Zu Gast im Studio: Fraport-Chef Stefan Schulte

Viele sind in den diesjährigen Sommerferien von Frankfurt aus in Richtung Süden geflogen. Im Juli sind die Passagierzahlen im Vergleich zum Vorjahr gestiegen. Gute Nachrichten für den Flughafen-Betreiber Fraport. Doch der Frankfurter Flughafen erholt sich von den Auswirkungen der Corona-Pandemie deutlich langsamer als vergleichbar große Flughäfen in anderen Ländern.

Es wird gebaut an Deutschlands größtem Flughafen. Hier entsteht das neue Terminal. Kosten: 4 Milliarden Euro. Im Frühjahr kommenden Jahres soll das Terminal 3 dann an den Start gehen. Auf einer Fläche von rund 25 Fußballfeldern sollen hier dann 19 Millionen Passagiere pro Jahr abgefertigt werden.
Der Bau des Terminals, er hat lange vor der Pandemie begonnen. In einer Zeit in der die Passagierzahlen immer weiter nach oben gingen.
2019 konnte der Flughafenbetreiber einen Rekord von über 70 Millionen Passagieren vermelden.
Doch kam die Corona-Pandemie. Die Bilder von damals – sie wirken mittlerweile wie aus der Zeit gefallen. Doch die Auswirkungen der Pandemie sind für den Flughafenbetreiber immer noch zu spüren.
In diesem Jahr rechnet Fraport mit insgesamt rund 64 Millionen Passagieren. Deutlich weniger als vor der Corona-Pandemie. Ein Grund: Die hohen Standortkosten in Deutschland.
Im Koalitionsvertrag hatte die neue schwarz-rote Bundesregierung noch folgendes festgehalten.
„Die luftverkehrsspezifischen Steuern, Gebühren und Abgaben wollen wir reduzieren und die Erhöhung der Luftverkehrsteuer zurücknehmen.“
Doch die Senkung der Luftverkehrssteuer, sie sucht man im Haushaltsentwurf für das kommende Jahr vergeblich. Dafür sei momentan kein Spielraum da, heißt es aus dem Bundesfinanzministerium.
Die Luftverkehrssteuer, die negativen Auswirkungen der Corona-Pandemie – zwei von vielen Herausforderungen, auf die unser heutiger Studiogast, Fraport-Chef Stefan Schulte, Antworten finden muss.
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Eva Dieterle, Moderatorin:
Und jetzt ist er hier bei uns im Studio – Stefan Schulte. Guten Abend. Schön, dass Sie hier sind.
Stefan Schulte, Vorstandsvorsitzender Fraport:
Frau Dieterle, danke.
Dieterle:
Wir haben es gerade gehört, Sie rechnen mit 64 Millionen Passagieren. Das erste Halbjahr ist rum. Was sagen Sie? Ist das haltbar?
Schulte:
Ja, wir sind on Track. Alle Prognosen, die ich auch kenne aus der Industrie, besagen ganz klar, dass wir weiter wachsen werden. In Deutschland, aber insbesondere auch weltweit. Deutschland wird, Sie haben es gerade eingespielt, langsamer wachsen vor dem Hintergrund der Rahmenbedingungen. So ein Terminal 3 baut man aber nicht für ein Jahr. Das baut man dann für eine Dekade, für viele, viele Jahre. Insofern bin ich da optimistisch. Wir werden es brauchen. Wir werden es auch über die Zeit füllen.
Dieterle:
Sie sind immer noch nicht beim Vor-Corona-Niveau angekommen. Sie wachsen langsamer, als es andere Flughäfen tun. Warum ist das so? Sagen Sie es uns nochmal konkret.
Schulte:
Wenn Sie Deutschland heute nehmen, nicht Deutschland gegenüber dem Vor-Corona-Niveau, in Summe bei etwa 82-83 %. Wenn Sie dagegen das europäische Niveau nehmen ohne Deutschland, liegt das bereits bei 105 %. Daran sehen Sie, was in Deutschland falschläuft. Sie haben es eingespielt, das sind vor allem die staatlich regulierten Kosten. Also Luftverkehrssteuer ganz vorneweg, aber auch ein paar andere, wo der Koalitionsvertrag sehr klar war, wo wir vorneweg auch mit den Koalitionären gesprochen haben und ein klares Commitment hatten. Und jetzt ist es wieder im Entwurf nicht drin. Das ist deswegen auch ärgerlich, weil die Bundesregierung eine Chance verpasst, die Wirtschaft in Schwung zu bringen. Das würde sich ja selbst finanzieren. Das haben wir auch angeboten. Selbst finanzieren heißt, wir sehen jetzt eine hohe zweistellige Zahl von Flugzeugen, die aus Deutschland abgezogen worden sind, in andere Länder, wo man profitabler fliegen kann. Würden die zurückkommen, gibt es gute Arbeitsplatzeffekte. es gibt Wirtschaftskraft, das heißt selbst finanzieren. Und das kann man auch so vereinbaren. Aber die Bundesregierung ist da ein bisschen kurzsichtig, finde ich das mal sehr offen sagen darf.
