Schaltgespräch mit Susanne Lin-Klitzing, Vorsitzende Deutscher Philologen-Verband

Eva Dieterle spricht mit der Marburger Professorin über die Chancen und Herausforderungen durch Künstlicher Intelligenz im Bildungssystem.

Eva Dieterle, Moderatorin
Guten Abend.
Susanne Lin-Klitzing, Vorsitzende des Deutschen Philologenverbands
Ich grüße Sie.
Dieterle:
Sie waren früher Deutsch-Lehrerin: Würden Sie erkennen, wenn ein Aufsatz von der KI und nicht vom Schüler geschrieben wurde?
Lin-Klitzing:
Wenn ich die Schüler unterrichte, weiß ich, wie sie schreiben. Das heißt, ich würde erkennen, ob sie es selber geschrieben haben oder ob es gefaked ist. Es sei denn, sie haben sich so viel Mühe gegeben, den Aufsatz von der KI zu überarbeiten, dass man es fast nicht mehr erkennen kann. Dann hätten Sie es aber sowieso gleich selber schreiben können.
Dieterle:
Sie haben gesagt: „Uns droht ein Denk- und Sprach-Kollaps durch Künstliche Intelligenz“. Wie begründen Sie das?
Lin-Klitzing:
Also wenn Kinder immer weniger vorgelesen bekommen zu Hause, wenn sie immer stärker auf sozialen Medien unterwegs sind und auch die Aufmerksamkeitsspanne abnimmt, dann sind sie immer mehr außengesteuert, denken selber weniger. Und das wird durch KI-Systeme einfach unterstützt. Es ist bequem, ich gebe irgendwas ein, ich kriege eine Antwort. Ich muss nicht mehr selber denken und ich muss auch nicht mehr selber formulieren. Und genau das ist es ja, was uns als Menschen ausmacht.
Dieterle:
Es kann also eine Gefahr sein, dass junge Menschen durch KI weniger lernen kritisch zu denken bzw. eigene Urteile zu bilden. Wie müssen die Lehrer darauf eine Antwort finden?
Lin-Klitzing:
Also ich glaube, wir müssen alle lernen, klug mit KI umzugehen. Lehrer können und tun das bereits. Wir haben einen irren Zulauf an Lehrer-Fortbildungsmaßnahmen dazu. Und ich glaube, für die Lehrkräfte ist es so, dass sie etliches an Anregungen aus der KI für ihren Unterricht beispielsweise mitnehmen können. Und für Schülerinnen und Schüler würde ich mir im besten Falle erhoffen, dass eine datenschutzkonforme KI sie individuell fördern kann. Weil genau das das ist, was ein Lehrer für 30 Schüler in der Klasse zugleich nicht tun kann.
Dieterle:
Wie muss sich das Studium von angehenden Lehrkräften verändern, damit die Lehrer von morgen genauso fit sind im Umgang mit der KI, wie ihre Schüler?
Lin-Klitzing:
Also ich glaube, man müsste es mit den Studis eigentlich ähnlich machen wie mit den Schülerinnen und Schülern. Das erste ist, wir müssen fachkundig sein, weil wir beurteilen können müssen, ob das, was die KI ausspuckt, präzise genug ist und stimmt. Und das heißt, ich muss in meinem Unterricht, egal ob an der Universität oder an der Schule, gemeinsam mit den Schülerinnen und Schülern prüfen, was die KI uns ausspuckt.
Dieterle.
Aus Ihrer Sicht: KI im Unterricht – Bedrohung oder sinnvolles Werkzeug?
Lin-Klitzing:
Also ich glaube, dass KI hilfreich sein kann. Ich glaube aber nicht, dass sie die Bildung von Schülerinnen und Schülern, also selbstständig zu denken, voranbringt.
Dieterle:
KI zwingt uns, Bildung neu zu denken – sagt die Vorsitzende des Deutschen Philologen-Verbands. Danke Ihnen.
Lin-Klitzing:
Ich danke Ihnen.