Vier Jahre nach der Ahrtal-Flut

Heute vor genau vier Jahren hat sich im Ahrtal eine unfassbare Katastrophe ereignet: Nach heftigen Regenfällen verwandelte sich das kleine Flüsschen Ahr in einen reißenden Strom. 135 Menschen verloren bei der Flut ihr Leben. Der Sachschaden an Gebäuden und Infrastruktur geht in die Milliarden. Nach dem Schock begann der Wiederaufbau – manchmal zügig, oft aber auch nur schleppend. Heute, vier Jahre später, ist das Ahrtal an manchen Stellen schon fast nicht wiederzuerkennen.

Marienthal unmittelbar nach der Katastrophe: In der 100-Seelen-Gemeinde an der Ahr steht fast kein Stein mehr auf dem anderen. Alleine in Marienthal hat die Flut fünf Menschenleben gefordert. Nur wenige Gebäude – weiter oben, am Hang –  sind überhaupt noch bewohnbar. Brücken und Straßen sind zerstört.
Und so sieht Marienthal heute aus: Vier Jahre nach der Flut sind fast alle zerstörten Häuser wieder aufgebaut. Die größte Baustelle im Ort ist inzwischen der neue Dorfplatz.
Rolf Schmitt, Einwohner Marienthal
„Wir sind nach der Flut gestartet mit den Worten: Wir wollen unseren Ort schöner machen wie vorher. Und ich denke im Hintergrund kann man schon das eine oder andere sehen, was es vorher nicht gab. Von daher: Wir sind auf nem guten Weg. Noch nicht ganz fertig – aber es wird.“
Mit Hilfe von Spenden und vor allem mit ganz viel Eigeninitiative entsteht so ein neuer Dorfmittelpunkt: Das neue Dorfgemeinschaftshaus steht schon – bald kommt noch ein Kinderspielplatz dazu. Eine Stele mit Gedenktafel soll an die Opfer der Flutkatastrophe erinnern.
Wie fast alle Gebäude im Ort stand auch das Haus von Rolf Schmitt bis zur Dachkante unter Wasser. Inzwischen ist es saniert und wieder bewohnbar – so wie auch das Haus von Stefan Zimmermann. Den Schreinermeister hat die Flut gleich doppelt erwischt: Nicht nur sein Privathaus in Marienthal – auch seine Schreinerei in Bad Neuenahr-Ahrweiler ging in den Fluten unter. Obwohl Zimmermanns Holzwerkstatt rund 200 Meter von der Ahr entfernt liegt, stand auch hier das Wasser bis unter die Decke. Sachschaden alleine an Maschinen und Inventar: Rund eine halbe Million Euro. Also am besten einfach alles hinschmeißen und woanders neu anfangen?
Stefan Zimmermann, Schreinerei Hoppe
„Die haben wir uns auch kurz gestellt, die Frage. Und dann war die zweite Frage: Wohin denn? Wo sollen wir denn hin? Unser Haus war kaputt. Gott sei Dank versichert privat, kein Ding. Aber wer kauft sowas? Wo hätte ich denn neu anfangen sollen. Und dann haben wir gesagt: Nene. Wir müssen hier bleiben. Und das mit der Schreinerei war dann halt die Sache, dass ich gesagt habe: Wir müssen auch hier wieder neu aufbauen. Weil das Ahrtal braucht Handwerker.“
Vor allem direkt nach der Flut habe sich die Schreinerei kaum vor Aufträgen retten können – ohne eigene Werkstatt hätten die Mitarbeiter in dieser Zeit vor allem bestellte Fertigteile wie Fenster in flutgeschädigte Häuser eingebaut. Erst seit gut einem Jahr laufe der Werkstattbetrieb wieder weitgehend normal.
Stefan Zimmermann, Schreinerei Hoppe
„Was uns hier im Ahrtal immer noch so ein bisschen das Genick bricht, ist dieser immense Verwaltungsaufwand. Sei es bei Genehmigungsverfahren. Also etwa Baugenehmigungen. Oder selbst wenn es nur um eine Parkgenehmigung oder solche Dinge geht. Wenn man das alles vielleicht ein bisschen vereinfachen könnte und nicht immer versucht, mit dem ganz großen Besteck alles zu zerpflücken im Endeffekt.“
Den Mitarbeitern der örtlichen Behörden macht Stefan Zimmermann dabei aber keinen Vorwurf: Denn die hätten vor allem direkt nach der Flut teils Übermenschliches geleistet und Dinge möglich gemacht, die so normalerweise nicht möglich wären. Auch Rolf Schmitt lobt den gigantischen Zusammenhalt der Menschen nach der Katastrophe – und  auch er will trotz der Gefahr einer neuen Flut im Ahrtal bleiben.
Rolf Schmitt, Einwohner Marienthal
„Wenn man sicher sein will, kann man sicher sein, dass man irgendwann stirbt. Aber ansonsten gibt es nichts Sicheres. Und hier ist unsere Heimat und da wollen wir bleiben. Und wir hoffen natürlich, dass wir in unserem Leben eine solche Katastrophe nicht mehr erleben.“