Künstliche Intelligenz schreibt Kinderbücher

Reisen planen – Angebote vergleichen – schnelle Recherchen. Dafür nutzen viele von uns mittlerweile gerne Künstliche Intelligenz. KI kann aber noch viel mehr. Ganze Bücher samt Illustrationen werden mittlerweile von KI erzeugt – vor allem im Bereich der Kinderbücher. Was für Verlage praktisch und kostengünstig sein mag, kann für die Autoren zum ernsten Problem werden.

„Schaut mal! Nein! Ja! Die 6G war völlig aus dem Häuschen. Alle gingen in die Hocke und umringten das kleine, niedliche Tier. Rio war einer Ohnmacht nahe. Sein Herz pochte wie wild. Von genauso einem Welpen hatte er seit langem geträumt.“
Stephanie Gessner liest aus dem neuesten Band ihrer Reihe „Time Travellers“, die von magischen Klassenfahrten erzählt. Seit 13 Jahren schreibt die studierte Literaturwissenschaftlerin für Kinder zwischen 3 und 13 Jahren.
Stephanie Gessner, Kinderbuchautorin aus Mainz
„Das Wichtigste für mich ist immer, dass meine Geschichten einen wahren, auch gut nachvollziehbaren emotionalen Kern haben und dass ich Kinder mit meinen Geschichten ermutige, bestärke, aufbaue.“
Das will auch dieses Buch von Sabine Jahn. Doch die Autorin gibt es nicht. „Weil du ein wunderbares Mädchen bist“ ist von einer Künstlichen Intelligenz geschrieben und wird in der Kinderbuchhandlung von Susanne Lux deshalb nicht verkauft. Der Titel sei vielversprechend.
Susanne Lux, Buchhändlerin aus Mainz
„Dann sind es aber wirklich ganz einfache Lösungen. Also beispielsweise ein Mädchen ist ängstlich und dann sagt man zu ihr: ‚Sei doch nicht so ängstlich‘ und schwups, schon hat sie Mut. Und so geht es in Wirklichkeit nicht. Es baut eigentlich eher Druck auf für Kinder, die eben ängstlich sind, weil sie schaffen es eben nicht so von heute auf morgen zu sagen, ‚Oh, jetzt bin ich mutig‘ und kriegen dann eher das Gefühl, ‚Ah, ich hab mich einfach nicht genügend angestrengt‘.“
„Weil du ein wunderbares Mädchen bist“ ist vor allem im Onlinehandel ein Bestseller und wird in Rezensionen als „warmherzig, stärkend, inspirierend“ und „sehr lebendig geschrieben“ gelobt.
Immer wieder wollen Kunden das Buch auch bei Susanne Lux bestellen. Dass es KI-generiert ist, wissen die wenigsten.
Susanne Lux, Buchhändlerin aus Mainz
„Wir versuchen aufzuklären und in der Regel ist es so, dass die Leute sagen ‚Ach so, Moment, das ist KI. Dann möchte ich das eigentlich nicht haben‘.“
Sina Schmitt kommt regelmäßig mit ihrer Tochter her. Auch sie möchte kein KI-generiertes Buch für Ella kaufen.
Sina Schmitt, Kundin bei Susanne Lux
„Ein Stückweit schon geht es um einen pädagogischen Lehrauftrag. Dass man da guckt, was lesen die Kinder, wie sind die Bücher geschrieben. Und das hat man eben bei KI-generierter Literatur glaube ich nicht so.“
Und was liest die Siebenjährige am liebsten?
Ella Schmitt, 7 Jahre alt
„Die Schule der magischen Tiere. Das gefällt mir richtig gut, weil da gibt es richtig Fantasie.“
Fantasievoll sind auch die Geschichten von Stephanie Gessner. Die Länder, in denen ihre Bücher spielen, hat sie selbst bereist. Für Detailrecherchen bemüht auch sie mal die KI. Alles andere kommt von Herzen. Wie die Charaktere illustriert werden, beruht beispielsweise auf Zeichnungen ihrer Tochter.
Sie wünscht sich:
Stephanie Gessner, Kinderbuchautorin aus Mainz
„Dass wir alle die Urheberinnen auch schützen und nicht immer nur auf das jetzt vielleicht schnellere, günstigere Pferd setzen. Weil das fatal ist. Es wird irgendwann einen Brei geben an Geschichten, die sich alle ähneln.“
Denn KI könne nur reproduzieren und die Kreativität anderer kopieren. Stephanie Gessner hingegen ist selbst schon wieder kreativ, schreibt unter anderem am dritten Teil von „Time Travellers“.
———-
Eva Dieterle, Moderator:
Und wir wollen das Ganze jetzt auch wissenschaftlich einordnen. Deshalb begrüße ich bei mir den Professor für Buchwissenschaft an der Johannes-Gutenberg-Universität in Mainz, Gerhard Lauer. Guten Abend. Schön, dass Sie hier sind.
