Zu wenig Pflegefamilien

Über 200.000 Kinder leben in Deutschland in Heimen und warten auf ein neues Zuhause. Das Problem: Gerade in Hessen gibt es viel zu wenige Pflegeeltern. Manche schreckt es ab, dass das aufgenommene Kind wieder zu seiner Herkunftsfamilie zurückgehen könnte. Andere wiederum sorgen sich davor, dass sie der Betreuung traumatisierter Kinder nicht gewachsen sind. Wir haben ein Paar in Osthessen getroffen, das sich trotzdem zu diesem mutigen Schritt entschieden hat und damit auch andere ermutigen möchte.

Janine Büttner und Christine Noll sind jahrelang ein glückliches Paar, dann kommt die Idee: Ein Kind würde ihr Familienglück abrunden. Als sie merken, dass viele Kinder in Pflegeheimen eine Familie suchen, melden sie sich als Pflegeeltern und legen dafür ihr ganzes Leben transparent offen: Gesundheitschecks, Hausbesuche, Lebenszeugnisse. Monatelang reift die Entscheidung und dann kommt plötzlich der  Anruf von der Pflegevermittlungsstelle.
Janine Büttner & Christine Noll, Pflegeeltern
„Dann war erst mal Gefühlschaos, sie haben bei mir angerufen, ich war auf der Arbeit und ich wusste erst mal gar nicht, was los ist. Und haben dann vorgestellt, dass sie einen zweieinhalb jährigen Jungen für uns hätten, der gut zu uns passen würde.“
Das Paar sagt zu. Ihr Leben ändert sich schlagartig: Plötzlich muss ein Kinderzimmer her, Kleidung, Spielzeug. Nur sechs Wochen nach dem Anruf zieht der 2,5 jährige Florian bei ihnen ein. Seinen richtigen Namen nennen wir nicht, um das Kind zu schützen.
Schnell wird klar: Pflegeeltern zu sein bringt Herausforderungen mit sich.
Janine Büttner & Christine Noll, Pflegeeltern
„Einfach, manche Situationen gar nicht greifen können, was durchlebt das Kind gerade, was hat das Kind für Gefühle, wie kann man die Gefühle für das Kind abnehmen? Wenn ich an die Anfangszeit denke, wir saßen hier teilweise stundenlang auf dem Boden, weil er selber nicht wusste, was mit ihm gerade los ist und wir einfach nur für ihn da sein konnten.“
Das Paar braucht Geduld. Oft kommen Pflegekinder aus schwierigen Elternhäusern. Erleben Gewalt, Missbrauch oder drogenabhängige Eltern. Mit der Zeit lernen  Janine  und Christine  mit dem traumatisierten Florian  umzugehen. Geben ihm Stabilität und ein liebevolles Zuhause.
 Janine Büttner & Christine Noll, Pflegeeltern
„Es kann noch so blöd sein, du bist hier sicher und du bist hier geborgen und du bist in unserer Familie und das ist dann auch irgendwann was, als er sagte: ‚Gell wir sind eine Familie‘, das war echt schön, also wenn er das dann sagt.“
„Dann geht einem das Herz auf, da hat man doch vieles richtig gemacht.“
„’Wir sind eine Familie und ich bleibe hier.‘ Und dann fängt er jetzt schon an zu erzählen und sagt: ‚Ich ziehe hier sowieso nicht aus und mit meinen Kindern wohne ich dann hier.‘ Also da kommen dann so Geschichten.“
Anfangs haben sich die beiden an Rahma Ataie vom St. Elisabeth-Verein gewandt. Der Verein vermittelt Pflegekinder an passende Pflegeeltern. Der Bedarf sei groß: Täglich bis wöchentlich erreichen dem Verein Anfragen von Jugendämtern aus Hessen und darüber hinaus. Dabei kann fast jeder ein Pflegekind aufnehmen, wenn er möchte.
Rahma Ataie, St. Elisabeth-Verein
„Man kann jetzt nicht pauschal sagen es muss jetzt die 30-jährige Frau und der 25-jährige Mann sein, sondern da sind wir total offen. Der Mensch zählt, die Werte die man mitbringt. Man muss helfen wollen. Man muss eben auch Kindern ein schönes Zuhause geben wollen. Das ist der erste Antreiber und die erste Motivation, die man eben mitbringen muss.“
Der Verein unterstützt das Paar weiterhin, zum Beispiel mit Weiterbildungen und Supervisionen. Mittlerweile ist Florian fünf Jahre alt und wohnt seit 2,5 Jahren bei Janine und Christine zu Hause.
Janine Büttner & Christine Noll, Pflegeeltern
„Ich glaube, das ist das Schönste, was man einem Kind mitgeben kann. Ein Zuhause, wo man gesehen, gehört und auch geliebt wird und ich glaube das war so dann der Punkt, wo wir gesagt haben. Das ist der Schritt mit den ganzen Geschichten, die dann eben auf uns zukommen. Und die sind natürlich nicht immer einfach. Aber auch oft sehr, sehr schön.“