Sorge wegen zunehmender Armut in der Gesellschaft

Als armutsgefährdet gilt, wer mit weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens auskommen muss. Soziale Teilhabe, Ausflüge und Urlaub sind dann finanziell nicht mehr drin. Viele müssen jeden Monat schauen, wie sie über die Runden kommen, rutschen regelmäßig in den Dispo. Armut kann fast jeden treffen. Auch das Ehepaar Kraetsch aus Ingelheim hätte nie gedacht, einmal davon betroffen zu sein. Doch gleich zwei Schicksalsschläge verändern alles. Mit ihrer Situation fühlen sie sich allein gelassen.

2016 ändert sich das Leben von Christiane Kraetsch schlagartig. Sie erkrankt an Leukämie. Dass sich nun auch ihre finanzielle Situation ändern wird, daran denkt sie zunächst nicht.
Christiane Kraetsch: „Du fällst von oben ganz nach unten und bist erst mal in einem Loch drinnen und bist erst mal nur mit dir beschäftigt und mit der Tatsache, dass du krank bist. Und alles andere musst du aber auch noch zusätzlich zu diesem Part stemmen und das ist schon sehr schwierig.“
Die Knochenmarkspende ihres Sohnes rettet ihr 2020 das Leben. Doch die heute 65-Jährige ist arbeitsunfähig, bekommt Erwerbsminderungsrente – 1000 Euro im Monat. Ein Jahr später erkrankt ihr Mann Hans-Martin an Lungenkrebs. Das zweite Einkommen bricht weg. Die Selbstbeteiligung für Medikamente und Krankenhausaufenthalte kosten die Eheleute ihre Ersparnisse.
„Das frisst natürlich das, was du als Sicherheit angelegt hast, das ist dann irgendwann weg. Und wenn das wie gesagt nicht nur einen betrifft, sondern alle beide, ist das schon immens.“
1985 lernen sich Christiane und Hans-Martin Kraetsch in der DDR kennen und ziehen rund 15 Jahre später mit ihren drei Kindern in den Raum Ingelheim. Er arbeitet in der IT-Branche, sie als Erzieherin. Urlaube, Ausflüge, zwei Autos – bis die Krankheiten und das Thema Armut in ihr Leben treten. Weniger Geld, dafür gestiegene Lebenshaltungskosten. Beide sind gehbehindert und weiterhin auf ein Auto angewiesen. Durch die Chemo hat Christiane Kraetsch Zähne verloren, für den Zahnersatz fehlt das Geld. Das Ehepaar fühlt sich allein gelassen. Ein Haufen Bürokratie wartet, doch eine Anlaufstelle oder Hilfsangebote fehlen.
Christiane Kraetsch: „Vor allen Dingen gibt’s ja auch viele Menschen, habe ich auch kennen gelernt, die gewisse Dinge gar nicht mehr machen, weil sie sagen, ich komm durch diesen ganzen bürokratischen Mist nicht durch, alleine schaffe ich das nicht, ich lasse es. Und das hat für mich was mit Ungerechtigkeit auch gegenüber diesen Personen zu tun.“
Ihre Wohnung im ersten Stock ist nicht behindertengerecht, kein Aufzug, keine Dusche. Doch die Warteliste für entsprechende Sozialwohnungen ist lang. Und privat? Unbezahlbar. Schicksale wie diese gibt es viele. Der Sozialverband VdK in Mainz verschafft in einer kleinen Ausstellung Menschen Gehör, die in Armut leben oder davon bedroht sind – Schicksalsschläge, unbezahlte Pflege von Angehörigen oder Alleinerziehende.
Bettina Grabe, Sozialverband VdK Rheinland-Pfalz e. V.: „In Armut geraten Leute, die eben von Krankheiten betroffen sind oder eben auch das Thema soziale Herkunft spielt eine große Rolle und diese Vorurteile und dieses neoliberale ‚jeder ist seines eigenen Glückes Schmied‘ führt eben dazu, dass man noch mehr diese Vorurteile verstärkt, die aber tatsächlich falsch sind.“
Betroffene erzählen ihre Geschichte, auch Christiane Kraetsch. Doch außer ihr will niemand sein Gesicht zeigen.
Christiane Kraetsch: „Viele trauen sich dann auch nicht, in die Öffentlichkeit zu gehen und zu sagen, hier, mich betrifft das auch. Aber ich bin der Meinung, und das ist das, was man letztendlich aus den DDR-Zeiten mitnimmt, wenn man nie den Mund aufmacht, wird sich auch niemals was ändern.“
Armut sollte kein Tabuthema sein. Dafür kämpft Christiane Kraetsch. Ihre Kinder und Enkelkinder geben ihr Kraft dafür.

