Immer häufiger Gewalt gegen Frauen

Die wachsende Gewalt gegen Frauen – ein allgegenwärtiges Thema, das nun auch die Politik zum Handeln zwingt: Der Bundestag hat zu Jahresbeginn das sogenannte Gewalthilfe-Gesetz verabschiedet. Damit wird erstmals ein bundesweiter Rechts-Anspruch auf Schutz und Beratung für von Gewalt betroffene Frauen und ihre Kinder geschaffen. Doch um das auch leisten zu können, muss erst mal Infrastruktur geschaffen werden. Es fehlen in Deutschland aktuell beispielsweise rund 14.000 Frauenhaus-Plätze. Das Gesetz soll deswegen erst ab 2032 greifen. Eine lange Zeit, in der wir wohl weiterhin in unserer Sendung Nachrichten wie die verkünden müssen, mit der unser Beitrag beginnt.

Spurensicherung in einem Mehrfamilienhaus in Heppenheim am vergangenen Sonntag. Ein Mann verletzt mutmaßlich seine 34-jährige Ehefrau mit einem Messer so schwer, dass sie kurz darauf im Rettungswagen stirbt. Das Paar soll sich gestritten haben. Es hat zwei gemeinsame Kinder.
Gewalt gegen Frauen, die eskaliert – kein Einzelfall.
Ein Mann tötet in Darmstadt seine Exfreundin, weil sie sich von ihm getrennt hat.
Ein Mann aus Brechen will seine ehemalige Partnerin zurückgewinnen, als sie ablehnt, tötet er sie.
Der Femizid, also die Tötung einer Frau aufgrund ihres Geschlechts, oft begründet durch patriarchale Strukturen, ist nur die Spitze des Eisbergs. Allein in Hessen gab es im vergangenen Jahr rund 12.000 Fälle häuslicher Gewalt, die Dunkelziffer dürfte noch deutlich höher liegen. Meistens sind Frauen die Leidtragenden.
Die  hessische Landesregierung  will mit dem Einsatz von elektronischen Fußfesseln Frauen vor wiederholt gewalttätigen Ex-Partnern schützen. Vorbild ist Spanien.
Roman Poseck (CDU), Innenminister Hessen
„Wir haben diese spanische Fußfessel seit einem halben Jahr in Hessen im Einsatz, sind dabei auch Vorreiter in Deutschland. Spanien hat damit sehr gute Erfahrungen gemacht, insbesondere auch die Zahl der Femizide signifikant senken können und wir sind in Hessen auch mit den bisherigen Erfahrungen sehr zufrieden.“
Durch das neue Gewalthilfegesetz, das der Bundestag Anfang des Jahres verabschiedet hat, hofft der Innenminister, die Fußfesseln künftig noch umfassender einsetzen zu können. Damit solche Mittel greifen können, müssen betroffene Frauen es erst einmal schaffen, sich von ihrem gewalttätigen Partner zu trennen und ihn anzuzeigen. Doch dafür fehlt ihnen oft die Kraft und es mangelt an Hilfsangeboten. Und so passieren Fälle wie in Heppenheim immer wieder.
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Eva Dieterle, Moderatorin:
Zu diesem Thema forscht auch die Kriminologische Zentralstelle in Wiesbaden, deren Direktor ich jetzt hier bei mir im Studio begrüßen darf. Professor Martin Rettenberger, schön, dass Sie hier sind. Guten Abend.
Prof. Martin Rettenberger, Kriminologische Zentralstelle Wiesbaden:
Guten Abend.
Dieterle:
Als erste Frage an Sie als Kriminalpsychologe: Worin liegen die Gründe für diese geschlechtsspezifische Gewalt gegen Frauen? Warum sind so oft Frauen Opfer?
