50 Jahre ESA

Beim ESOC, dem Satelliten-Kontroll-Zentrum der Europäischen Weltraum-Organisation in Darmstadt. ist ordentlich was los. Es ist Tag der offenen Tür. Mehr als 4.000 Besucher sind gekommen. Sie können heute einen Blick auf die Arbeit der ESA werfen und zum Beispiel einen Mini Mars Rover selber steuern, einen simulierten Raketen-Start erleben oder einen exklusiven Blick hinter die Kulissen des HauptKkontrollraums werfen. Das Ziel: Die Raumfahrt greifbar zu machen. Anlass ist der 50. Geburtstag der ESA. Darüber sprechen wir mit dem Leiter des Satelliten-Kontrollzentrums in Darmstadt, Rolf Densing.

Eine Karte unserer Milchstraße. Ein Blick in mehrere Milliarden Lichtjahre Entfernung. Eine Reise zum Jupiter, auf der Suche nach Leben auf seinen Monden. Auf den Spuren von Eis und Wasser auf dem Mars. Oder die Landung auf einem Kometen.
Doch die ESA erkundet nicht nur ferne Welten, sondern auch unsere eigene. Mit dem Copernicus-Programm beobachtet die Europäische Weltraumorganisation unseren Heimatplaneten und sammelt kontinuierlich Daten über Ozeane, Landflächen und die Atmosphäre.  Mit „Galileo“ hat Europa ein eigenes weltweites Satellitennavigations- und Ortungssystem. Das erste unter ziviler Kontrolle – im Gegensatz zum GPS der Amerikaner, das einen militärischen Hintergrund hat.
Und genau darum geht es: Unabhängigkeit. Vor der Gründung der ESA konkurrierten die USA und die Sowjetunion miteinander im All. Um eigene Satelliten in den Orbit zu schießen, war Europa auf fremde Hilfe angewiesen. Das sollte sich ändern. Zehn europäische Staaten einigten sich darauf, gemeinsam eine eigene Trägerrakete zu entwickeln und gründeten am 30. Mai 1975 die „European Space Agency“, kurz ESA. Vier Jahre später startet die erste europäische Ariane-Rakete erfolgreich ins All.
Seitdem gab es über 260 Starts der Ariane-Raketenfamilie, die mehr als 1.100 Satelliten ins All transportiert haben. Sie alle werden aus dem Kontrollzentrum ESOC in Darmstadt gesteuert, Europas Zugang zum All. Etwa die Hälfte aller ESA-Mitarbeiter ist hier beschäftigt. Auch wenn der Grundgedanke die Unabhängigkeit war, arbeitet die ESA viel mit internationalen Partnern zusammen. Ein Beispiel: Das James-Webb-Teleskop, ein gemeinsames Projekt mit der NASA. Heute hat die European Space Agency 23 Mitgliedsstaaten und erforscht nicht nur unsere Erde und das All, sondern ist ein wichtiger Teil der Wirtschaft, fördert Start-ups und ist durch Navigation und Wettervorhersagen ein Teil unseres Alltags.
———-
Eva Dieterle, Moderatorin:
Und über die lange Geschichte der ESA spreche ich jetzt mit Rolf Densing, dem Leiter des Raumfahrt-kontroll-zentrums ESOC in Darmstadt, Guten Abend.
Rolf Densing, Leiter Raumfahrtkontrollzentrum ESOC:
Guten Abend, Frau Dieterle.
Dieterle:
Herr Densing, 50 Jahre, eine lange Zeit: Welche Rolle spielt die ESA für die internationale Raumfahrt?
Densing:
Die ESA ist schon Partner im internationalen Raumfahrtgeschäft, Partner zu anderen Raumfahrtagenturen wie beispielsweise die NASA, die chinesische Raumfahrtagentur, die japanische Raumfahrtagentur, koreanische Raumfahrtagentur. Wir machen viele Sachen zusammen. Beispielsweise die Erforschung des Weltraums, die Erforschung des Klimawandels. Raumfahrt ist zu teuer, als dass man sie nicht in internationaler Aufgabenteilung machen würde.
Dieterle:
Dieser hochspezialisierte Bereich bringt auch Herausforderungen mit sich. In welchen Bereichen sind Sie noch nicht so unabhängig, wie Sie gerne wollten?
Densing:
Was ich etwas bedauere, ist, dass wir in Europa nicht eigenständig Astronautinnen und Astronauten starten können, beispielsweise zur Internationalen Raumstation. Da sind wir angewiesen darauf, mit unseren internationalen Partnern zu fliegen, mit den USA dieser Tage eher als mit Russland. Das verbietet sich von selbst. Ich bedauere es auch, dass wir kein umfassendes Lagebild haben des Weltraums. Also das, was um uns drum herum passiert, was Weltraumschrott und Satellitenkonstellationen angeht, da sind wir allzu oft immer noch auf Kollisionswarnungen unsere amerikanischen Freunde angewiesen.
Dieterle:
Immer größer wird auch der Einfluss privater Raumfahrtunternehmen. Wie betrachten Sie das?
Densing:
Das begrüße ich sehr, dass junge Start-ups, kreative Leute, dass, die ihre Freiheit nutzen, das Kapital ihrer Investoren nutzen und um daraus tolle Sachen für den Weltraum zu entwickeln.
Dieterle:
Wir haben im Beitrag viel zurückgeblickt auf die vergangenen 50 Jahre. Wie sieht die Zukunft aus? Die neue Ära der Raumfahrt?
Densing:
Ich glaube, in der Zukunft wird Europa gerade abgehängt. Ich würde es sehr begrüßen, wenn wir in Europa Lehren ziehen würden aus der momentanen internationalen Krisensituation, kann man ja sagen. Und wenn wir einen kraftvollen Antritt machen würden, um in der Raumfahrt unabhängiger zu werden – technologisch träume ich von einem Solar System Internet – also wenn wir ein Internet im Weltraum hätten, das wir nutzen können, um einzelne Satelliten zu steuern, und wenn wir zukünftig nicht mehr auf diese schweren, großen Antennen angewiesen wären, die wir im Moment rund um den Globus betreiben.

Dieterle:
Es ist ein faszinierendes Aufgabengebiet. Herr Densing, vielen Dank für das Interview.

Densing:
Vielen Dank, Frau Dieterle.