Prozess um Mord an Arzt beginnt neu
Einen Tag vor Silvester 2022 geschieht im rheinland-pfälzischen Gerolstein ein grausames Verbrechen. Der Orthopäde Steffen B. wird vom 16-jährigen Sohn seiner Partnerin und dessen Halbbruder mit einem Baseballschläger brutal verprügelt und schließlich erwürgt. Die beiden Teenager werden 2024 wegen Mordes verurteilt. Heute hat in Trier ein weiterer Prozess zu diesem Verbrechen begonnen. Er soll die Rolle der Partnerin des Getöteten und Mutter eines der Täter an dem Verbrechen aufklären.
Nach monatelanger Suche finden die Ermittler Mitte 2023 den Leichnam des (bis dahin) als vermisst gemeldeten Orthopäden Steffen B. in einem flachen Grab in einem Wald bei Gerolstein. Im Zuge der weiteren Ermittlungen werden dessen Partnerin, ihr Sohn und dessen Halbbruder verhaftet. Doch während die Jugendlichen wegen Mordes verurteilt werden, lautet das Urteil für seine Partnerin Julia L. damals nur: unterlassene Hilfeleistung. Aus Sicht des Bundesgerichtshofs war das allerdings ein Fehler. Das höchste deutsche Gericht sagt: die Schuld der ehemaligen Partnerin des Getöteten sei im ersten Urteil als zu gering eingeschätzt worden. Damit folgt das Gericht einem Antrag auf Revision der Staatsanwaltschaft. Die Verteidiger von Julia L. haben ihr geraten, in diesem Prozess umfassend auszusagen.
Michael Rehberger, Verteidiger von Julia L.
„Um deutlich zu machen, was für eine Person meine Mandantin ist und auch deutlich zu machen, dass sie wirklich gute Erinnerungen an diesen Tattag hat und auch dieses Gefühl, dass sie hatte, dass sie in dieser Situation nicht wusste, was die richtige Entscheidung ist. Um das noch einmal deutlich zu machen, dass man auch gespürt hat, wie schwierig es in dieser Situation war, zu sagen: hier liegt mein toter Freund und hier steht mein Sohn und da muss ich jetzt entscheiden, wie es weiter geht. Und sie hat das ja auch heute deutlich gemacht, dass die Entscheidung, die sie damals getroffen hat, einfach falsch war.“
Die wichtigste Frage in diesem zweiten Prozess ist aus Sicht der Staatsanwaltschaft die nach der Verantwortung.
Welche Verantwortung trug Julia L. bei der Planung der Tat? Wäre es ihre Verantwortung gewesen, den Jugendlichen von der Tat abzuraten? Sie zu stoppen, als sie anfingen, auf Steffen B. einzuschlagen? Und hätte sie nicht nach der Tat, aus der Verantwortung als ausgebildete Krankenschwester heraus, zumindest erste Hilfe leisten müssen? Die Angeklagte selbst malt heute in ihrer Aussage ein anderes Bild vom Tatabend.
Robert Murmann, Reporter in Trier
„Während Julia L. vor Gericht spricht, wird ihre Stimme immer wieder von Tränen erstickt. Sie sagt heute: „Ich bin todtraurig, dass mein Steffen nicht mehr lebt.“ Sie schildert die Tatnacht so, dass die Jugendlichen Steffen B. im Affekt getötet hätten. Sie selbst sei erst danach hinzugekommen und habe dann bei der Beseitigung der Leiche und der Beweise nur mitgewirkt, um ihren Sohn zu schützen. Das bezeichnet Julia L. heute als ’schwerste und schlimmste Entscheidung‘ ihres Lebens.“


