Streit um Waschbärensterilisation in Kassel

Kassel gilt mit geschätzt 10.000 Tieren als die Waschbär-Hauptstadt Europas, weil sich hier besonders viele der ursprünglich aus Nordamerika stammende Raubtiere niedergelassen haben. Doch leider richtet die invasive Art in Nordhessen auch eine Menge Schäden an. Anfang des Monats ist ein mit viel Hoffnung verbundenes Pilotprojekt gestartet, um die Zahl der Waschbären zu begrenzen. Prompt gab es Kritik von Jägern, seitdem liegt das Projekt auf Eis.

Nächtlicher Einsatz in Kassel Anfang August. Das Ziel: Waschbären einfangen, sterilisieren und anschließend wieder freilassen. So wollte man die Waschbärpopulation in Kassel in den Griff bekommen
Nannette Welk, Waschbärprojekt Kassel
„Wir wollen die Tiere sterilisieren statt kastrieren, sowohl die männlichen als auch weiblichen Tiere. Bei der Kastration haben die Tiere die Hormone nicht mehr und die Rüden werden vom Rudel verstoßen, das wollen wir nicht. Wir wollen dass die Tiere, denselben Platz besetzen können wie vorher, sich nur nicht mehr vermehren.“
Nach zwei Wochen pausiert  das Regierungspräsidium überraschend das Projekt, um es rechtlich zu prüfen. Zuvor hatte die Zuständigkeit bei der Stadt gelegen.
Vera Heck, Geschäftsführerin Bundesverband der Wildtierhilfen
„Es hat uns natürlich betroffen gemacht, weil wir zu dem Zeitpunkt nach Recht und Gesetz gehandelt haben und immer noch handeln, weil wir von der Stadt Kassel sämtliche Genehmigungen, die wir brauchten dafür hatten.“
Heiko Lehmkuhl (CDU) Ordnungsdezernent Stadt Kassel
„Ein bisschen überraschend ist es schon, da ja die Stadt Kassel vollständig keine Bedenken geäußert hat und wir auch nach wie vor davon überzeugt sind, dass die biologischen Management Maßnahmen sehr sinnvoll sind.“
Der hessische Jagdverband bezweifelt die Sinnhaftigkeit und hatte deshalb eine juristische Prüfung bei der Behörde angestoßen. Zudem sei es verboten, invasive Arten wieder auszusetzen.
Markus Stifter, Landesjagdverband Hessen
„Uns ging es dabei darum, dass auf der einen Seite die Wirksamkeit nachgewiesen ist. Also, dass so ein Projektvorhaben, wie die Sterilisation von Waschbären auf großer Fläche letztendlich auch eine wissenschaftliche Basis findet. Und auf der anderen Seite gibt es natürlich auch ein Problem mit den entsprechenden Genehmigungen tierschutzfachlicherseits aber auch hinsichtlich der Tierversuchsordnung. Und diese beiden Meldewege, Genehmigungsverfahren müssen eingehalten werden.“
Vera Heck, Geschäftsführerin Bundesverband der Wildtierhilfen
„Wir reden hier nicht von einem Tierversuch, sondern einer Management-Maßnahme. Diese wurde auch so tatsächlich von den Behörden also Tierschutzbehörde, Veterinäramt, Jagdbehörde so eingestuft. Das Wort ‚Freisetzung‘ hätte 1934 stattfinden müssen, weil da wurden diese Tiere erstmalig hier oberhalb von Kassel freigesetzt. Wir reden von einer Zurücksetzung, d.h. wir nehmen diese Waschbären für etwa zwölf Stunden und bringen sie an ihre Stelle zurück, wir ändern den Zustand nicht.“
Dass sich der Zustand zukünftig ändert, dürften sich Kassels waschbärgeplagte Bürger wünschen, die Projektverantwortlichen rechnen langfristig mit einem Rückgang um 20 Prozent.
Inzwischen fordern knapp 3.000 Unterstützer, darunter auch Jäger, in einer Online-Petition die Fortsetzung der Waschbär-Sterilisation. Daran glauben auch die Wildtierhelfer
Wie lange es bis zur Entscheidung dauert, kann das Regierungspräsidium noch nicht sagen.