Diskussion über neues Bestattungsgesetz

Verstorbene Verwandte auf dem Friedhof besuchen, das könnte in Rheinland-Pfalz bald nicht mehr die einzige Möglichkeit sein, seinen Liebsten nahe zu sein. Denn das Bestattungsgesetz soll nach mehr als 40 Jahren modernisiert werden. Die katholische Kirche blickt skeptisch auf die Gesetzesreform.

Ein erster Entwurf des neuen Gesetzes sieht unter anderem vor, dass die Friedhofspflicht entfällt. Verstorbene sollen auch in den großen Flüssen im Land oder im heimischen Garten bestattet werden können. Auch Beerdigungen in einem Seidentuch – wie es vor allem bei muslimischen Bestattungen Brauch ist – sollen ohne Sondergenehmigung erlaubt sein. Für all diese Fälle ist vorher eine schriftliche Verfügung des Verstorbenen notwendig.
Laut dem rheinland-pfälzischen Gesundheitsminister Clemens Hoch ist eine Reform des Bestattungsgesetzes längst überfällig.
Clemens Hoch (SPD), Gesundheitsminister Rheinland-Pfalz
„Wir haben heute schon fast 80 Prozent der Menschen oder der Angehörigen, die sich gegen eine Sargbestattung und für die Einäscherung entscheiden. Und erst da setzen wir an. Wir möchten Menschen erlauben, auch individuelle Wünsche zu berücksichtigen, zum Beispiel indem die Asche nicht in einer Urne auf dem Friedhof beerdigt wird, sondern im heimischen Garten verstreut werden kann. Ich finde, das ist nur zeitgemäß, auch da die individuellen Wünsche zu berücksichtigen.“
Eine Einstellung, die auch Bestatter Thomas Wendel aus Ockenheim teilt. Er moniert, dass Menschen ihre Verwandten teilweise im Ausland bestatten lassen, weil die gewählte Methode in Deutschland nicht legal ist.
Thomas Wendel, Bestatter
„Alle Nachbarländer haben viele Freiheiten, die wir hier aktuell nicht haben, was auch zu Unmut führt zum Teil bei Angehörigen. Von daher ist grundsätzlich das eine gute Idee, wenn wir ein neues Bestattungsgesetz dann auch kriegen.“
Schärfste Kritiker des Gesetzesentwurfs sind die Kirchen im Land. Sie befürchten, dass durch das Entfallen der Friedhofspflicht ein öffentlich zugänglicher Ort zum Trauern für die Hinterbliebenen wegfallen könnte. Außerdem sehen sie die Totenruhe in Gefahr, wenn Privatpersonen beispielsweise die Asche ihrer Verwandten mit nach Hause nehmen. Heidi Müller forscht seit vielen Jahren zum Thema Trauer und Bestattung. Sie sagt: Die Gesellschaft verändert sich und damit auch die Ansprüche an die Bestattung.
Dr. Heidi Müller, Trauerforscherin
„Erstens: internationale Studien zeigen, dass es positiv ist, wenn die Wünsche der Hinterbliebenen oder der verstorbenen Person Anerkennung finden. Nichts anderes würde das neue Gesetz machen, nur noch besser als das alte. Zweitens: Es ist ja nicht so, als würden jetzt von heute auf morgen Dutzende Wahlmöglichkeiten auftauchen und Familien können sich nicht einigen. Die Wahlmöglichkeiten gab es ja schon vorher. Die haben sich ja schon vorher langsam und ein bisschen erweitert. Und auch da haben Familien es geschafft, sich zu einigen und einen Kompromiss zu finden.“
Wann der Landtag das Gesetz beschließen wird und wann es letztlich in Kraft treten soll, steht noch nicht fest. Vorher aber wird es noch Gelegenheit für die Kirchen und andere Kritiker geben, ihren Bedenken im Parlament Gehör zu verschaffen.
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Markus Appelmann, Moderator:
Und genau über diese Bedenken der Kirche zu einer Reform des Bestattungsgesetzes in Rheinland-Pfalz sprechen wir nun. Der Mainzer Bischof Peter Kohlgraf ist mir zugeschaltet. Guten Tag.
Peter Kohlgraf, Bischof von Mainz:
Guten Tag, Herr Appelmann.
Appelmann:
Die Landesregierung betont, dass sich die Wünsche der Menschen hinsichtlich ihrer Bestattung gewandelt hätten und viele individuelle Formen bevorzugten, was der Gesetzesentwurf berücksichtige. Was stört die katholische Kirche daran?
Kohlgraf:
Also zunächst einmal ist es völlig selbstverständlich, dass die Politik auch auf aktuelle und zeitgemäße Anfragen reagiert. Ich glaube, das kann man ihr nicht zum Vorwurf machen. Es ist auch in dem Gesetzesentwurf für uns nicht nur Negatives drin. Ich denke an die Berücksichtigung etwa der Sternenkinder, der ungeborenen Kinder, die jetzt auch eine Bestattung erfahren können. Also wir sehen durchaus auch die positive Seite. Was uns stört, zumindest was uns fragwürdig erscheint, ist die im Grunde doch Privatisierung von Bestattungen und die geringe Berücksichtigung auch der Trauerkultur, die traditionell gewachsen ist und die auch Menschen, die jetzt nicht zum engsten Kreis einer Familie gehören, eine Trauer ermöglicht.
Appelmann:
Sie haben das Thema Sternenkinder  gerade angesprochen – also  Kinder, die mit weniger als 500 Gramm tot geboren werden. Die sollen im neuen Gesetz  eine Bestattung garantiert bekommen. Dieser Trauer Raum zu geben ist im Sinne der katholischen Kirche?
Kohlgraf:
Wir haben in den letzten Wochen und Monaten noch mal sehr intensiv auch über die Frage von Abtreibung usw diskutiert; inwieweit kommt ungeborenen Menschen Menschenwürde und Lebensrecht zu. Gerade die Bestattung von Sternenkindern etwa macht deutlich, dass Menschen trauern, dass es hier um Menschen geht, denen auch eine menschenwürdige Bestattung zukommt, auch im Sinne einer Trauerkultur der Eltern, der Familie, der Öffentlichkeit.
Appelmann:
Jetzt hat sich auch eine katholische Arbeitsgruppe mit dem Thema neues Bestattungsgesetz befasst. Was ist das Ergebnis dieser Gruppe?
Kohlgraf:
In Wesentlichen sind natürlich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des katholischen Büros damit befasst. Sie haben über viele Details diskutiert, gerade über diese Themen. Neben der Privatisierung von Trauer in der Familie, von vielen Möglichkeiten neuer Bestattungsformen, die immer individueller werden, aber eben auch die Frage, inwieweit hat auch eine Gesellschaft, eine Öffentlichkeit das Recht, eine Gedenkkultur, eine Trauerkultur zu leben. Das sind so Fragen. Und ein wichtiges Ergebnis war auch, dass gesagt wurde, es fehlt noch ein gesellschaftlicher Diskurs zu dieser Frage und dazu braucht es Zeit. Das Gesetz kam jetzt sehr schnell und dann ist der Gesetzesentwurf im Parlament. Wir könnten uns vorstellen, dass es sinnvoll ist, wirklich eine gesellschaftliche Debatte zu eröffnen, weil es alle betrifft. Jeder ist am Ende auch von dieser Entscheidung: Wie will ich begraben werden?
Appelmann:
Rheinland-Pfalz will das bestehende Bestattungsgesetz modernisieren – die Kirche tritt auf die Bremse. Danke an Bischof Peter Kohlgraf.
Kohlgraf:
Vielen Dank Ihnen.