Dieterle:
Also noch mal von Ihnen ein Appell an die Politik. Das war jetzt der wirtschaftliche, politische Teil. Kommen wir mal zu den Passagieren. Denn nach wie vor gibt es ein Thema, das die Passagiere umtreibt. Und das ist die Unpünktlichkeit. Warum gelingt das nicht besser?
Schulte:
Sie gehen vielleicht auf eine Statistik, wo es um die Frage geht “An welchen Flughäfen wird am meisten geklagt wegen Pünktlichkeit, Unpünktlichkeit etc.?” Ich gehe da auf die offiziellen Zahlen von Eurocontrol. Das ist die Institution in Europa, die für Flughäfen Pünktlichkeit und Unpünktlichkeit feststellt. Da sind wir sehr gut unterwegs. Wir sind wieder auf einem Pünktlichkeitsniveau – viele, viele Anstrengungen gemeinsam, alle Partner, die sich jetzt auszahlen, in diesem Jahr über Vor-Corona-Niveau und zweitens im Mittelfeld der großen Hubs in Europa.
Dieterle:
Aber reicht Ihnen das Mittelfeld?
Schulte:
Damit bin ich schon mal sehr zufrieden. Wir wollen weiter nach oben. Aber erst haben wir wieder den Anschluss vor Corona geschafft. Jetzt arbeiten noch weiter dran. Wie kriegen das hin, da noch höher zu kommen? Aber die großen Hubs ist ja die große Herausforderung mit all den An- und Abflügen, mit 1200, 1400 Bewegungen am Tag. Das kann ich nicht vergleichen mit einem kleinen Punkt zu Punkt Flughafen, der dann vielleicht 100 Bewegungen am Tag hat. Insofern sind wir schon sehr zufrieden. Aber wir müssen noch und wollen noch weiter besser werden. Das liegt aber nicht mehr nur an uns. Das sieht ja zum Beispiel sehr, sehr stark an der Kapazität im Luftraum oben. Der ist in Deutschland sehr beschränkt. Das liegt an der Frage, wie viel Lotsen stehen zur Verfügung? Nicht nur bei uns, sondern in Europa. Wir sind Gewitterlagen, denn so ein Hub hat natürlich viele Flüge, die morgens rausgehen, die mittags reinkommen, die am Tag wieder rausgehen. Und je mehr dort Knappheiten in Europa sind, gerade auch auf der Balkanroute, desto mehr werden sich dann Verspätung immer stärker hochschaukeln im Laufe eines Tages. Da müssen wir alle gemeinsam daran arbeiten. Wir tun unseren Teil am Frankfurter Flughafen.
Dieterle:
Ein anderes Thema, das weniger die Passagiere, sondern vielmehr die Menschen im Großraum Rhein-Main bewegt, ist nach wie vor das Thema Fluglärm. Und darum geht es jetzt bei uns.
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Der Flughafen Frankfurt – jahrelang gab es Streit um seine Auswirkungen. Flammt dieser Protest nun wieder auf?
Fraport und Flugsicherung planen besonders in Verkehrsspitzen noch stärker als bisher die Nordwest-Abflug-Routen zu nutzen und dafür seltener die sogenannte Süd-Umfliegung, mit einer weit gezogenen Kurve um Mainz und Wiesbaden.
Als Grund wird genannt, dass das bisherige Betriebskonzept unter anderem aus Sicherheitsgründen die bis 2033 zu erwartenden steigenden Verkehrsmengen nicht mehr bewältigen könne.
Dann sei mit bis zu 560.000 Flugbewegungen im Jahr zu rechnen. Im vergangenen Jahr hatte es 441.000 Starts und Landungen gegeben. Die begrenzte Kapazität der Süd-Umfliegung sei damals bei der Planung der neuen Nordwestlandebahn nicht absehbar gewesen.
