel vorgenommen. Und diese Bundesregierung will im Augenblick das schultern, was ganz viele Bundesregierungen vorher eben nicht geschultert haben. Und es ist zu viel auf einmal. Ich sage es nochmal: Wir müssen jetzt eine Priorität setzen und die Priorität ist, das Wirtschaftswachstum anzukurbeln. Wenn die Wirtschaft nicht hochkommt, werden wir all das nicht schaffen, was wir uns vorgenommen haben. Keine Pflegereform, keine Reform der Krankenversicherung, keine Rentenreform. Das würden wir alles nicht schaffen, wenn die Wirtschaft nicht hochkommt. Und die Landeshaushalte brechen ja gerade in einer Art und Weise ein, dass wir überhaupt keine Politikgestaltung mehr betreiben können. Und deswegen: Wirtschaft hochbringen bedeutet Steuern senken, bedeutet Bürokratie abbauen und bedeutet Energiekosten senken.
Dieterle:
Damit sind wir eigentlich auch schon bei unserem nächsten Thema, das sich auch zu so einem Sorgenkind entwickeln könnte. Und das ist nämlich die ewige Diskussion um Steuererhöhungen und man fragt sich: Was denn jetzt?
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„Wir werden die Einkommensteuer für kleine und mittlere Einkommen zur Mitte der Legislatur senken.“
So ist es im Koalitionsvertrag von Union und SPD festgeschrieben. Doch WIE diese Entlastungen gegenfinanziert werden sollen, darüber wird immer noch heftig gestritten.
Während die SPD die Steuern für Spitzenverdiener erhöhen will, ist der einflussreiche Parlamentskreis Mittelstand der Union-Bundestagsfraktion strikt dagegen. Er besteht darauf, dass die geplanten Entlastungen „ohne steuerliche Mehrbelastungen bei der Einkommensteuer umgesetzt und finanziert werden“.
CSU-Chef Markus Söder zeigt sich allerdings offen für eine – Zitat „höhere Reichensteuer“. Und der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner von der CDU, hat sich vor kurzem FÜR eine Vermögensteuer ausgesprochen.
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Dieterle:
Herr Rhein, eigentlich haben Sie es gerade eben schon gesagt. Steuererhöhungen – Sie sind kein Fan davon. Aber in Ihrer Partei wird es trotzdem immer wieder diskutiert. Also “Steuererhöhungen unter gewissen Bedingungen ja” oder sagen Sie: “kategorisch ausschließen”?
Rhein:
Also ich glaube, dass gerade jetzt, in dieser Zeit, in der es wirklich wirtschaftlich unglaublich schwierig ist, Steuererhöhungen ein Gift sein können und wirklich alles zum Erliegen bringen können. Was nun überhaupt gar nicht geht, ist die Diskussion beispielsweise über die Erbschaftssteuer. Also wir reden ja nicht über faule Erben, sondern wir reden in der Regel dabei über den Übergang von Familienunternehmen. Und wenn wir da mit einer erhöhten Erbschaftssteuer reingehen würden, würden wir das alles noch viel schwieriger machen. Was die Einkommenssteuer betrifft, ist das eine Debatte, die ja immer wieder geführt wird. Spitzensteuersatz, Reichensteuer, Vermögenssteuer, Umverteilung von oben nach unten. Ich glaube, wir müssen jetzt die Mitte entlasten. Wir müssen Familien entlasten. Deswegen ist auch die Diskussion über das Elterngeld grundfalsch, die wir derzeit führen. Das wird uns nicht voranbringen. Und die Fantasie, man würde mit einer erhöhten Reichensteuer oder Spitzensteuersätzen die Haushalte sanieren können, das ist in der Tat eine Fantasie, weil da müssen Sie die Steuer so erhöhen, dass wir jenseits dessen werden, was das Bundesverfassungsgericht uns ins Stammbuch geschrieben hat, was der höchste Steuersatz sein darf.
Dieterle:
Die eigenen Leute haben da ja keine Lust drauf. Der Parlamentskreises Mittelstand, wir haben es gerade gehört, dem sehr viele Unionsabgeordnete angehören, die sagen ganz deutlich: “Schluss mit Mehrbelastungen. Die Kompromissbereitschaft ist am Ende”. Also es heißt, die eigenen Leute laufen Sturm, dass immer wieder darüber diskutiert wird.
Rhein:
Wir haben im Koalitionsvertrag vereinbart, dass wir entlasten und nicht belasten.
Dieterle:
Und trotzdem wird es immer wieder diskutiert Ist. Ist der Druck, den die SPD macht, da so groß?
