Eine „Stille Stunde“ zum geruhsamen Einkaufen

Als erste Stadt Deutschlands führt Wiesbaden flächendeckend die sogenannte Stille Stunde ein. Das heißt, dass Geschäfte eine Zeit lang ihre Musik ausmachen und das Licht dimmen. So werden unsere Reize beim Einkaufen nicht so stark beansprucht – ein wichtiger Unterschied für Menschen, die beispielsweise an Autismus oder Long-Covid erkrankt sind.

Nur so ist es erträglich, sagt Daniela Hill. Ruhiger, dunkler. Die Wiesbadnerin ist Autistin. Ein gewöhnlicher Einkauf ist für sie fast nicht möglich: zu viele Reize an jeder Ecke.
Daniela Hill, Autistin: „Es gibt einfach schlechtere Tage, da würde ich dann einen Einkauf nicht einplanen oder ich sage ihn auch ab, selbst wenn ich ihn vorher vorgesehen hatte. Weil man eben eine gewisse Menge an Kraft übrig haben muss, um das dann besser bewältigen zu können. Ja, es erfordert Planung.“
Eine Planung, die gesunde Menschen in dieser Form nicht kennen. Jeden Donnerstag von 15 bis 17 Uhr wird es seit Kurzem in der Wiesbadener Innenstadt stiller. Rund 20 Geschäfte machen mit. Auch die anderen Kunden sehen die Vorteile.
Thomas Kreuz: „Dass die Musik aus ist, empfinde ich als sehr angenehm, weil meistens die falsche Musik läuft. Also man kann ja nicht jeden Geschmack treffen und mein Geschmack ist sicherlich ein anderer.“ 
Nooshin: „Ich finde das sehr angenehm. Man hat sehr gut Laune, hier zu laufen, zu gucken und etwas auszuwählen.“ 
Die Stille Stunde richtet sich unter anderem an neurodivergente Menschen – also an Menschen, deren Gehirnfunktionen von der Norm abweichen. Das kann sich in Form von Autismus oder ADHS äußern und umfasst etwa 10 bis 20 Prozent der Bevölkerung. Menschen mit Long-Covid oder Migräne profitieren genauso von dem Projekt. Andrea Hausy von der Stadt Wiesbaden verfolgt aber noch ein ganz anderes Ziel.
Andrea Hausy, Inklusionsbeauftragte Stadt Wiesbaden: „Ich glaube, die Stille Stunde ist das Eine. Aber die Menschen zu sensibilisieren für die Belange von nichtsichtbaren Behinderungen, also ich glaube, da haben wir einen hohen, hohen Bedarf. Weil man oft aus dem Raster fällt. Weil Menschen wirklich abgeschnitten werden vom Teil der Gesellschaft. Und das kann nicht sein.“ 
Gemeinsam mit Rebecca Lefèvre von der Initiative „gemeinsam zusammen“ hat die Stadt das Konzept erarbeitet. Lefèvre ist selbst Autistin und sagt: Nicht sichtbare Barrieren gibt es auch in anderen Alltagssituationen.
Rebecca Lefèvre, gemeinsam zusammen e.V.: „Wir waren auch schon einmal im Kindergarten und wir waren in der Schule und wir müssen arbeiten. Und das schaffen wir oft gar nicht oder sehr, sehr, sehr schwer nur. Und deshalb ist die Zusammenarbeit mit den Städten so wichtig, weil wir eben lernen müssen, dass wir unheimlich viele Menschen haben, die diese Bedürfnisse haben, die bisher in keinem Nationalplan irgendwie stehen. Und wo bisher ganz wenig Lösungen klar beschrieben sind.“ 
Für Daniela Hill ist die stille Stunde eine Entlastung.
Daniela Hill, Autistin: „Es ist sehr beruhigend. Es überfordert mich nicht. Ja, ich höre noch Gespräche von Menschen. Aber ich habe einen Reiz weniger, nämlich dieses starke Licht.“ 
Fündig geworden ist sie heute nicht. Aber das ist ja auch kein Problem – immerhin steht der nächste stille Donnerstag in Wiesbaden schon wieder vor der Tür.