Janina Steinkrüger (Bündnis 90/Die Grünen), Kommission zur Abwehr des Fluglärms
„Das ist halt elementar gegen das, was man damals als Prognose in der Planfeststellung genommen hat. Sachen die uns in der Planfeststellung gesagt worden und die als Gesetz gelten, gelten auf einmal nicht mehr, man hat ganz andere Erkenntnisse und ich frag mich, was das für die Zukunft dann bedeutet. Sind die Aussagen, die jetzt getroffen werden, dass z.B. die Süd-Umfliegung weniger geflogen werden soll, sind die überhaupt noch haltbar, kann ich der Aussage vertrauen oder heißt das, dass wir nicht vielleicht auf eine doppelte Belastung, dann auch in Mainz zusteuern?“
Die neuen Pläne würden besonders den Taunus zusätzlich belasten. Unter anderem in Flörsheim sorgen sich die Anwohner vor mehr Fluglärm.
Birgit Nauheimer
„Da bin ich nicht dafür, also noch mehr brauchen wir weiß Gott nicht, also das langt!“
Gaby Skuldety
„Bei mir fliegen sie direkt übers Haus in der Friedrich-Ebert-Straße und um 5:00 Uhr morgens werden wir geweckt“
Jürgen Haber
„Wir wohnen direkt in der Einflugschneise, ich mach relativ viel Home-Office und das geht nicht bei offenem Fenster, rein theoretisch könnte man ja auch auf dem Balkon setzen beim Home-Office aber das geht nicht, weil dann können Sie nicht telefonieren. Also das ist schon erheblich.“
Die Anrainerkommunen prüfen juristische Schritte. Im kommenden Jahr soll das neue Konzept fertiggestellt werden.
Was im Taunus beunruhigende Zukunftsmusik ist, dröhnt Anwohnern in Teilen von Darmstadt und Egelsbach längst in den Ohren. Dort sorgt seit Mitte Juli eine veränderte Abflugroute für Ärger über mehr Lärm. Die neue Route, das gehört zur Wahrheit dazu, entlastet aber auch viele.
Klar bleibt: die Abwägung zwischen einem sicheren, flüssigen Flugverkehr und dem Schutz der Anwohner wird in den kommenden Jahren nicht einfacher werden.
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Dieterle:
Herr Schulte, für diese Pläne gibt es viel Kritik. Was sagen Sie dazu?
Schulte:
Es geht hierbei um die Frage, wie in den nächsten zehn Jahren oder später je nach Wachstum Flugrouten belegt werden. Aber es sind die gleichen Flugrouten, die heute schon genutzt werden. Und wir werden auch in der Zukunft maximal die Startbahn 18 West nutzen und so viel wie möglich auch die Südungpflegung. Und dann geht es eben nur um die Spitzenstunden. Da, wo richtig viel Last drauf ist. Ob wir dann ab und zu ein oder zwei Flieger mehr auf die Nordwestabflüge setzen müssen. Es wird für Flörsheim nicht mehr Lärmbelastung heißen, es wird auch für Mainz eher eine Entlastung sein. Und das Ganze ist aktuell erst mal nur eine Diskussion, ein Vorschlag, was wir in den entsprechenden Gremien mit der Region diskutieren werden, was dann vielleicht nächstes Jahr irgendwann entschieden wird, weil der Bundesgesetzgeber verlangt, dass wir uns jetzt mit der Frage beschäftigen, wie wir in zehn Jahren zum Beispiel fliegen wegen der Lärmschutzbereiche.
Dieterle:
Wir haben es gerade gehört: belasten, entlasten. Am Ende ist und bleibt es aber doch eine Problemverlagerung, wenn man dann einzelne Flugrouten dann einfach intensiver überfliegt.
Schulte:
Aus Sicht derer, die heute stark vom Lärm betroffen sind und das sind natürlich Menschen, das ist vollkommen richtig. Gerade im Anflugbereich ich aber auch einen Abflugbereich. Das ist ja erst mal positiv, auch wenn ich mich ärgere, aber trotzdem positiv, dass wir langsamer wachsen, damit weniger Flugbewegungen haben, als wir damals prognostiziert haben. Zweitens, dass wir viel Incentives setzen, dass moderne Flugzeuge hier in Frankfurt eingesetzt werden, weil die deutlich leiser sind und dass ja für die Menschen dieser Region auch positiv ist.
Dieterle:
Das sagt der Chef des Frankfurter Flughafens, Stefan Schulte. Vielen Dank, dass Sie heute zum Interview bei uns waren.
Schulte:
Ich danke Ihnen.