Rhein:
Es macht einen geradezu verrückt. Sie haben vorhin gesagt, man weiß gar nicht mehr, was gilt. Und das ist, glaube ich, eines der Grundprobleme dieser Koalition, dass jeden Tag was Neues kommt. Und es ist oftmals auch widersprüchlich. Und das verunsichert die Leute und deswegen haben wir die Akzeptanz für die Reformbereitschaft eigentlich schon verspielt. Und ich hatte das Gefühl, als wir begonnen haben, dass die Bürgerinnen und Bürger eine echte Reformbereitschaft haben, weil sie begreifen, was da vor sich geht.
Rhein:
Das ist eine gefährliche Sache. Deswegen müssen wir den Leuten sehr deutlich sagen: “Wir wollen Reformen für die Mitte und nicht gegen die Mitte”.
Dieterle:
Okay, klarer Appell von Ihnen. Soviel zum Bereich Wirtschaft. Wir kommen auf ein anderes wichtiges Thema, und das ist die Bildung. Darüber sprechen wir jetzt.
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Individuelle Förderung und gemeinsames Lernen – darum geht es an Integrierten Gesamtschulen. Ab dem kommenden Schuljahr will die schwarz-rote Landesregierung hier Lehrstunden streichen – der Bildungsminister spricht von „notwendiger Anpassung“. Schulen, Eltern und Gewerkschaften schlagen Alarm – auch Grüne und FDP kritisieren die Kürzungen scharf.
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Dieterle:
Gerade in diesen Zeiten, wo wir wissen, wie wichtig Bildung ist, wird der Rotstift angesetzt ausgerechnet an Förderprogrammen für Gesamtschulen. Erklären Sie uns, warum.
Rhein:
Also wir haben natürlich eine enorm schwierige Haushaltssituation. Uns sprechen Steuereinnahmen von 2 Milliarden weg. Es kommen immer weitere Belastungen hinzu. Der Länderfinanzausgleich steigt. Das muss man mal vor der Klammer sagen. Aber wir sparen nicht bei der Bildung. 6,2 Milliarden  € beträgt 2026 der Bildungsetat. Das ist der höchste Bildungsetat aller Zeiten in Hessen. Wir haben so viele Lehrer wie noch nie zuvor in Hessen. Wir haben eine zusätzliche Deutschstunde eingeführt in Hessen. So. Und jetzt werden wir uns einzelne Bereiche anschauen müssen. Und ich kann jetzt schon sagen, dass wir uns im Bildungsbereich sehr genau anschauen für den neuen Haushalt, den wir gerade aufstellen. Und es wird ein Bildungspaket geben. Was ich gar nicht möchte, sind diese ideologischen bildungspolitischen Grabenkämpfe, die wir da immer geführt haben. Ich finde, jeder muss die Schule finden, die für ihn passt. Und dazu gehören selbstverständlich auch Gesamtschulen.
Dieterle:
Sie sagen, Sie sparen nicht an der Bildung. Es gibt natürlich auch Menschen, die das anders sehen. Wir hören mal rein, was die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft von diesen Kürzungen der Förderprogramme bei den Gesamtschulen hält.
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Thilo Hartmann, Vorsitzender GEW Hessen
„Sie müssen sich vorstellen 10.000 Lehrkräfte Stellenstunden, 10.000 Unterrichtsstunden, die wegfallen, Woche für Woche, und zwar nicht global bei allen, sondern ausgerechnet bei denen, die am meisten Förderung nötig haben. Und da wundern wir uns nachher über den Fachkräftemangel. Da wundern wir uns, dass 30 Prozent aller jungen Erwachsenen keinen Hochschulabschluss oder keine Berufsausbildung haben. Dann müsste man genau hier anfangen, eine gute Basis zu legen. Und da wird jetzt gekürzt.“
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Dieterle:
Das sind doch schon Argumente. Das müsste sich doch auch für Sie falsch anfühlen.
Rhein:
Also man muss ja wissen, dass wir eine Privilegierung der Gesamtschulen in Hessen haben, die es sonst nirgendwo so in Deutschland gibt. Doch – noch in Hamburg. Das ist aber ein Stadtstaat. Diese Privilegierung werden wir so stark nicht mehr haben, jedenfalls in diesem Jahr so stark nicht mehr haben. Natürlich auch mit Blick auf die Haushaltssituation. Aber damit sind wir immer noch über allen anderen Bundesländern, über allen Flächenländern in der Privilegierung von Gesamtschulen. Und deswegen: Das ist ein Sturm im Wasserglas. Ich nehme das ernst. Ich bin kein Gegner von Gesamtschulen. Ganz im Gegenteil. Jeder muss die Schule finden, die für ihn passt. Und ich kann zu noch mal sagen: Deswegen werden wir uns all das anschauen für den neuen Haushalt mit einem Bildungspaket, in dem wir all das wiederfinden werden, was wichtig ist für die Schulen, damit wirklich in den Schulen guter Unterricht geleistet werden kann.
