Grundsteuerschock in Bingen

Es ist ein Thema, das uns alle angeht. Die Grundsteuer für Immobilien. Denn egal ob Mieter oder Eigentümer; nach der Grundsteuer-Reform dürften sie nun entweder ein paar Euro mehr oder weniger zahlen als bislang. In Bingen am Rhein ist vielen Einwohnern beim Blick auf den Grundsteuerbescheid allerdings die Kinnlade runtergeklappt. Denn wer in einem Gebäude wohnt, das zum Teil auch gewerblich genutzt wird, der wird künftig massiv zur Kasse gebeten.

Als Hasso Mansfeld vor kurzem seinen neuen Grundsteuerbescheid aus dem Briefkasten fischt, traut er seinen Augen kaum: Quasi über Nacht ist der Grundsteuer-Hebesatz für seine Villa von bisher 465 auf 1200 Prozent gestiegen.
Hasso Mansfeld, Eigentümer „Villa Katharina“: „Die Neubewertung bedeutet, dass sich die Grundsteuer mehr als verdoppelt hat. Dass also mehrere Tausend Euro im Jahr nicht zur Verfügung stehen, um das Gebäude zu erhalten. Und das ist natürlich sehr sehr schlecht.“ 
Besonders ärgerlich: Wäre die Villa Katharina ein reines Wohnhaus, wäre das nicht passiert. Da Hasso Mansfeld aber einen Teil des Gebäudes an Unternehmen vermietet, wird es teilweise gewerblich genutzt. Und das wird künftig teuer: Denn die Stadt Bingen hat beschlossen, für gemischt genutzte Immobilien in Zukunft immer den deutlich höheren Hebesatz für Gewerbeimmobilien zu berechnen – und zwar für das gesamte Gebäude. Davon sind in Bingen Tausende Menschen betroffen. Denn das klassische Model: „Unten Geschäft, oben wohnen“ ist vor allem in der Innenstadt weit verbreitet. Wie etwa bei Sushi-Koch Sonny Aung, der nicht weiß, wie er künftig mehrere Tausend Euro im Jahr zusätzlich nur für die Grundsteuer aufbringen soll.
Sonny Aung, Gastronom: „Wir arbeiten hier so hart. Und wir versuchen, unsere Rechnungen jeden Monat irgendwie zu bezahlen. Aber jetzt kommt zusätzlich noch die Bingen-Steuer dazu. Und das ist für mich kleines Unternehmen, kleinen Sushi-Laden, sehr schwer zu tragen.“ 
„Bingen-Steuer“ – unter den Geschäftsleuten der Stadt ist das inzwischen der gängige Terminus für den exorbitant gestiegenen Grundsteuer-Hebesatz für Mischimmobilien. Auch Ladenbesitzer Abdul Wahed Azag und Hauseigentümer Wolfgang Röben fielen zunächst aus allen Wolken, als ihnen vor kurzem die neu berechnete Grundsteuer ins Haus flatterte.
Wolfgang Röben, Hauseigentümer: „Ich dachte, das ist ein Irrtum. Ich dachte, die haben sich vertan. Was auch immer da passiert ist als Fehler – das kläre ich mal eben. Ja, es hat sich geklärt. Ich habe einfach meine Nachbarn gefragt. Und es war kein Irrtum, sondern Methode. Es haben alle bekommen.“ 
Abdul Wahed Azag, Ladenbesitzer: „Es ist sehr schwer, hier zu stehen und das Geschäft weiterzuführen. Und dann nochmal das bezahlen, das bezahlen…Das treibt einen einfach in den Wahnsinn.“ 
Finanz-Krise, Corona-Krise, Inflation: All das haben die Geschäftsleute in Bingen mit Ach und Krach überstanden. Jetzt machen sich bei Ihnen ganz neue Existenzängste breit – weiß auch Stadtrats-Mitglied Carsten Schröder.
Carsten Schröder, FDP, Fraktionsvorsitzender Stadtrat Bingen: „Das trifft ganz besonders kleine Läden. Mieter hier in der Innenstadt oder in den Ortskernen. Aber auch die Winzer. Oder jeden, der einfach ein kleines Gewerbe hat.“ „Wir haben ein massives Problem mit Leerstand in der Innenstadt. Und das jetzt zu bringen, ist ne wahnsinnige Bombe, die hier platzt. Das hätte nicht sein dürfen. Hier hätte jeder einfach mal vorher nachdenken müssen, was er tut. Was er beschließt. Wozu er seine Hand hebt.“ 
Um den CDU-, SPD- und Grün-dominierten Stadtrat doch noch zum Einlenken zu bewegen, hat die FDP Bingen inzwischen eine Petition gestartet: Innerhalb kürzester Zeit haben fast 500 Bürger unterschrieben. Einer davon: Hasso Mansfeld.
Hasso Mansfeld, Eigentümer „Villa Katharina“: „Also die Stimmung ist… die Leute sind auf 180. Das merkt man wirklich. Wie bei mir. Ich bin auch sauer.“ 
Ende August tritt der Binger Stadtrat zu seiner nächsten Sitzung zusammen. Die betroffenen Bürger und Geschäftsleute können nur hoffen, dass die Stadt den extrem gestiegenen Grundsteuer-Hebesatz dann doch wieder auf ein für sie bezahlbares Maß herabsenkt.