Diskussion um Abschaffung von unangekündigten Tests

Unnötiger Druck, Schikane oder notwendiges Unterrichtselement – die Meinungen zu unangekündigten Hausaufgabenüberprüfungen (kurz HÜs) sind ganz unterschiedlich.
Der rheinland-pfälzische Bildungsminister Sven Teuber will Schülern den Druck nehmen und wieder mehr Freude am Lernen ermöglichen.

Die Bildungsgewerkschaften GEW und VBE loben die Haltung des Ministers. Der rheinland-pfälzische Philologenverband sagt hingegen, Lehrer würden in ihrer pädagogischen Freiheit eingeschränkt. Man merke:
Cornelia Schwartz, Vorsitzende Philologenverband RLP
„Dass Kollegen diese Verantwortung nicht gerne aus der Hand geben wollen. Und dass es eine andere Qualität hat, wenn ein Bildungsminister plötzlich hineinregiert in den eigenen Unterricht und meint, er müsste Schüler vor dem bösen Lehrer schützen. Da fühlen wir uns auch nicht ganz ernst genommen in unserer Arbeit.“
Cornelia Schwartz ist selbst Lehrerin in Bad Dürkheim. Sie findet: Wenn HÜs immer angekündigt werden, bestehe die Gefahr, dass Schüler nur anlassbezogen auswendig lernen. Und:
Cornelia Schwartz, Vorsitzende Philologenverband RLP
„Ich glaube nicht, dass man unbedingt mehr Angst haben muss vor unangekündigten HÜs, weil ja die Ansprüche da auch wesentlich niedriger sind. Also es kann ja auch sein, dass Schüler gerade dann Angst entwickeln, wenn sowas angekündigt ist und man weiß, oh, das ist jetzt aber ganz schön viel zu lernen.“
Unangekündigte Tests abzuschaffen, ist bundesweit einzigartig. Das schwarz-rot regierte Nachbarland Hessen hält also daran fest. Warum?
Armin Schwarz (CDU), Bildungsminister Hessen
„Ich finde, Schule soll aufs Leben vorbereiten. Und im Leben muss man auch zu bestimmten Zeitpunkten, bestimmte Leistungen abliefern. Und es ist gut, wenn junge Leute wissen, es ist hilfreich vorbereitet in den Unterricht zu gehen und die Hausaufgaben gemacht zu haben. Und insofern finde ich, ist es auch ein Beitrag dazu, dass man Leistungswillen und Leistungsbereitschaft auch sichert.“
Die rheinland-pfälzische CDU plädiert ebenfalls dafür, den Lehrern die Entscheidung zu überlassen, wie sie Wissen abfragen wollen.
Gordon Schnieder (CDU), Fraktionsvorsitzender Landtag RLP
„Trauen wir doch auch da den Lehrern zu, diese Entscheidung selbst zu treffen, so wie sie es bislang konnten. Ich glaube, es war ein Ablenkungsmanöver, um von ganz vielen anderen Baustellen in der Bildungspolitik am ersten Tag nach den Sommerferien abzulenken zu wollen.“
Unnötiger Druck, Schikane oder notwendiges Unterrichtselement – egal wie man zu unangekündigten HÜs steht. An rheinland-pfälzischen Schulen sind sie jetzt Geschichte.
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Markus Appelmann, Moderator:
Und er hat die unangekündigten Tests abgeschafft: der rheinland pfälzische Bildungsminister Sven Teuber. Guten Tag.
Sven Teuber (SPD), Bildungsminister RLP:
Ich grüße Sie, Herr Appelmann.
Appelmann:
Herr Teuber, viele Arbeitgeber beklagen, dass Schulabgänger nicht mehr über die nötigen Kompetenzen verfügen, und Sie schalten nun noch einen Gang zurück. Ist das nicht genau die falsche Richtung?
Teuber:
Ich nehme das genau ernst, was mir die Arbeitgebenden auch sagen, dass wir nicht genügend auf das Leben vorbereiten. Und das ist so. Wir müssen Schülerinnen und Schüler bestärken, Kompetenzen zu erlernen und nicht nur Bulimiewissen anzuhäufen. Professor Köller von der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission sagt: Solange wir die Prüfungs- und Lernkultur nicht ändern, aber vor allem die Prüfungskultur, wird sich die Lernkultur auch nicht verändern, denn die Kinder und Jugendlichen lernen dann immer nur für Tests und nicht fürs Leben. Und da war ich gestern auch bei der IHK und die haben auch mir bestätigt: Wir brauchen eine andere Kompetenzorientierung. Und das wollen wir jetzt erreichen.
Appelmann:
Die Schule soll aufs Leben vorbereiten, das sagt auch der hessische Bildungsminister. Und da gebe es eben auch mal Druck. Davor können Sie doch die Schüler nicht bewahren, oder?
Teuber:
Und die Schülerinnen und Schüler empfinden immer noch sehr viel Druck. Aber ganz ehrlich: Wir alle haben doch Schülerinnen und Schüler in der Corona-Pandemie darum bemitleidet, wie sehr sie gelitten haben und welche Folgen auch daraus sind. Und das haben wir als Gesellschaft doch nicht vergessen. Und wenn Forsa uns gestern bestätigt hat, dass über 70 %, fast 3/4 aller Eltern sagen, es ist zu viel Druck in der Familie und dann sagen, dass der Hauptgrund der Leistungsdruck in der Schule ist, dann will ich Eltern, Kinder und viele Kolleginnen und Kollegen ernst nehmen, diesen Druck zu reduzieren, wo es möglich ist, um noch mehr Leistung zu bringen, weil Druck verhindert Leistung und zu viel Druck macht kaputt.
Appelmann:
Entsetzt hat sich der Philologenverband gezeigt. Dieser hat sich beschwert, dass der Bildungsminister plötzlich in die Schule “hinein regiere”, so die wortwörtliche Kritik. Sie waren selbst mal Lehrer. Warum überlassen Sie den Lehrkräften nicht die Entscheidung, wie Sie Wissen abfragen?
Teuber:
“Hinein regiert”? Ich bin Teil der Regierung, und dafür bin ich gewählt. Mein Auftrag ist es, zu gestalten und zu entscheiden. Und über Wochen und Monate hinweg habe ich Gespräche mit der Praxis, mit Gewerkschaften, mit Verbänden geführt. Ich habe nun eine Fachtagung in Berlin mit 120 Teilnehmenden gehabt und dort mit der Bertelsmann Stiftung ein Fachpapier für eine veränderte Lern- und Prüfungskultur vorgestellt. Und in all diesen Gesprächen wurde bestätigt: Ja, Schule muss sich verändern. Und ich bin der Minister, der dazu beiträgt, Entscheidungen zu treffen. Weil dafür bin ich da. Ansonsten könnten wir auch einfach so weitermachen, ohne dass wir Verbesserungen in PISA und so sehen. Wir sehen doch und stellen miteinander fest: Die Ergebnisse sind nicht so bei den Vergleichsstudien, wie wir sie uns wünschen und wie es für die Unternehmen und für die Kinder ist. Und in diesem Sinne müssen wir Veränderungen bewerkstelligen.
Appelmann:
Rheinland-Pfalz streicht als erstes Bundesland unangekündigte Tests. Darüber haben wir mit Bildungsminister Sven Teuber gesprochen. Danke Ihnen.
Teuber:
Vielen Dank, Herr Appelmann.