Dieterle:
Wir werden uns das dann auch anschauen, wenn es soweit ist. Herr Rhein, wir sind mit dem politischen Teil des Interviews so gut wie durch. Wir wollen jetzt noch ein bisschen persönlicher werden. gibt es auch wieder ein paar politische Fragen. Es gibt nämlich jetzt noch unsere etwas schnellere “Entweder oder”-Runde.
Rhein:
Oje.
Dieterle:
Ich sortiere mal kurz. – Lieber “Das entscheiden wir später” oder “Das ziehen wir jetzt durch”?
Rhein:
Das ziehen wir jetzt durch.
Dieterle:
Ohne Rücksicht auf Verluste?
Rhein:
Nein.
Dieterle:
Friedrich Merz: eher trocken oder unterschätzt humorvoll.
Rhein:
Kantig, humorvoll und ein guter Typ.
Dieterle:
Söder oder Merz – wer schickt Ihnen die spannenderen Nachrichten?
Rhein:
Also da muss ich sagen – und das würde Friedrich Merz jetzt, glaube ich, auch verstehen ud er weiß es ja auch selbst: Markus Söder. Eindeutig.
Dieterle:
Gibt es was ganz Besonderes, was Sie erzählen können?
Rhein:
Nein, ich plaudere nicht aus SMS-Verkehren aus.
Dieterle:
Hätte ja sein können. – Lieber ehrlich unbequem oder diplomatisch glatt?
Rhein:
Also Diplomatie ist schon manchmal ganz gut im Umgang.
Dieterle:
Ehrlichkeit auch.
Rhein:
Ehrlichkeit auch. Aber es kann ja auch ehrliche Diplomatie geben.
Dieterle:
Okay. Handschriftliche Notizen oder alles voll digital?
Rhein:
Handschriftliche Notizen. Ich schreibe alles mit der Hand. Ich habe mal gelernt: “Von der Hand in den Kopf” hat man Repetitor, mein Jurarepetitor immer gesagt Das hat was. Was Sie aufschreiben mit der Hand, dass …
Dieterle:
… merkt man sich besser.
Rhein:
Hat was.
Dieterle:
Bei einem Wutanfall lieber ruhige Atemtechnik oder Boxsack?
Rhein:
Das kommt drauf an. Beim richtigen Wutanfall sollte man eigentlich Atemtechnik üben, aber manchmal braucht man auch einen Boxsack.
Dieterle:
Am Ende wird es der Boxsack. Social Media -. alles selbst lesen oder gänzlich ignorieren?
Rhein:
Gänzlich ignorieren.
Dieterle:
Machen Sie überhaupt nicht?
Rhein:
Also ich versuche so weit wie möglich, mich da vom Tatort fernzuhalten. Das kann einen nur sehr verunsichern, was man da teilweise liest. Aber ich lass mir natürlich schon berichten, was da los ist.
Dieterle:
Die Grünen haben die Plattform X geschlossen verlassen. Wie finden Sie das?
Rhein:
Ich glaube, das hilft jetzt nicht so viel, weil sie wird einfach weiter existieren. Und irgendwie werden wir mit diesen sozialen Medien leben müssen.
Dieterle:
Okay, ein letztes noch: Sommerhit im Radio oder Nachrichten-Podcast?
Rhein:
Also ich bin ein großer Nachrichten-Podcast-Fan, aber so ein Sommerhit hat auch schon was Schönes.
Dieterle:
Ich habe gehofft, dass Sie das sagen, nämlich die Überleitung zu unserem Sommerurlaub, der ja hoffentlich auch bei Ihnen vor der Tür steht. Wo geht es denn für die Familie Rhein hin?
Rhein:
Wir fahren nach Südfrankreich. Ich freue mich sehr darauf und freue mich insbesondere darauf, endlich mal am Stück mit dem Rennrad tolle Touren wieder fahren zu können. In einer unfassbar tollen Landschaft, in einer tollen Umgebung, gutes Essen, gutes Trinken und vor allem Sonne und Wärme.
Dieterle:
Und haben Sie mehr als eine Woche?
Rhein:
Ja ein bisschen mehr mache ich schon.
Dieterle:
Okay. Und schaffen Sie es in der Zeit, das Handy komplett auszumachen?
Rhein:
Nein, das funktioniert leider nicht. Ich habe immer Kontakt zum Büro und das Büro hat Kontakt zu mir. Das geht einfach nicht anders. Aber das ist auch nicht schlimm. Ich glaube, ich würde eher unruhig werden, wenn ich keinen Kontakt hätte.
Dieterle:
Von uns haben sie jetzt ihre Ruhe, denn wir sind damit am Ende unseres Interviews angekommen. Vielen Dank, dass Sie sich heute hier in dieser sommerlichen Atmosphäre meinen Fragen gestellt haben.
Rhein:
Ja, und ich bedanke mich sehr bei Ihnen.