Heidesheim: Geplantes Biomasse-Heizkraftwerk sorgt für Ärger

Im Ingelheimer Stadtteil Heidesheim soll eine Pyrolyse-Anlage entstehen – also ein Kraftwerk, in dem aus Bio-Masse Pflanzenkohle hergestellt wird. Die Kohle bindet CO2 und kann zum Düngen genutzt werden. Mit der entstehenden Wärme sollen neue Wohnungen klima-freundlich beheizt werden. Ein echtes Vorzeige-Projekt, sagt die Stadt Ingelheim. Ein Unding, sagen die Heidesheimer. Denn das neue Kraftwerk soll direkt neben einem Wohngebiet entstehen.

Seit 20 Jahren wohnt Ralf Reifenberg mit seiner Familie hier in Heidesheim. Besitzt ein Haus mit schönem Garten und schönem Blick ins Grüne – noch. Denn genau hier, keine 60 Meter von seinem Gartenzaun entfernt, soll die Pyrolyse-Anlage entstehen, die Biomasse in Pflanzenkohle umwandelt. Für Ralf Reifenberg nur schwer zu verdauen.
Ralf Reifenberg, Anwohner in Heidesheim
„Momentan ist es ja sehr grün, wenn man hier hinschaut. Und das ist einfach ein Industriekomplex, der gehört nicht ein Wohngebiet. Diese Bäume werden möglicherweise beim Bau gefällt. Bis neue, kleine Bäume nachgewachsen sind, das dauert sehr lange. Hier ist ein Sportplatz, hier fahren sehr viele Kinder auch mit dem Fahrrad. Wir brauchen nicht zusätzlichen Schwerverkehr. Das Bild ist erst mal, man hat Angst.“
Ralf Reifenberg ärgert, dass das Pyrolyse-Werk für die direkten Anwohner vor allem Belastungen mit sich bringt: Lärm, Geruch, Abwärme, Feinstaub. Von der günstigen Wärme, die die Anlage produzieren soll, werden er und seine Nachbarn aber vorerst nicht profitieren. Ihre  Häuser werden nicht direkt an das Nahwärmenetz angeschlossen, sondern nur die Neubauten, die gerade auf der gegenüberliegenden Straßenseite entstehen.
Ingelheims Oberbürgermeister Ralf Claus versteht, dass es Bedenken gibt. Für ihn überwiegen allerdings die Vorteile.
Ralf Claus (SPD), Oberbürgermeister Ingelheim
„Die Pyrolyse-Anlage besticht einmal durch ihren ökologischen Vorteil, dass bis zu 80% CO2 tatsächlich gebunden werden und über die Biokohle dann auch über viele, viele, möglichst Jahrhunderte dann auch im Boden gebunden werden. Und andererseits, dass wir mit der Produktion dieser Biokohle durchaus einen Markt sehen. Ich kenne auch jetzt schon den ein oder anderen Landwirt, der sich schon gemeldet hat und Interesse an dem Erwerb von Biokohle zur Bodenverbesserung hat.“
Ralf Reifenberg fühlt sich von der Stadt nicht ernst genommen und hat zusammen mit seinen Nachbarn eine Bürgerinitiative gegründet sowie eine Online-Petition gestartet, die bislang über 1.000 Menschen unterzeichnet haben.
Gestern Abend ist das Pyrolyse-Werk Thema im Ingelheimer Stadtrat. Vor der Halle machen die Heidesheimer ihrem Ärger Luft.
Rita Fuchs, Anwohnerin in Heidesheim
„Es gibt andere Alternativen. Und darüber wird nicht nachgedacht. Es ist zu einfach, so ein Monstrum hinzusetzen. Dann wird uns gesagt, es wird eingehaust, 8 Meter hoch.“
Michael Groben, Anwohner in Heidesheim
„Obwohl ich eine sehr ökologisch orientierte Gesinnung habe und kann mich eigentlich auch mit dem Prinzip der Pyrolyse durchaus anfreunden, aber nicht direkt im Wohngebiet.“
Oskar Reifenberg, Anwohner in Heidesheim
„Für mich wird quasi mein Zuhause, meine Zukunft auch zerstört. Ich werde das Haus mit meiner Schwester erben, da geht natürlich nicht nur Geld verloren, ein riesiges Geld an Wert.“
Der Stadtrat stimmt allerdings dafür, den Bau des Pyrolyse-Werks voranzutreiben. Aufgeben ist für Ralf Reifenberg trotzdem keine Option.
Ralf Reifenberg, Anwohner in Heidesheim
„Mein Bauchgefühl sagt mir, dieser Protest ebbt nicht ab. Es sind so viele Leute, die da dagegen sind, die sich einfach wirklich, wirklich ärgern. Insofern, es gibt heute Abend noch keinen Gewinner und Verlierer.“
Denn noch sei die Anlage nicht gebaut. Und so bleibe auch im neuen Jahr die Botschaft eindeutig: Kein Pyrolyse-Reaktor hier am Wohngebiet.