Gerhard Lauer, Professor für Buchwissenschaft Universität in Mainz:
Guten Abend.
Dieterle:
Herr Lauer, wir haben jetzt im Beitrag schon eine schöne Zusammenfassung bekommen, einige Meinungen gehört. Ihre interessiert uns natürlich auch ganz besonders. Wie bewerten Sie das denn? Kinderbücher, die komplett KI-generiert sind?
Lauer:
Ja, erstaunlicherweise waren Kinderbücher die ersten KI-generierten Bücher überhaupt. Die sind schon im Februar 2023, also ChatGPT kam im November 22 raus, Februar 23 gab es schon die ersten Bücher, die komplett KI-generiert waren und erstaunlicherweise sich gut verkauft haben. Also von daher – es ist ein Markt.
Dieterle:
Birgt das Ganze auch Risiken? Wir haben es gerade gehört, es steckt ja schon auch ein pädagogischer Auftrag dahinter.
Lauer:
Das würde ich so nicht sagen, weil die Bücher sehr unterschiedlich gut oder schlecht sind. Und sie können sogar auch sehr kreativ sein. Das hängt ein bisschen davon ab, was man unter KI versteht und wie man damit umgeht. Aber KI kann tatsächlich kreativ sein und kann sogar pädagogisch verantwortungsvoll sein.
Dieterle:
Wir haben es gerade auch im Beitrag gesehen, das KI-generierte Buch, das trug einen Autorennamen, was ja irgendwie dem Leser impliziert, das hätte eine Frau geschrieben. Das ist schon auch irreführend. Muss das in irgendeiner Form gekennzeichnet werden? Wie kann ich als Leser so was erkennen?
Lauer:
Im Augenblick können Sie es nicht erkennen. Es gibt aber eine Debatte in der Buchbranche, ob eben eine Kennzeichnungspflicht eingeführt werden soll. Das Problem ist aber, wenn man die Kennzeichnungspflicht einführt, dann ist die Frage: Was muss gekennzeichnet werden? Also ein rein menschlich geschriebenes Buch, ein Buch, das mit Assistenz von KI geschrieben wurde oder ein Buch, das nur von KI geschrieben wurde? Das müsste ja unterschieden werden und das ist bislang noch nicht klar geregelt. Wenn man es aber drauf schreibt, dass es von KI generiert worden ist oder selbst mithilfe von KI, dann kaufen es die Leute nicht. In Deutschland setzt sich kein Buch durch, wo KI draufsteht.
Dieterle:
Wir haben jetzt auch über komplett generierte Bücher geschrieben, über KI. Sie haben aber auch schon die Hilfsmittel genannt, also zum Beispiel ChatGPT, die Autoren einfach bei der Arbeit unterstützen. Wie ordnen Sie das wissenschaftlich ein?
Lauer:
Also das beste Bild, Um zu verstehen, welche Funktion KI für viele Autorinnen und Autoren hat, ist vielleicht Daniel Düsentrieb mit seinem Helfer, weil dieser Helfer einfach ein Gegenüber ist, mit dem ich mich unterhalten kann. Wie geht meine Geschichte weiter? Soll ich eher eine dialogische Szene oder eine beschreibende Szene als nächstes einfügen? Und dafür ist KI sehr, sehr unterstützend für viele Schreibende.
Dieterle:
Wo, glauben Sie, steuern wir in den nächsten Jahren hin? Ich meine, die Verwendung der Künstlichen Intelligenz steckt wahrscheinlich auch noch in den Kinderschuhen. Wohin wird das führen? Wird es irgendwann keine Autoren mehr brauchen? Welche Prognose haben Sie?
Lauer:
Also es ist tatsächlich möglich und wird in den nächsten Jahren möglich sein, dass Kunstformen, ob jetzt Kinderbücher oder auch Musik, vollständig von KI hergestellt werden sein wird. Und die können wir nicht mehr unterscheiden. Und das wird auch ermöglichen, dass sehr komplexe Geschichten erzählt werden. Also wir warten alle auf die fehlenden Bände von George R. R. Martins großer Fantasy Saga. So etwas ist im Augenblick nicht möglich, aber wird in den nächsten Jahren möglich sein, solche Geschichten zu erzählen. Und dann ist die Frage: Wie bauen wir das in unsere Gesellschaft ein? Und die einen werden sagen: “Für mich kommen keine Bücher ins Haus, die irgendwie mit KI geschrieben sind.” Aber es wird sehr viele von uns geben, die werden ganz selbstverständlich Bücher lesen, auch Kindern vorlesen, die von KI wirklich von Anfang bis Ende illustriert auch sind, die Cover gemacht worden sind. Ja, das wird es geben.
Dieterle:
Aufhalten lassen wird sich das nicht mehr. Ich bedanke mich für Ihre aktuellen Einschätzungen zu diesem wichtigen Thema. Danke, dass Sie heute hier waren.
Lauer:
Danke schön.