Kommt das Handwerks-Pflichtpraktikum?

Wie soll meine Zukunft aussehen? Das fragen sich viele junge Menschen. Mehr als die Hälfte eines Jahrgangs entscheiden sich mittlerweile für ein Studium an einer Hochschule, das haben wir gerade gesehen. Gleichzeitig suchen viele Handwerksbetriebe vergeblich nach Nachwuchs. Um das zu ändern, will die rheinland-pfälzische CDU jetzt in den Gesprächen über eine Koalition mit der SPD vorschlagen, dass alle Schüler zwei Pflicht-Praktika in Handwerksbetrieben absolvieren müssen. Die Handwerkskammer Koblenz hat heute klar gestellt, dass ohne solche Pflicht-Praktika viele der Handwerksbetriebe um ihre Existenz fürchten müssten.

Wer hier arbeitet sollte schwindelfrei sein. Dachdecker – ein Beruf mit Aussicht. Aber auch ein Handwerk, das in Not gerät. Die Fachkräfte fehlen. So auch bei Jan Winnen aus Koblenz. Der selbstständige Dachdeckermeister war für eine Zeit lang trotz voller Auftragsbücher ganz allein im Betrieb.
Jan Winnen, Inhaber Dachdeckerbetrieb
„Wir brauchen junge Leute. Wir brauchen dynamische Leute, die Lust auf Handwerk haben. Denn dann können wir viel mehr gemeinsam erreichen. Alleine geht es nicht. Kein Unternehmer in Deutschland kann alleine dauerhaft einen Betrieb führen ohne den Spaß zu verlieren.“
Vor zwei Jahren kam Ryan als Praktikant zu ihm. Weil es passte, machte der Firmenchef  Nägel mit Köpfen.
Ryan Höpfinger, Dachdecker Auszubildender
„Ich hatte den ersten Tag hier, wir sind zu einer Baustelle gefahren und im Auto hat der Chef noch gesagt: ‚Wie sieht’s aus? Willst du eine Ausbildung hier machen? Wenn ja, kannst du jetzt sitzen bleiben, wenn nein, kannst du wieder heimgehen.‘ Ja, dann habe ich gesagt, mache ich die Ausbildung halt hier.“
Eigentlich wollte Ryan Mechatroniker werden. Vom Beruf als Dachdecker wusste er vorher wenig. Erst das Praktikum hat ihn überzeugt.
Ryan Höpfinger, Dachdecker Auszubildender
„Mir ging’s nicht um die Arbeit, die ich tue, sondern wie das Miteinander ist im Betrieb. Wie verstehe ich mich mit meinen Arbeitskollegen, mit meinem Chef, ist mein Chef freundlich und krakelt nicht morgens um 8 Uhr schon rum, dass irgendwas fehlt oder so sondern erklärt uns das mit Ruhe, hilft uns, zeigt uns alles. Das war so der knackende Punkt, wieso ich gesagt habe ich bleibe dabei.“
Positive Erfahrungen im Praktikum könnten der  Handwerksbranche neuen Auftrieb geben. Das sieht auch die Handwerkskammer Koblenz so. Die Zahl nicht besetzter Praktikumsplätze im Handwerksbezirk hat sich in den vergangenen fünf Jahren mehr als verdoppelt.
Ralf Hellrich, Hauptgeschäftsführer Handwerkskammer Koblenz
„Wir begeistern im Handwerk nur junge Menschen, wenn wir sie probieren lassen. Da ist so ein Praktikum der einzige Weg, um das wirklich kennenzulernen. Wir dürfen auch nicht vergessen, auch im Zeitalter von künstlicher Intelligenz, was bleiben wird ist tatsächlich die Hand.“
Das funktioniere allerdings nicht allein durch Pflicht, sondern durch Begeisterung. Auch der Dachdeckermeister sieht die Zukunft der Branche nur mit Veränderung. Das Handwerk brauche einen  Imagewechsel.
Jan Winnen, Inhaber Dachdeckerbetrieb
„Wir müssen auch ein bisschen Veränderung mitbringen. Wir müssen auch verstehen, dass die junge Generation eine andere Denkweise hat. Das ist unheimlich wichtig. Wenn wir das nicht tun, wird der Junge nach zwei Wochen sagen okay das war ein tolles Praktikum aber interessiert mich nicht, weil die Menschen in diesem Unternehmen passen einfach nicht zu mir.“
Ob aus einem kurzen Einblick später wirklich eine Ausbildung wird, ist nicht garantiert. Für Betriebe wie den von Jan Winnen könnte es dennoch eine Chance sein, künftig wieder mehr Nachwuchs unter ihr Dach zu holen.