Rettenberger:
Dafür gibt es natürlich viele Gründe. Und eine, muss sagen leider auch mittlerweile jahrzehntelange Forschung dazu, weil dieses Thema eben auch bereits schon relativ alt oder uns lange bekannt ist. Wir können sagen, dass wir viele verschiedene Tätertypen, viele verschiedene Motive und Gründe mittlerweile in der Forschung kennengelernt haben. Man kann es versuchen zusammenzufassen einerseits damit, dass Männer psychologische, also personale Aspekte oder Merkmale aufweisen, die eher zu Täterverhalten führen. Sie sind im Schnitt aggressiver, sind impulsiver. Sie können auch mit Emotionen, mit negativen Emotionen, mit Konflikten schlechter umgehen. Und dann haben wir natürlich andererseits auch gesellschaftliche Gründe, die immer wieder dazu beitragen, dass zumindest manche Männer der Meinung sind, aus diesen diskriminierenden gesellschaftlichen Faktoren, die wir nach wie vor sehen – Frauen werden nach wie vor systematisch in vielen Bereichen benachteiligt -, daraus abzuleiten, dass Männer eben auch ein gewisses Anspruchs- und Besitzdenken haben, das ihnen zusteht.
Dieterle:
Immer wieder endet so was dann auch tödlich. Jetzt ist Femizid nach wie vor kein eigener Straftatbestand. Warum tut man sich damit so schwer?
Rettenberger:
Also ich glaube, dass niemand bestreitet, dass das Thema wichtig ist. Die Frage ist, ob die Aufnahme des Begriffs Femizid in das Strafgesetzbuch, ob das der entscheidende Punkt ist. Und da gibt es immer wieder Kolleginnen und Kollegen, auch aus den kriminalpolitischen Diskursen, die sagen: “Da sind wir skeptisch”. Ich glaube, es braucht eben mehr als nur ein Wort, das aufgenommen wird. Das ist sehr wahrscheinlich eine sehr langfristige Aufgabe, die wir gesamtgesellschaftlich lösen müssen und eben nicht nur dem Strafrecht überlassen können.
Dieterle:
Jetzt reagiert die Politik mit dem Gewalthilfeschutzgesetz, das allerdings dann auch einen sehr langen Anlauf nimmt. Trotzdem die Frage an Sie: Haben Sie das Gefühl, dass mit diesem Gesetz, das kommen soll, dann dieses Thema endlich ernst genommen wird?
Rettenberger:
Ich bin überzeugt, dass dieses Thema angekommen ist in weiten Teilen der Gesellschaft, aber auch in der Politik. Und die EntscheidungsträgerInnen wissen, welche Verantwortung sie haben. Wir sind im Vergleich zu anderen Ländern vielleicht ein bisschen später dran gewesen, aber jetzt und in den letzten Jahren, glaube ich, kann man sagen, dass dieses Thema sehr breit diskutiert wird und auch viele verschiedene Maßnahmen implementiert wurden und jetzt auch wissenschaftlich begleitet und ausgewertet werden, ob sie denn auch wirklich die Effekte haben, die man sich erhofft.
Dieterle:
Sie forschen ja intensiv zu diesem Thema. Lässt sich denn für die Zukunft sagen, dass sich da langfristig etwas ändern wird? Dass wir irgendwann nicht mehr über steigende Zahlen berichten müssen, sondern dass sich da was dreht?
Rettenberger:
Also wenn man es vergleicht mit anderen Kriminalitäts- und Gewaltbereichen, kann man sagen: Ja, da wird sich etwas ändern, wenn wir uns diesem Problem, und zwar die gesamte Gesellschaft und eben nicht nur einzelne politische EntscheidungsträgerInnen die Verantwortung überlassen, sondern wir als Gesamtgesellschaft sagen: Da müssen wir was tun, das ist eine Aufgabe, dann wird sich etwas ändern. Wobei der Effekt – und den kennen wir aus anderen Kriminalitätsbereichen auch – erst mal sein kann, dass die Hellfeldzahlen sogar zunehmen, weil eben mehr Aufmerksamkeit auf dieses Thema gerichtet ist. Langfristig werden aber diese Zahlen dann wieder abnehmen.
Dieterle:
Das ist ein Thema, das auf jeden Fall dringend mehr Aufmerksamkeit braucht. Dafür haben Sie heute hier mit Ihrem Besuch auch gesorgt. Vielen Dank, Herr Professor Rettenberger, dass Sie heute hier waren.
Rettenberger:
Danke auch.