Maike Dickhaus, Moderatorin:
Und bei mir im Studio ist jetzt der Vorsitzende der Liga der Freien Wohlfahrtspflege in Rheinland-Pfalz, Albrecht Bähr. Guten Abend.
Albrecht Bähr, Vorsitzender der LIGA der Freien Wohlfahrtspflege Rheinland-Pfalz:
Guten Abend.
Dickhaus:
Die Liga, das ist der Zusammenschluss von den Spitzenverbänden der Wohlfahrt in Rheinland-Pfalz und Sie vertreten sozusagen die Interessen von hilfebedürftigen und benachteiligten Bürgern und sind auch sozialer Dienstleister. Jetzt haben wir es eben im Beitrag gesehen: Einige Menschen, die in Armut geraten, die fühlen sich hilflos, die fühlen sich auch alleingelassen. Wie ist das mit den Hilfsangeboten? Gibt es da einfach keine oder sind die den Betroffenen nur nicht bekannt?
Bähr:
Es gibt schon viele Hilfsangebote und hier möchte ich sagen: Die Frau hat wenigstens noch den Mut, ihre Stimme zu erheben. Das haben viele gar nicht mehr, sondern sie schweigen, weil sie resigniert haben. Es gibt Angebote, aber es ist sehr, sehr kompliziert. Und was hier fehlt, ist, dass ein Kümmerer die beiden Eheleute begleitet, bis sie das haben, was sie brauchen, denn die Anträge sind kompliziert. Manchmal stößt man auch auf unverständige Organisationen. Wir versuchen, das in der Wohlfahrt zu begleiten, können aber auch nicht alles begleiten. Aber im Grundtenor hat diese Frau auch recht. Es ist ein ganz schwieriger, holpriger Weg für Menschen, die sowieso schon viele Barrieren zu überwinden haben, sich wieder in der Gesellschaft zurechtzufinden. Und was ja hier rauskommt: Sie wollen ja eigenständig sein, sie wollen nicht abhängig sein. Und diesen Schritt muss eine Gesellschaft leisten. Schon davon abgesehen, dass, wenn wir das nicht hinbekommen, die Folgekosten und die Aufwendungen, die später entstehen werden, sehr hoch sein werden.
Dickhaus:
Das ist ein Beispiel. Und die Eheleute, die zeigen sich frustriert. Sie müssen zum Beispiel immer wieder ihre Behinderung nachweisen, um eben eine Haushaltshilfe zu bekommen oder ein Behindertenparkausweis. Und das, obwohl ihnen Ärzte bescheinigen, dass sie eine dauerhafte Behinderung haben. Also sind diese Anträge auf Hilfeleistung nicht viel zu bürokratisch?
Bähr:
Wir diskutieren ja ständig über Bürokratieabbau. Wir merken das nicht. Wir merken eher, dass es viel schwieriger wird. Die Sozialkassen sind nicht mehr so gefüllt wie früher. Man ist eher misstrauisch, man versucht zu intervenieren. Oder man lehnt zunächst einmal ab und erst in einem zweiten Antrag bekommt man dann das, was man möchte. Das ist ein Riesenproblem und ist eigentlich auch eine Schikane gegenüber diesen Menschen. Denn die allermeisten Menschen, die dann ja auch in die Armut abrutschen, sind zunächst einmal durch irgendeine besondere Situation überhaupt erst in diese Talfahrt gerutscht. Und ihnen zu helfen wäre eigentlich unsere Pflicht. Aber viele packen das allein nicht mehr.
Dickhaus:
Jetzt geben wir ja als Staat schon enorme Summen für Sozialleistungen aus. 1345 Milliarden € waren das im letzten Jahr, also 1,3 Billionen. Und trotzdem haben wir ein Armutsproblem. Woran liegt das? Und was muss sich da ändern?
Bähr:
Also es ist viel Geld, das ins System fließt. Ich unterstelle auch keinem, auch der Landesregierung nicht, den Kommunen hier in Rheinland-Pfalz, dass sie nicht wollen, dass das Thema Armut behoben wird. Aber dieses Geld versackt oftmals oder ist nicht effizient genug eingesetzt. Ich möchte es an einem Beispiel nehmen: Wenn Sie ein armes Mädchen haben, das aus prekären Verhältnissen kommt, wo es auch an Lebensmittel fehlt, dann können Sie nicht sagen: “Wir haben Kitaplatz und einen Grundschulplatz”, sondern dann muss ich auch gucken, dass dieses Kind in einen Ganztagskindergarten kommt und da fehlen viele Plätze, dass es dann in eine Ganztagsschule kommt, die nicht 20 Kilometer, 15 Kilometer weg ist, dass die Ernährung klappt, dass die Bildung klappt, dass das Kind auch in den Ferien versorgt ist. Nur so können wir die Armut beheben. Oftmals ist es so: Freitags gehen sie aus der Schule raus, am Wochenende sackt wieder alles ab und am Montag kommen sie wieder. Und da gibt es Beispiele, gelungene Beispiele in Skandinavien, wo die Kinderarmut bei 2 bis 4 % liegt. Bei uns liegt sie in manchen Städten bei 20 %. Es braucht Kümmerer, die die Menschen begleiten. Es kann nicht alleine die Verantwortung der Politik sein, auch der Kommunen, sondern wir leben in einer Demokratie. Und Demokratie heißt auch, sich zu engagieren, damit nimmt nicht nur ich eine Würde habe, sondern der Andere. Und dass ich auch in Freiheit mein Leben gestalten kann, wie der Andere. Und da muss ich vieles tun. Wir sind jetzt noch in der Ferienzeit. In der Stadt Wien zum Beispiel, habe ich gehört, können die Kinder kostenlos mit dem öffentlichen Nahverkehr fahren und in Schwimmbäder gehen. Das würde uns nicht wirklich viel kosten.
Dickhaus:
Ein ganz wichtiges Thema, über das wir noch lange sprechen könnten. Vielen Dank, Herr Bähr, für das Studiogespräch.
Bähr:
Sehr gerne.