„Volkswirtschaftliches Desaster“ – Bündnis rechnet mit Kassel Airport in Calden ab

Der umstrittene Flughafen in Kassel-Calden kommt derzeit einfach nicht aus den Negativ-Schlagzeilen. Erst der Ärger um die dubiose Fluggesellschaft Fischer Air, die offenbar Tickets für Urlaubsflüge verkauft hat, die dann nie stattfanden. Und dann gibt es auch noch zwei neue Gutachten, die schwarz auf weiß belegen sollen: Der Flughafen ist und bleibt ein Millionengrab ohne jede Aussicht auf Erfolg.

So oder so ähnlich sieht es am Airport in Kassel-Calden seit Jahren fast jeden Tag aus: Gähnende Leere auf dem Rollfeld. Starts und Landungen: Fehlanzeige. Und auch in der Abflughalle wäre noch Platz für den einen oder anderen Flugreisenden. Die nackten Zahlen: Gerade einmal rund 30000 Passagiere sind im vergangenen Jahr vom Airport Kassel aus in den Urlaub gestartet. Im Dezember hob sogar kein einziger Urlaubsflieger ab. Interessant sei der Flughafen ausschließlich für Besitzer von Privatjets, sagt das „Bündnis Kassel Airport stoppen“ – ein Gewinn für die Region, wie von der Landesregierung stets behauptet, sei der Geisterflughafen keinesfalls.
Arvid Jasper, Bündnis „Kassel Airport stoppen“
„Wir haben im letzten Jahr gesehen, dass der Flughafen im freien Fall ist. Minus 64 Prozent bei den Passagieren. Es fliegt hier einfach nichts mehr. Kein Winterflugplan.   Wir brauchen endlich Realitätssinn. Und Realitätssinn heißt: Der Kassel Airport wird nie fliegen. Wir müssen ihn jetzt schließen.“
Das sieht Patrick Weilbach ganz anders: Er ist Deutschland-Chef des Flugzeugherstellers Piper mit Hauptsitz am Airport Kassel-Calden.
Patrick Weilbach, Vorstand Piper Deutschland AG
„Man ordnet nicht ein, welche Effekte es in der Luftfahrt gab. Warum aktuell die Passagierzahlen eingebrochen sind. Covid ist da zu nennen und der angespannte Markt im kommerziellen Flugzeugbereich. Und die Passagiere werden zurückkommen, wenn sich das wieder entspannt.“
Insgesamt sind seit der Eröffnung des zum Verkehrsflughafen ausgebauten Airports im Jahr 2013 rund 250 Millionen Euro aus öffentlichen Mitteln in das umstrittene Projekt geflossen. Mit dem Flughafen will die Landesregierung der strukturschwachen Region Nordhessen zu etwas mehr Auftrieb verhelfen.
Hessisches Ministerium der Finanzen
„Volkswirtschaftlich ist der Flughafen ein Gewinn für die Region. Er schafft Arbeitsplätze und sorgt für Steuereinnahmen. […] Jeder investierte Euro bringt 3 bis 4 Euro an Steueraufkommen zurück.“
Dem widerspricht das Bündnis „Kassel Airport stoppen“: Ein von den Flughafengegnern in Auftrag gegebenes Gutachten kommt zu dem Schluss, dass jeder Euro an Subvention höchstens 50 Cent an Steuereinnahmen zurückbringe – und dass sich der Flughafen volkswirtschaftlich niemals rechnen werde. Fast zeitgleich haben auch die Grünen im hessischen Landtag ein neues Gutachten erstellen lassen. Ergebnis: Die rund um den Flughafen ansässige Wirtschaft profitiert kaum vom Airport. Und die jährlichen Verluste betragen nicht 5 Millionen Euro, wie von der Landesregierung behauptet, sondern in Wahrheit rund 20 Millionen Euro.
Katy Walther (Bündnis 90 / Die Grünen), Abgeordnete Landtag Hessen
„Wir müssen feststellen, dass die Flugbewegungen auf diesem Flughafen seit Jahren im Sinkflug sind. Dass dieser Flughafen den Steuerzahler immer mehr Geld kostet. Und dass die wirtschaftlichen Entwicklungen von diesem Flughafen mehr als fraglich sind. Und deshalb sprechen wir uns dafür aus, dass er unabhängig bewertet wird. Und wenn es kein wirtschaftlicher Erfolg ist, das Geld dann anderweitig in die nordhessische Wirtschaft investiert werden kann.“
Die Grünen schlagen deshalb vor, den Flughafen zu privatisieren: Fände sich dabei kein Investor, sei das nur ein weiterer Beweis dafür, dass niemand den Flughafen wirklich brauche. Das Bündnis „Kassel Airport stoppen“ geht noch einen Schritt weiter: Der Flughafen müsse sofort geschlossen und umgebaut werden – etwa in ein Festivalgelände oder  einen Photovoltaik-Park.