Opfer von häuslicher Gewalt berichtet

Alle zwei Minuten wird ein Mensch in Deutschland Opfer von häuslicher Gewalt. Es ist eine erschreckend hohe Zahl: 260.000 Fälle häuslicher Gewalt gab es im vergangenen Jahr. Die Opfer meistens Frauen, die Täter meistens Männer. Und das sind nur die Fälle, die bekannt geworden sind. Die Dunkelziffer dürfte um ein Vielfaches höher liegen. Denn viele trauen sich nicht, die Beziehung zu verlassen – oder sich Hilfe zu holen. Wir haben eine Frau getroffen, die den Absprung aus ihrer gewalttätigen Beziehung geschafft hat. Wir treffen sie in ihrer neuen Wohnung – irgendwo im Donnersbergkreis. Wo genau, das sagen wir zu ihrem Schutz nicht.

Ab und zu holt Mareike Luisa Groß es noch raus. Sonst lagert sie es im Schuppen, will es nicht in ihrer Wohnung haben: das T-Shirt, das sich in der für sie wohl schlimmsten Nacht vor rund einem Jahr blutrot gefärbt hat.
Mareike Luisa Groß
„Dieses Mahnmal, diese Erinnerung an das, was passiert ist. Aber auch die andere Seite, diese Erkenntnis, dieses wirklich Ankommen im dem Wissen, dass ich diese Phase, diese Zeit in meinem Leben hinter mir gelassen hab.“
„Diese Zeit“, das sind die eineinhalb Jahre mit ihrem Ex-Freund. Die Beziehung lief am Anfang scheinbar gut. Er zeigt sich charmant und fürsorglich.
Mareike Luisa Groß, Opfer von häuslicher Gewalt
„Im Nachhinein hat sich das dann als ‚Love bombing‘ herausgestellt, Das ist eben die Strategie mit der man sein Gegenüber emotional abhängig macht, um dann eben entsprechend Macht und Kontrolle ausüben zu können und es hat nicht lang gedauert bis aus unterschwelligen Kommentaren, über die man ja dann prinzipiell noch hinwegsieht wirklich Handgreiflichkeiten wurden.“
Über diese Zeit hat die 26-Jährige ein Buch geschrieben. All ihre Erlebnisse hat sie darin zusammengefasst.
„Nachdem die psychischen und physischen Attacken immer mehr an Intensität und Wahnsinn gewonnen hatten, eskalierte ein Streit schließlich so weit, dass er mich nicht nur schlug, sondern auch würgte. In diesem Moment verstand ich den Begriff Todesangst.“
Diese Zeilen kann Mareike für uns vorlesen. Das, was sie vier Seiten später aufgeschrieben hat, allerdings nicht. Zu intensiv sind die Gefühle, die die Worte immer noch in ihr auslösen. Es geht um die Nacht im Juni. Sie schreibt, wie ihr Ex-Freund sie tritt, schlägt und ihr die Nase bricht. Einige Tage später schnappt Mareike sich ihre beiden Katzen und flieht. Ihren Ex-Freund zeigt sie an.
Hilfe findet sie beim Weißen Ring, der Hilfsorganisation für Opfer von Kriminalität und Gewalt. Harald Betz begleitet Mareike auch zum Prozess, in dem ihr Ex zu einem Jahr und drei Monaten auf Bewährung verurteilt wird – unter anderem wegen Körperverletzung.
Harald Betz, Weißer Ring Donnersbergkreis
„Sie hat dem Täter die Zähne gezeigt. Auch wenn das Gerichtsverfahren etwas enttäuschend ausgegangen ist, aber sie hat dem Täter die Zähne gezeigt: Du kannst nicht mit mir umgehen, wie du willst. Ich wehre mich dagegen. (…) Das macht einen auch so ein bisschen stolz, dass man da unterstützen konnte.“
Die Zahl der Fälle steigt. Auch hier im Donnersbergkreis.
Harald Betz, Weißer Ring Donnersbergkreis
„Wir haben dieses Jahr jetzt schon über 40, letztes Jahr hatten ein paar an 30.“
Viel zu tun für den Weißen Ring. Auch Mareike hat sich mittlerweile zur Opferhelferin ausbilden lassen und arbeitet ab jetzt hier mit – wie alle ehrenamtlich.
Gerade ist ihr zweites Buch erschienen. Es soll eine Art Leitfaden sein.
Mareike Luisa Groß
„Ich habe damals nachts alleine, verzweifelt, weinend auf meiner Couch gesessen und habe gegoogelt, wie zum Teufel komme ich lebend aus meiner gewalttätigen Beziehung und ich habe keine Antwort bekommen.“
Mareike hält auch Vorträge. Sie sagt, sie wolle „das Schweigen brechen“. Das T-Shirt aus jener Nacht nimmt sie mit.
Mareike Luisa Groß
„Zu allererst betretenes Schweigen oder Laute der Empörung. Und das finde ich aber tatsächlich sehr wirkungsvoll. Weil in dem Moment, in dem Menschen geschockt sind, bleibt es hängen.“
Ihr geht es darum, dass mehr Menschen eingreifen, wenn sie erkennen, dass jemand anderes Hilfe braucht. Aber vor allem geht es Mareike um die Opfer selbst. Die letzten Sätze ihres ersten Buches fassen das zusammen, was sie ihnen mit auf den Weg geben will. Und mit diesen Worten soll deshalb auch unser Beitrag enden:
„Wenn Du gerade zweifelst, dann lass dies dein Zeichen sein. Wenn du dich fragst, ob du dich melden sollst – du darfst und du kannst. Trau dich, du bist nicht alleine.“
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Wenn Sie sich jetzt angesprochen fühlen, dann finden Sie weitere Hilfe auf der Homepage des Weißen Rings unter www.weisser-ring.de!