Die Postsiedlung in Darmstadt, Teil 1

Die Postsiedlung ist auf den ersten Blick ein Wohnquartier wie jedes andere auch. Rund 26.000 Menschen leben dort – aus allen Alters- und Sozial-Strukturen. Doch das Besondere an diesem Viertel: Nachbarschaft spielt eine übergeordnete Rolle. Und zwar nicht nur im Sinne von „nah beieinander wohnen“. Die Menschen sind füreinander da. Es gibt viele Angebote, die die Gemeinschaft stärken sollen. Und einige davon wollen wir Ihnen in den kommenden Tagen vorstellen. Heute starten wir mit einem ganz neuen Projekt gegen Einsamkeit.

Heute gibt’s Zitronenkuchen, Brownies und Nusskuchen. Nicole Rexroth und ihre Mit-Bäckerinnen haben also viel zu tun, damit am Nachmittag alles fertig ist. Seit einem Jahr lebt Nicole in der Postsiedlung in Darmstadt und engagiert sich in verschiedenen Projekten: Sie kocht für Senioren, hilft im quartierseigenen Umsonstladen aus und backt gemeinsam mit anderen Frauen aus der Nachbarschaft in der Kuchenplauderei. Viel Miteinander also – eine neue Erfahrung für die 43-Jährige mit Lernschwäche.
Nicole Rexroth, lebt seit einem Jahr in der Postsiedlung
„Ich bin eigentlich ein Mensch, der sich eigentlich lieber zurückzieht und nicht so auf Leute zugeht. Ich bin halt eher eine zurückhaltende Frau. Und in der Postsiedlung habe ich gelernt mit Leuten zu reden.“
Hier in der Kuchenplauderei kann sie, gemeinsam mit den anderen, ihre Leidenschaft fürs Backen ausleben und, ganz nebenbei, neue soziale Kontakte knüpfen. Erst seit eineinhalb Monaten gibt es dieses Angebot. Dafür haben Ehrenamtliche aus dem Quartier über mehrere Jahre hinweg die Backstube einer alten Bäckerei in eine moderne Backwerkstatt verwandelt. Kosten: rund 200.000 Euro, finanziert durch die Spenden von Privatleuten und mehreren Stiftungen. Das Ganze koordiniert Bastian Ripper, der einzige hauptamtliche Quartiersarbeiter. Er hat den Verein „Zusammen in der Postsiedlung“ vor zehn Jahren gegründet.
Bastian Ripper, Quartierarbeiter Postsiedlung
„Es war geplant, das gesamte Viertel abzureißen. Wir haben uns dagegen zur Wehr gesetzt, haben eine sehr lebendige Mieterinitiative dagegen gegründet und konnten dann, nach einigen Jahren Kampf, einen sehr guten Vergleich oder einen Ausgleich schließen mit der Stadt. Und das hat dazu geführt, dass da eine Gemeinschaft entstanden ist.“
Eine Gemeinschaft, die von Jahr zu Jahr größer wird. Das zeigt sich vor allem bei Aktionen wie dem Freitagscafé. Hier treffen sich Jung und Alt, Menschen mit Behinderung und ohne, zum allwöchentlichen Plausch.
Alexander
„Ich fühle mich hier sehr wohl und bin jeden Freitag gerne dabei beim Freitagscafé. Seitdem ich hier wohne, habe ich keins verpasst. Mit Kaffee und Kuchen oder auch mal eine Cola.“
Michelle
„Es ist einem auch nie langweilig, man lernt ja auch neue Leute kennen. Also viele Leute kenne ich hier noch nicht. jetzt habe ich ein paar nette Damen und Herren auch schon kennenlernen können.“
Hartmut
„Das Miteinander einfach. Dass jeder dem anderen hilft, wenn er hört, dass jemand Probleme hat.
So wie Uschi mit ihrem blauen Flitzer. Zum Glück gibt es in der Nachbarschaft einen Ingenieur, der die kaputte Verkleidung mit ein paar Handgriffen ruckzuck austauschen kann.
Uschi
„Und jetzt freue ich mich, wieder die Straße unsicher zu machen.“
Jeder kann sich so einbringen, wie er möchte oder kann. Und das in noch vielen weiteren Projekten in der Darmstädter Postsiedlung.