Diagnose ADHS – wenn das Leben überfordert
Über diese Krankheit wird in den letzten Jahren viel gesprochen: das Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätssyndrom, kurz ADHS. Die Zahlen der Kassenärztlichen Vereinigungen Hessen zeigen, dass sich 2024 deshalb mehr als doppelt so viele Menschen haben untersuchen lassen als noch 2014. Das liegt auch an einem regelrechten Hype in den Sozialen Medien. Seriöse Informationen finden sich dort genauso wie unseriöse Selbstdiagnose-Tipps. Wir haben eine Frau getroffen, für die ihr Leben seit der ADHS-Diagnose nicht mehr dasselbe ist.
Mails checken, Termine vereinbaren, den Alltag organisieren. Aufgaben, die scheinbar normal sind, überfordern Teresa Metzger aus Wiesbaden ihr gesamtes Leben. Selbstzweifel begleiten sie, ihre finanziellen Probleme bekommt sie lange Zeit nicht in den Griff. Auch auf der Arbeit ist die 34-Jährige zu abgelenkt. Chaos in jedem Lebensbereich – Für Teresa Metzger vor ihrer Diagnose Normalität.
Teresa Metzger
„Ich habe verschiedenste Fenster offen, irgendwelche Aufgaben, E-Mails, tausend Dinge, die ich anfange und dann schießt mir irgendein Gedanke rein oder es klingelt das Telefon, es kommt ein Kollege, irgendwer will irgendwas. Und es schießt sofort aus meinem Kopf raus und ich geh sofort auf was anderes. Und das ergibt sich bei mir auf der Arbeit, aber auch im gesamten Leben, vorher zumindest hat es das getan, zum völligen Chaos.“
Unkonzentriert sein, Gedanken impulsiv folgen – typisch für ADHS. Teresa Metzger geht auf Ursachenforschung und lässt sich untersuchen. Vor einem Jahr dann die Diagnose. Wie sich ihr Leben seitdem gewandelt hat: Kaum in Worte zu fassen.
Teresa Metzger
„Das ist eigentlich sehr leicht zu sagen und trotzdem ist es das nicht. Weil es so groß ist. Und ich auch jetzt noch schnell sehr emotional werde dabei, weil es mich einfach so packt. Es ist eine riesige Veränderung passiert tatsächlich, von der ich nicht gedacht hätte, dass sie möglich gewesen wäre.“
Das passende Medikament hilft ihr jetzt, Struktur in ihr Leben zu bringen. Als Kind spielt sich ihre Hyperaktivität nur in ihrem Kopf ab. Nach außen wirkt sie verträumt. Eigentlich typisch bei Mädchen mit ADHS. Die Diagnose wird bei ihnen trotzdem seltener gestellt als bei Jungs.
Kinder und Jugendpsychiaterin Christine Freitag von der Uniklinik Frankfurt stellt klar: ADHS ist angeboren. Etwa fünf Prozent der Kinder und Jugendlichen leiden daran. Im Erwachsenenalter …
Prof. Dr. Christine Freitag, Kinder- und Jugendpsychiaterin Uniklinik Frankfurt
„… ist es ungefähr die Hälfte. Also da gehen wir davon aus, dass bei 50-60 Prozent praktisch das ins Erwachsenenalter weiterexistiert. Und der Rest, da ist durch die Hirnreifung, die dann über die Pubertät auch bis so Ende 30 stattfindet, werden dann oft auch ADHS-Symptome weniger.“
Von dem Vorwurf ‚Modekrankheit-ADHS‘ hält sie nichts. Die Krankheit sei real und gut behandelbar. Trotzdem wird ihr in den Sozialen Medien zu viel über die Krankheit diskutiert.
Prof. Dr. Christine Freitag, Kinder- und Jugendpsychiaterin Uniklinik Frankfurt
„Ich sehe es zunehmend kritisch. Also vor zehn Jahren hat mich das noch gefreut, würde ich sagen. Also weil natürlich sind psychische Störungen in manchen Bevölkerungsschichten schon immer noch ein Tabu. Man hat ja, wenn man aufwächst, Frustrationserlebnisse. Auch als Erwachsener, wenn ich arbeite. Es ist ja nie alles hundertprozent so, dass ich das alles super finde. Und wenn ich frustriert bin und Probleme habe, dass ich dann zu schnell sage: ‚Okay, ich habe eine psychische Störung, ich kann gar nicht. Das würde ich schon denken, dass das ein Mechanismus ist, der durchaus existiert.“
Für Teresa Metzger ist der öffentliche Diskurs über ADHS hilfreich. Über Social Media kommt sie auf die Idee, sich untersuchen zu lassen. Seit sie sich behandeln lässt, spürt sie eine Veränderung besonders.
Teresa Metzger
„Und das massivste ist, jedes Mal wenn ich darüber nachdenke, kriege ich Gänsehaut: Meine Energie ist wieder da. So viel, dass ich manchmal gar nicht weiß, wohin mit mir. Ich freue mich tatsächlich das erste Mal in meinem Leben so richtig wieder auf mich selbst. Und auf das, was ich noch so machen werde in Zukunft.“


