Wissenschaftler erforschen Viti-Forst-Konzept im Weinbau

Im hessischen Geisenheim wachsen aktuell nicht nur Reben im Weinberg, sondern auch Quitten und Esskastanien – und das ist kein Zufall. Vitiforst nennt man es, wenn Bäume die Weinpflanzen widerstandsfähiger machen – und somit den Weinberg gegen Wetterextreme schützen. In Hessen wird das Konzept Vitiforst zum ersten Mal deutschlandweit wissenschaftlich untersucht.

Von oben sieht dieser Weinberg aus wie ein Schachbrett. Quadratische Rebenfelder getrennt durch Quitten- und Esskastanienbäume. So wollen Johanna Döring und ihr Team von der Hochschule Geisenheim möglichst präzise herausfinden, welchen Einfluss die Bäume auf die Weinreben haben. Sicher ist aber schon jetzt: Vielfalt im Weinberg ist gut für die Pflanzen.
Johanna Döring, Professorin für ökologischen Weinbau
„Denn wenn ich ein diverses System habe, kann das natürlich auf alle möglichen Ereignisse viel besser und spontaner reagieren. Und hat viel mehr Potential, unterschiedliche Wettereignisse oder andere Umwelteinflüsse ab zu puffern.“
Durch den Schatten der Bäume sinkt das Klima im Weinberg, die Trauben brauchen weniger Wasser. Außerdem wurzeln Bäume tiefer und transportieren so zusätzliches Wasser von unten nach oben. Noch unklar ist aber, welchen Einfluss das auf die Weinpflanzen hat.
Yvette Wohlfahrt, Hochschule Geisenheim University
„Wie tief wurzeln die Reben, um sich Wasser zu holen? Also bleiben sie eher oberflächlich oder gehen sie in die Tiefe? Das sind dann natürlich noch einmal zusätzliche Messungen. Aber vom Wasser her ist es natürlich wichtig, sind wir hier in einem Konkurrenz- oder sind wir hier in einer Austauschbeziehung?“
Dafür messen die Wissenschaftler regelmäßig die Bodenfeuchte. Zusätzliche Pflanzen im Weinberg bedeuten aber auch zusätzliche Arbeit. Doch auf lange Zeit können die Winzer mit den Früchten oder dem Holz Geld verdienen. Dabei ist nicht jeder Baum für jeden Weinberg geeignet.
Johanna Döring, Professorin für ökologischen Weinbau
„Wir haben uns zum Beispiel jetzt als wir unsere Versuchsplattform designt haben, gegen einen klassischen Apfel oder eine Birne entschieden. Weil der Rheingau klimatisch eigentlich schon zu warm ist. Es gibt da vor allem klimatische und Bodenwasserdurchwurzelungsparameter zu beachten.“
80 Bäume haben die Wissenschaftler hier gepflanzt. Das Konzept ist viele tausend Jahre alt. Schon in der Antike haben die Menschen Vitiforst betrieben. Im Laufe der Zeit ist das Wissen darüber verloren gegangen. Derzeit steht die Weinbranche vor vielen wirtschaftlichen Herausforderungen. Helfen da alte Konzepte in neuen Krisen?
Johanna Döring, Professorin für ökologischen Weinbau
„Insofern ist es, denke ich, in dieser krisenhaften Situation unbedingt notwendig, dass wir gute Lösungsstrategien zur Diversifizierung und auch zur Produktivitätssteigerung anbieten. Was wir hier machen, ist nichts, was eine Winzerin oder ein Winzer mal schnell, auf das die oder der umschwenken würde. Oder sagen würde, boah das ist cool, das mache ich jetzt. Das bedeutet natürlich auch eine Investition. Das ist eine sehr langfristige Entscheidung.“
Jetzt aber müssen die Bäume ordentlich wachsen, bevor sie ihre ganze Kraft einsetzen können. Zeit genug, um jede Menge Wissen über das Zusammenspiel von Baum und Rebe zu sammeln.