Modellprojekt „Sprachkitas“ – Im Gespräch mit dem LIGA-Vorsitzenden Albrecht Bähr

Eva Dieterle vertieft mit Albrecht Bähr das Thema im Studiotalk.

Eva Dieterle, Moderatorin:
Ein wichtiges Thema. Das wollen wir jetzt vertiefen. Bei mir ist der Vorsitzende der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege, Albrecht Bähr. Guten Abend.
Albrecht Bähr, Vorsitzender der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege:
Einen schönen guten Abend.
Dieterle:
Wir haben gerade die Kitaleiterin gehört, die gesagt hat, eigentlich sollte das, was die jetzt dort haben, Alltag sein an allen Kitas. So ist es aber nicht. Warum gibt es so große Unterschiede, gerade wenn es um frühkindliche Bildung geht an den Kindertagesstätten in Rheinland Pfalz?
Bähr:
Es hängt mit den finanziellen Möglichkeiten der Kommunen zusammen. Es hängt mit dem Engagement der Menschen vor Ort zusammen. Es hängt mit der Zusammensetzung der Gesellschaft vor Ort zusammen. Es ist ein großer Unterschied, in welcher Stadt Sie welche Kita brauchen, wo soziale Brennpunkte sind. Damit ist gesagt, dass für jede Kita eigentlich ein eigen zugeschnittenes Konzept entstehen muss. Und ich habe hier großen Respekt, denn es sind nicht allein die zusätzlichen fünf Stunden, die die bekommen, sondern das ganze Konzept ist auf etwas ausgerichtet, was elementar wichtig ist. Sprache ist der Schlüssel zur Welt. Und das hat die Kita erkannt. Und das ist mit dem Modell, das ja damals mit Ministerpräsident Schweitzer Einzug hielt, gut gemacht. Aber es darf halt nicht so ein Projekt nur werden, sondern es muss flächendeckend sein, weil wir eigentlich in unserer Gesellschaft dafür sorgen müssen, dass jedes Kind die gleichen Startchancen hat, um später eigenständig sein Leben zu gestalten.
Dieterle:
Das heißt also, Sie würden sich da der Forderung der Opposition anschließen, dass das eigentlich jetzt nicht nur als Modellprojekt kommen sollte, sondern flächendeckend im ganzen Land und zwar schnell?
Bähr:
Ich schließe mich der Vernunft an, und wir sagen: Wenn wir wollen, dass die Kinder selbstständig werden, muss hier mehr investiert werden. Damit die Kinder sprachfähig werden. Und wenn das die Opposition fordert und wenn sie es dann auch umsetzt, dann kann es uns nur recht sein. Die Anfänge sind gesetzt, jeder weiß, das Projekt funktioniert. Dann sollte man es aber dann zu einer dauerhaften, flächendeckenden Lösung sein. Denn das ist eines unserer größten Probleme im Kitabereich. Nicht jede Region ist gleich gut ausgestattet und die Chancengleichheit der Kinder darf nicht vom kommunalen Geldbeutel oder von der Infrastruktur drumrum abhängig sein.
Dieterle:
Finanzen sind hier ein Stichwort. Man kann sich nämlich natürlich immer mehr wünschen. Wenn man aber mal auf den Landeshaushalt schaut, dann ist Bildung hier der größte Brocken. Es wird am meisten Geld dafür ausgegeben, inzwischen Rekordsummen. Muss man nicht irgendwann auch mal sagen, es muss ab einem gewissen Punkt auch reichen?
Bähr:
Es gibt viel Geld im System, worüber man vielleicht auch mal diskutieren muss. Ob alle alles gleich haben müssen oder ob wir hier noch einmal abstufen. Wir wissen nur, dass, wenn wir in den Kitabereich gut investieren, die Folgekosten wesentlich weniger werden. Also wir dürfen uns jetzt nicht nur den Bereich angucken, sondern wir müssen wissen, was würde passieren, wenn das Kind in der Kita später nicht selbstständig genug wäre, um sein Leben zu bestreiten? Dann sind das Folgekosten, die sind immens. Aber ich gebe gerne zu, wir müssen die Finanzströme überprüfen. Und ich glaube, wir könnten viel effizienter arbeiten, wenn auch das Zusammenspiel der unterschiedlichen Bildungseinrichtungen und die Motivation vor Ort dazu genutzt wurden, um diese Dinge umzusetzen.
Dieterle:
Wir befinden uns knapp zwei Monate vor der Landtagswahl in Rheinland-Pfalz. Bildung ist das große Thema, aber es gibt natürlich noch weitere Themen. Sie sind jetzt seit einem Jahr Vorsitzender der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege, sprechen damit für 170.000 hauptamtliche und rund 100.000 ehrenamtliche Mitarbeiter. Einer der größten Arbeitgeber in Rheinland-Pfalz. Deswegen von Ihnen kurz und knapp zum Schluss noch mal die Forderung an die Politik. Was erwarten Sie von der künftigen Landesregierung in Rheinland-Pfalz?
Bähr:
Dass sie den sozialen Zusammenhalt in unserer Gesellschaft fördert und nicht die Menschen untereinander taxiert und spaltet. Dass sie das Element des sozialen Miteinanders nutzt, um Demokratie zu stärken. Denn sie ist fragil geworden. Und dass wir ein gutes Gleichgewicht zwischen wirtschaftlicher Entwicklung und sozialer Stabilität bekommen. Und dann werden wir vieles erreichen.
Dieterle:
Ein Appell von Ihnen zum Schluss, Herr Bähr. Vielen Dank, dass Sie zu diesen Themen heute bei uns waren.
Bähr:
Sehr gerne.