Ausbildung für Gehörlose
Stressig, laut und manchmal auch durchaus grob im Ton: So geht es – zumindest dem Klischee nach – häufig in Großküchen zu. Im Bistro Rothschild in Frankfurt ist das anders. Dort hört man nur das Klappern des Küchengeschirrs, das hektische Quietschen der Schuhe auf dem Boden und leise Gespräche. Und das hat einen Grund: Die Auszubildenden sind größtenteils schwerhörig oder gehörlos. Kommunizieren geht also nur mit Gebärdensprache. Wir waren zu Besuch in einer ganz besonderen Ausbildungsküche.
Pausenverkauf um Punkt neun. Azubi Mohammed Ali ist heute für den Brötchenverkauf zuständig. Seine Kollegin gebärdet, was die Schüler der Phillip-Holzmann-Schule in Frankfurt bestellen.
Der heute 25-Jährige flieht vor einigen Jahren von Syrien nach Deutschland. Sein Gehör verliert er dort im Krieg.
Mohammed Ali, Auszubildener
„Als ich geboren wurde, war ich hörend. Bis ich so sieben, acht Jahre alt war. Also von eins bis acht so. Und dann, in Syrien war ja Krieg und dann gab‘s die ganzen Bombeneinschläge. Dann wurde mein Gehör immer weniger. Bis ich dann irgendwann gar nichts mehr gehört habe. Man hat versucht mit Hörgeräten zu arbeiten, das hat aber auch nicht funktioniert und dann war’s eben tatsächlich so, dass ich mich dann dafür entschieden habe, Gebärdensprache zu benutzen und das ist mein Leben.“
Mohammed ist einer von zwölf Auszubildenden. Ihre Hörbehinderung stellt viele Firmen vor ein Problem. Im Bistro Rothschild ist das anders. Die jungen Erwachsenen arbeiten in der Berufsschule mit Gebärdendolmetschern zusammen.
Mohammed Ali, Auszubildener
„In der Schule war’s schon ein bisschen schwierig. Aber jetzt hab ich ja auch Dolmetscher dabei. Und deswegen verstehe ich den Unterricht gut. Und an einer Hörenden-Schule Unterricht würde ich halt überhaupt nicht verstehen. Wenn überhaupt keine Gebärdensprache dabei ist und nur ein hörendes Umfeld, dann sitze ich einfach da und kann nichts beitragen. So ist es praktisch auf Augenhöhe und alle können zusammen lernen und mit den Dolmetschern ist das ein super System. Der Lehrer spricht, ich kriege es in Gebärdensprache mit und kann an allem teilhaben.“
Küchen-Chefin Anke Hügl-Botta kommt erst durch diesen Job mit der Gebärdensprache in Kontakt. Sie merkt schnell: Um die Aufmerksamkeit ihrer Azubis zu bekommen, muss sie kreativ werden.
Anke Hügl-Botta, Ausbilderin
„Man läuft mehr, man tippt sich auch an. Wenn ich am anderen Ende des Raumes stehe und jemand ist zum Beispiel an der Spülmaschine, dann bringt rufen nichts. Dann mache ich den Lichtschalter an und aus, dann wird geguckt: ‚Okay, wo ist was?‘. Oder man stampft mit dem Fuß auf, weil über die Vibration bekommen die Kinder das auch ganz gut mit.“
Gelebte Inklusion. Aber: Die Fördermittel sind knapp. Ohne Spenden wäre das Angebot nicht möglich. Doch für junge Erwachsene wie Mohammed sind solche Projekte oft die einzige Möglichkeit, in den Arbeitsmarkt zu kommen. Er findet die Unterscheidung zwischen taub und hörend ohnehin nicht so wichtig.
Mohammed Ali, Auszubildender
„Ach, im Endeffekt ist es doch egal, ob man hört oder nicht hört. Es kann ja passieren, dass man einfach taub wird. Und ich hab auch hörende Freunde. Also ich habe taube Freunde, ich habe hörende Freunde. Und das Hören, es ist ja auch manchmal so, dass auch Sachen stören. Und ich höre gar nichts zum Beispiel, wenn ich schlafe, dann schlaf ich. Also es gibt kein Geräusch, was mich irgendwie stören würde, nichts. Und ja, das hat auch Vorteile tatsächlich.“


